Editorial

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Rosemarie Tüpker für die Redaktion der Zwischenschritte.


Treffender als mit diesem Coverbild von Sigrid Domke kann man kaum ins Bild rücken, was vielen von uns die Psychologische Morphologie bedeutet: Eine bunte Welt von Allerweltsdingen drängt herein und heraus, die nur auf den ersten Blick nichts mit Psychologie zu tun haben. Die großzügig geöffnete zweiflüglige Tür (einer Methodik) gibt den Blick frei auf Mode und Technik, Musik, Mensch-ärgere-dich(-nicht), Columbo, Buchstaben, märchenhafte Tiergestalten und einen Rückspiegel, an dem gerade ein Ufo vorbeischwebt. Ein Aal hat sich schon auf den Weg gemacht, zwei Schuhe werden ihm wohl bald folgen und wer diese Tür einmal geöffnet hat – sprich: sich einmal auf die Morphologische Psychologie eingelassen hat – der bekommt sie so schnell nicht wieder zu, da hilft auch kein Lattenzaun, denn: „Nichts ist drinnen, nichts ist draußen: Denn was innen das ist außen.“

Wolfram Domke beschenkt uns mit seinem Buch Allerweltsdinge und ihre psychologischen Geheimnisse mit der ganzen Mannigfaltigkeit der Themen morphologischer Forschung: mit Aufsätzen zu Alltag und Kultur, Kunst und Märchen, Behandlung und Technik, mit Spielerischem und Ernstem, Alltäglichem und Fantastischem, damit, wie das alles zusammenhängt und was die Morphologie und Don Quijote, Köln und Südamerika miteinander verbindet. Die den Untersuchungen zugrundeliegenden Tiefeninterviews ziehen den Grauschleier von Dingen, die farblos oder eindeutig zu sein schienen, unverständlich oder belanglos, und enthüllen ihre Mehrdeutigkeit, ihre Paradoxie und ihre Übergangsqualität.

Die Zusammenstellung bündelt Veröffentlichungen Domkes von 1985 bis 2023 und bietet Einblicke in seine ersten Begegnungen mit der Morphologie Wilhelm Salbers bis hin zu den Ergebnissen seines Wirkens als Intensivberater und Ausbilder, als Dozent und Wirkungsforscher. Sie zeigt Forschungsschwerpunkte, wie den Umgang mit Märchen, und freudvolle Nebensächlichkeiten, wie den Fußball. Wer Wolfram Domke kennt, wird zudem mit einer verblüffenden Erzählung zu seiner eigenen Geschichte am Schluss des Buches überrascht.

Domkes Buch ist erschienen als Band 2 der neuen Buchreihe Schriften zur Morphologie, die Armin Schulte etwa ein Jahr vor seinem Tod initiierte. Parallel zum Online-Auftritt der Zwischenschritte soll mit ihr die Möglichkeit von Printpublikationen geschaffen werden, zu deren Programm sowohl neue Veröffentlichungen gehören sollen als auch Zusammenstellungen verstreuter Schriften einzelner Autor:innen und schwer zugängliche Schriften. Mit dem Titel Schriften zur Morphologie knüpft sie an die zweihundertjährige Geschichte der Morphologie als einer spezifischen Sicht- und Denkweise an und will, ganz im Sinne Goethes, offen sein für wahlverwandte Interpretationen, ergänzende Kontrapunkte und erweiternde Perspektiven.


Der schon 2023 erschienene erste Band Notizen. Kulturmorphologische Anmerkungen am Rande gelebter Normalität von Frank G. Grootaers ist ein solches Werk, welches Morphologie und wahlverwandte Perspektiven zusammenbringt. Grootaers kommt aus der Musiktherapie, studierte ebenfalls bei Wilhelm Salber und ist Mitglied der WSG. Seine Notizen verbinden eine morphologische Weltsicht mit Einflüssen von Maurice Merlau-Ponty, Edmund Husserl, Alfred Lorenzer und Bernhard Waldenfels.

Auch in seinem Buch geht es um die Verbindung von Alltäglichem mit Psychologischem, manchmal Philosophischem. Grootaers lässt die Leser:innen in Form von 156 Alltagsnotizen teilhaben an dem „Liebeswerben der Kultur“ (Salber), die als Keimformen im Alltagserleben auftauchten, sich als Einfälle festsetzten, weiter wirkten, seltsame Wendungen nahmen, sich in einem „offenen Denkfeld“ mit anderem verbanden, um sich schließlich zu einem aufschreibbaren Text zu verfestigen.

Beide Bände sind mit Zeichnungen Wilhelm Salbers illustriert und erschienen für die Zwischenschritte bei Books on Demand. Sie sind über den Buchhandel oder direkt bei BoD erhältlich.

 

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