In einer qualitativen Untersuchung zum Thema „gelebter“ Raum wird am Beispiel des Kölner Doms und anderer Kirchen gezeigt, wie wir unsere räumliche Umgebung innerhalb bestimmter Grenzen der Komplexität (Gestalthöhe) nach verschiedenen „Gestaltlogiken“ organisieren. Im Kölner Dom werden fassbare, übersichtliche (Raum-)Einheiten nach der Logik verschiedener Raumkonzeptionen gebildet: ein umschlossener (eingegrenzter) Innenraum oder ein durch raumnehmende Volumengegliederter Raum (ohne Grenzen). Es gelingt sogar der Doppelgriff nach beiden Räumen (Verzweigungspunkt). In der damaligen Oberkirche von St. Gereon – vor dem Abschluss der Wiederaufbauarbeiten war sie auch erlebnismäßig ein Raumfragment – ließen sich Gestaltungsprobleme beobachten, die sich aus einer geringen inneren Vielfalt ergeben.
Der Anschein mag durchaus dafür sprechen, dass nun, nachdem versucht wurde, eine psychologische Deutung der Architektur von G. Böhm zu geben* und das Altstadt/Dom-Rhein-Projekt mit den Räumen der Philharmonie und des Doppelmuseums in Köln unter psychologischen Gesichtspunkten zu beschreiben**, nun auch der Kölner Dom sozusagen „dran“ sei. Die Dinge haben sich jedoch in der umgekehrten Reihenfolge entwickelt. Als gegen Ende der siebziger Jahre Architekten, die sich mit Problemen der Stadtbild- und Denkmalpflege beschäftigten, danach fragten, was die Gestaltpsychologie zu Fragen der Stadtgestalt sagen könne, geriet ich zur eigenen Überraschung in eine ziemlich große Verlegenheit. Eigentlich – so dachte ich – wohl recht viel. Tatsache aber war, dass für Psychologen eine entsprechende Anwendung der Gestaltpsychologie und -theorie nicht in Betracht kam. Man lese nach, was beispielsweise E. Geisler (1978) zu diesem Thema schrieb. Fachleute aus anderen Disziplinen waren den Psychologen da weit voraus. Für sie lag es nahe, räumliche Ordnungen unter Bezug auf die klassischen Gestaltgesetze zu beschreiben (Krause 1973/74; Nonn 1977; Thieb 1977). So war es geboten, Versäumtes nachzuholen, wenn man die Angelegenheit nicht einfach auf sich beruhen lassen wollte.
*Seifert, W. (1986): Gestalthohe Gestalten – eine psychologische Deutung der Architektur von Gottfried Böhm. Zwischenschritte, 5(2), 93-105
**– (1987): Eine Lücke wurde geschlossen – Anmerkungen zur Fertigstellung des „Altstadt/Dom-Rhein-Projekts“ in Köln. Zwischenschritte, 6(1), 56-61
Bald stellte sich heraus, dass die klassischen Gestaltgesetze nicht ausreichen würden, wenn Analysen zur Raumgestaltung – radikal gesehen – auch auf das „Phänomen des Wandels“ (Giedion 1969) erstrecken sollen. Mit „radikal sehen“ meine ich, anerkennen, dass alles, wie fest und unerschütterlich es auch „da“ stehen mag, die Möglichkeiten zur Veränderung in sich trägt. Um „Gestalt und Wandel“ (Salber 1965) als eine Problemstellung auch im Phänomenbereich unserer räumlichen und gebauten Umgebung verfolgen zu können, bedurfte es neuer und ergänzender Begriffe. Zuerst schien es geboten, den schon in Vergessenheit geratenen Begriff der „Gestalthöhe“ (Wellek 1963) zu neuem Leben zu erwecken, weil er wie kaum ein anderer auf Phänomenbereiche anwendbar ist, zu denen Komplexität und Einheitsbildung, Organisation und Wandel gehören. In der eigenen Disziplin fehlten aber Begriffe, die geeignet erschienen, räumliche Organisationen auch außerhalb der Evidenzen der Gefäßvorstellung zu beschreiben. In dieser Frage ging es weiter, als ich auf die Raumkonzeptionen stieß, die S. Giedion beschrieben hat. Freilich dürften diese Konzeptionen nicht lediglich als Sammelbegriffe für Gebäude aus unterschiedlichen Epochen oder Kulturen angesehen werden. Sie mussten im Sinne der Morphologie, die W. Salber entwickelte, als Grundgestalten der Raumbildung verstanden werden. Dann ließ sich die Bewährungsprobe für diese Vorüberlegungen nicht länger hinausschieben. Um empirisch vorgehen zu können, mussten konkrete Räume aufgesucht werden. Angesichts der Schwierigkeiten, die zu erwarten waren, fiel die Wahl auf Räume, in denen „Versuchspersonen“ in räumliche Situationen geführt werden konnten, die nicht gerade alltäglich, aber trotzdem lebensnah, manchen Versuchspersonen sogar vertraut sind. Die Wahl fiel auf den Kölner Dom. Zum Vergleich wurden auch andere Kirchen aufgesucht, darunter die Oberkirche St. Gereon, deren Rundbau damals noch nicht fertiggestellt war. Die Exkursionen fanden im Herbst an einem Vormittag bei wolkenlosem Himmel statt. In den Kirchen herrschte der übliche Besucherverkehr ohne Orgelspiel und Gottesdienst. Den empirischen Teil der Untersuchung referiere ich in der Form, in der er seinerzeit niedergelegt wurde. Damit möchte ich zu Beginn des Jahres ’88 einen weiteren Rückblick verbinden. Die „Morphologie des seelischen Geschehens“ erschien 1965. Dort steht der Satz: „Die Psychologie hat es nicht leicht.“ Er wurde rasch zu einem geflügelten Wort. Für viele „Kölner“ Psychologen beschreibt er Erfahrungen, die sie mit dieser Psychologie selbst machten. Für viele wurde und ist er ein Ansporn, neue und alltägliche Fragestellungen der Psychologie zuzuführen. 1988 könnte, wenn es noch bestünde, das Psychologische Institut II an der Universität zu Köln sein 25-jähriges Bestehen feiern. Freilich war es nicht die schwierige Psychologie, mit der „das Institut“ – wie viele es nannten – sich womöglich selbst sein Ende bereitet hätte. Es waren andere Gründe, die diesen Umstand herbeiführten. Gibt es keine Jubiläen mehr, entfallen auch Anlässe für einen Ausblick auf künftige Aufgaben. Das ist schade!
Da die Morphologie nun aber zu den richtungsbestimmenden Theorien in der Psychologie gehört und zu jenen, die mit dem Namen ihres Begründers verbunden sind, möchte ich ein anderes Datum nicht unerwähnt lassen: Im Jahr 1988 wird Professor Dr. W. Salber seinen 60. Geburtstag begehen.
Eine psychologische Untersuchung zum „gelebten“ Raum sollte meines Erachtens so angelegt sein, dass ihre Ergebnisse Aufschlüsse darüber erlauben, wie es überhaupt möglich ist, dass wir Menschen uns in unserer räumlichen Umgebung innerhalb bestimmter Grenzen der Komplexität (Prigogine 1981) einrichten, sodass es uns dadurch gelingt, das permanente Chaos zu vermeiden. „Chaos“ ist dann nicht in dem Sinne zu verstehen, als sei nur über Unübersichtlichkeit, Durcheinander oder einfach über Unordnung zu klagen. Entsprechende Gegebenheiten sind mit diesen Worten hinreichend zu beschreiben. Mit „Chaos“ ist dann die Summe aller Möglichkeiten gemeint, woraus Ordnungen erwachsen, damit Entwicklungen in der Zeit (= Bewegungen) möglich sind. Außerdem bringen die Ordnungen das Übersummative ins Spiel. Ohne dass sich Ordnungen herausbilden (können), gäbe es das Übersummative nicht. Der „gelebte“ und erlebnisgegenwärtige Raum ist nicht der indifferente (oder unterschiedslos homogene) Raum, der den „Messungen und Überlegungen des Geometers“ entstammt (Bachelard 1975, 30). Er ist ein eigenartiger Spiel- und Grenzraum für Bewegungen (v. Dürckheim 1932, 420), die wir als leibliche, lebendige Wesen vollziehen (müssen). Er hat seine Eigenart, weil wir ihn im Vollzuge unserer Bewegungen mit allen Parteinahmen unserer Einbildungskraft erschließen. Der Begriff des „gelebten“ Raumes wendet sich gegen alle Einschränkungen, die dem Umstand widersprechen, dass unsere Erfahrungen mit Raum sehr vielfältig und wandelbar sind. Die Konsequenzen, die sich aus dem Gebrauch dieses Begriffs ergeben, sind uns zwar nicht unvertraut; wir können sie uns aber nicht immer ausdrücklich bewusst machen. Im „gelebten“ Raum sind Grenzen doppelgesichtig. Schlagbäume zerschneiden Straßen und Wege; Wände können Trennwände sein; ein Ende weckt die Hoffnung nach einem (neuen) Anfang. Die Relation Drinnen–Draußen ist „ein Phänomen des Spielraums“. Sie gliedert sich in das Eingeschlossen-Sein, das Ausgeschlossen-Sein, das Sich-Verschließen (Straus 1956, 251). Drinnen und Draußen können im „erlebten“ Raum nicht einfach als reziprok angesehen werden. In ihm vervielfältigt und verwandelt sich diese „Dialektik“ in unzähligen Nuancen. Psychologische Untersuchungen zum „gelebten“ Raum haben gegen einen Vorbehalt anzutreten, der sogar die Form eines Verdikts gegen die Möglichkeit der Empirie in diesem Bereich unseres Erlebens überhaupt annehmen kann (Kruse 1974, 22). Gerechtfertigt erscheint dieser Vorbehalt, wenn man sich auf eine enge Auslegung des Begriffs von der „transzendentalen Idealität“ des Raumes beruft, wie I. Kant (1781) ihn verstanden hat. Der scharfsinnige Philosoph aus dem alten Königsberg hatte bekanntlich dargelegt, dass der Raum (ebenso wie die Zeit) nicht zu der wirklichen empirischen Welt der Dinge (und Vorgänge) gehöre, sondern zu unserer eigenen geistigen Ausrüstung und deswegen ähnlich wie ein Beobachtungsinstrument fungiere, also als ein Ordnungssystem zu charakterisieren sei, das sich nicht auf Erfahrung gründet, wohl aber auf Erfahrung angewendet wird (Popper 1957, 12). Es ist allerdings möglich – etwa in Anlehnung an H. Rombach –, diese Verhältnisse auch umgekehrt zu betrachten. Erfahrung macht dann die „reinen Formen“ möglich (Rombach 1966, 442). Der reale Raum braucht dann keineswegs aus einer reinen, apriorischen Ontologie deduziert zu werden. Er wird dann hingenommen, als was er sich selber gibt (Gebung ist dabei soviel wie Erfahrung). Der Begriff der transzendentalen Idealität des Raumes war für den Philosophen notwendig geworden, weil er schlüssige Beweise sowohl für einen endlichen (außen leeren) als auch für einen unendlichen (sich überall hin erstreckenden) Raum führen konnte. Offensichtlich widerstrebte es ihm, diesen Widerspruch als eine Eigenschaft des wirklichen Raumes anzusehen. Mit dieser Auffassung braucht nicht gebrochen zu werden, da nach wie vor gilt, dass etwas, das zu unserer Ausstattung gehört, nämlich unsere Fähigkeit zur Bewegung, eine Bedingung der Möglichkeit unseres Raumerlebens ist. Insofern es zumindest fraglich ist, ob unsere Ausstattung auch als eine hinreichende Bedingung für die vielfältigen und wandelbaren Raum-Erfahrungen, die wir machen, gelten kann, legt sich die Frage nahe, welche Erfahrungen denn welche Formen ermöglichen (und/oder umgekehrt). S. Giedion hat an Beispielen aus verschiedenen Perioden in der Geschichte der Architektur – angefangen mit Bauwerken der Ägypter und Griechen, die das plastische Volumen und die horizontale Ebene in Beziehung zueinander setzten, über die „architektonisierten Höhlen“ der Tempelanlagen von Malta bis hin zur Baukunst der Römer, die ihre erste Vollendung in dem ungeheuren Innenraum des Pantheon fand – nachgewiesen, dass unsere räumliche Umgebung nach verschiedenen Raumkonzeptionen geformt bzw. gestaltet ist, je nachdem, ob wir entsprechend geformte Gegebenheiten bereits vorfinden oder ob entsprechend gestaltete Bauwerke eigens geschaffen worden sind. Die Raumkonzeptionen sind somit Bedingungen dafür, dass wir in verschiedenen (konkreten) Räumen leben – uns bewegen – können. Der Raum als eine Art Gefäß ist demnach nicht der Raum, sondern nur ein Raum unter anderen möglichen Räumen. Insofern wir die verschiedenen Räume über die „in“ ihnen jeweils vollziehbaren Bewegungen erfahren (Bewegen = Er-Fahren), dürfen die Raumkonzeptionen als Grundformen unserer Erfahrung mit Raum verstanden werden. Da sie jeweils einer bestimmten „inneren Logik“ gehorchen, ist auf sie der von W. Salber (1977) geprägte Begriff der Gestaltlogik anwendbar.Giedion war der Meinung, dass es außer diesen beiden Raumkonzeptionen, also neben den Erfahrungen mit der plastischen Ausdehnung (des) Raumes und den Erfahrungen mit der Aushöhlung oder Umschließung (des) Raumes noch eine dritte Raumkonzeption, das „Group Design“, gäbe. Aus gestaltpsychologischer Sicht läge es jedoch nahe, die Architektur als Plastik und Innenraum, für die in unserer Zeit meines Erachtens G. Böhm eindringlich wirkende Beispiele geschaffen hat, als eine gestalthohe Ergänzung der beiden ersten Raumkonzeptionen zu verstehen. Der Nuancenreichtum unseres Raumerlebens ließe sich dann aus Übergangserlebnissen zwischen den (beiden ersten) Raumkonzeptionen herleiten. Auf solche Übergangserlebnisse hat O. F. Bollnow hingewiesen. „Die Geschlossenheit eines den Menschen bergend umfassenden endlichen Raums bricht auseinander und öffnet sich in die bis dahin unbekannte Weite der Unendlichkeit“ (Bollnow 1976, 86).Da die Giedionschen Raumkonzeptionen und die Kantschen Beweisführungen einander nicht widersprechen, steht die Möglichkeit empirischer Untersuchungen im Bereich unseres Raumerlebens außer Zweifel. Ein Umstand darf aber nicht außer Acht geraten. Die Gegenstände solcher Untersuchungen sind zwar in hohem Maße erlebnisbestimmt, aber zugleich sind in ihnen auch andere (nicht psychische) Bestimmtheiten mit am Werke. Eine Zweitrangigkeit psychologischer Gesichtspunkte lässt sich daraus freilich nicht herleiten. Für die Bevorzugung eines bestimmten Raumes (z. B. des Gefäß-Raumes) mag es viele Gründe geben. Trotzdem kann sie das Resultat tradierter Gewohnheiten sein. Welche Notwendigkeiten auch im Spiele sein mögen, aus psychologischer Sicht darf für empirische Untersuchungen zum Raumerleben davon ausgegangen werden, dass der „gelebte“ Raum von uns (vom psychischen Geschehen) beim Umgang mit konkreten, anschaulichen und architektonischen Gegebenheiten gebildet und umgebildet wird. Dieser Raum ist wirklich in dem Sinne, als seine jeweils konkrete Gestalt sich bildet, indem wir (Menschen) handelnd unser Leben in ihm leben. Insofern wir dabei unterschiedliche Spielräume ausbilden, davon einige bevorzugen, andere meiden, gilt ferner: Raumgestaltung bildet auch uns; ein Wechsel des Raumes eröffnet auch uns die Möglichkeit zur Veränderung. Für viele Zeitgenossen ist die Gefäßfiktion im Sinne einer Schachtel mit geraden Wänden, wo nur noch offen ist, ob sie einen Deckel hat oder nicht, ein unantastbarer Bestand des Alltagsbewusstseins. Andere Raumerlebnisse, ja, bereits Aussagen über sie erhalten den Charakter des Unerlaubten. Vor diesem Hintergrund sind meines Erachtens die heftigen Reaktionen auf eine gestaltpsychologische Beschreibung des Innenraums der Kölner Philharmonie zu verstehen. Die Aussage, dass sich in diesem spezifisch geformten Raum ein „Gruben-Effekt“ (Seifert 1987, 63) bemerkbar machen kann, wurde als eine vernichtende Kritik aufgefasst. Es war offenbar nicht leicht zu erkennen, dass damit der Gestaltcharakter eines Bewegungsraumes mit Chancen und freilich auch Risiken beschrieben werden sollte. Dieser Raum, der nicht von senkrechten Wänden, sondern von einer Böschung gebildet wird, die uns aus Kiesgruben vertraut ist, hat seinen eigentümlichen Reiz, ja, an bestimmten Stellen – wie auch zu hören war – seine eigene Erotik. Freilich gehört zu seiner Form, dass die gleichsam natürlichen Bewegungsimpulse die Besucher eher nach unten (tiefer in die Grube hinein) führen statt nach oben, von wo aus sie das Foyer aber zügiger erreichen können. Wenn nun wegen der Tatsache, dass bestimmten Effekten nicht entgegengewirkt wurde, die tatsächlich Unbehagen bereiten können, sogar die Frage aufgeworfen wird, ob man dann solche Räume überhaupt bauen solle, so verkennt man damit die Möglichkeiten der Raumgestaltung, deren Aufgabe es doch wäre, im Rahmen gestalthöherer Lösungen kompensierende Effekte zu verstärken.
Es ist noch verhältnismäßig leicht, Vorbehalten zu begegnen, die auf der theoretischen Ebene angemeldet werden. Es gibt da aber die sozusagen real-grundsätzlichen Schwierigkeiten, an denen viele Vorhaben scheitern können. Für Untersuchungen zum „gelebten“ Raum gilt das in besonderem Maße. Denn es will uns kaum möglich erscheinen, dass wir hinter räumliche Ordnungen (leibhaftig) zurücktreten können, um dann zu beobachten, wie wir diese Ordnungen bilden. Auch kennen wir unsere eigene seelische Verfassung nicht, wie sie vor einer räumlichen Ordnung beschaffen sein mag. Und wie sollten wir ihrer ansichtig werden, wenn Ansehen-Können eine räumliche Anordnung voraussetzt? In unserer Alltagserfahrung haben Bauwerke eine anschauliche Fülle; vieles an und in ihnen ist uns einfach selbstverständlich. Wir hinterfragen es nicht. Bewegen wir uns in Räumen, so tun wir es. Wir fragen nicht ständig, wie wir es tun. Wir hören im Alltag unterschiedliche Meinungen und Urteile über Gebäude – auch über den Kölner Dom. Einige nennen wir richtig, andere falsch. Kaum kämen wir auf die Idee zu sagen, das rührt daher, dass Menschen in ein und demselben Raum unterschiedliche Räume bilden. Der Kölner Dom wurde zum Gegenstand einer psychologischen Untersuchung gemacht, um eigentlich nur herauszufinden, ob man vor diesen Schwierigkeiten wirklich kapitulieren muss. Die Fragen: was wir von unserer räumlichen Umgebung organisieren müssen und wie wir das tatsächlich tun, konnten dann, da die Schwierigkeiten nicht zur Aufgabe zwangen, beinahe (aber nur beinahe) schon wieder routinemäßig verfolgt werden.
An der Exkursion nahmen 17 Versuchspersonen (Vpn) teil (9 w; 8 m); in der Oberkirche von St. Gereon waren es 7. Der Zeitaufwand betrug für jede Vp einen halben Tag. Für eine Vp war es die erste Begegnung mit dem Kölner Dom. Es brächte wenig, wenn man im Einzelnen auszählen wollte, wie viele Vpn welche Aussage machten. Denn die Erlebnisrichtungen, die sich schwerpunktmäßig beschreiben lassen, wechseln bei ein und derselben Vp oft gegen mehr oder weniger starke Widerstände einander ab. Sofern genaue Ortsangaben erforderlich sind, werden sie im Text gegeben.
Die Vp, die den Kölner Dom (und die Stadt Köln) zum ersten Mal in ihrem Leben gesehen und betreten hatte, war für eine ganze Weile sprachlos. Wahrscheinlich widerfährt dies den meisten Dombesuchern, nur viele bemerken es nicht. Denn Kenntnisse über die Baugeschichte des Doms, auch Schulwissen über „das Mittelalter“ verführen rasch zum Reden. Und wer sich sogar in der Kunstgeschichte gut auskennt, hat am wenigsten mit Sprachlosigkeit zu ringen. Dann kann man sich sogar kritisch geben. Dass der Dom bei Zeitgenossen, die nur die Ursprünge bzw. ersten Manifestationen eines Stils als wirkliche Großleistung gelten lassen (Wolff 1974, 90), nicht gut angesehen ist, hat sich herumgesprochen. So etwas hilft natürlich überSprachlosigkeit hinweg. Es ist schon ein erster Befund, dass das Erzählen von Geschichte mitunter regelrecht gestoppt werden musste, falls der Untersucher etwas über den Dom als einen Raum, in dem man sich gerade befindet, erfahren wollte. Die ablenkende Beredsamkeit und die Sprachlosigkeit sind nur scheinbar gegensätzliche Reaktionen. Beide verraten, dass da ein Sachverhalt zunächst nicht (mit Worten) zu fassen ist. Wer in Beredsamkeit ausweicht, entzieht sich offenbar dieser Erfahrung (wehrt sie ab), wogegen die Sprachlosigkeit diese Erfahrung noch unmittelbar spürbar werden lässt.
Der Sachverhalt wird, sobald man Worte für ihn gefunden hat, groß, riesig, gewaltig, gigantisch, zu viel, unfassbar genannt. So jedenfalls verbalisierten viele Vpn ihren ersten Eindruck. Derartige Eindrücke, die in der Aufzählung eine Steigerung ergeben, welche anscheinend auf einen kritischen Punkt zuläuft, verweisen deutlich darauf, dass da etwas – nämlich der Dom-Raum als das jeweilige Herumganze – zunächst nicht in eine fassbare, überschaubare Form gebracht werden kann. Und eine solche Form brauchen wir offenbar, um uns auch in einem Bauwerk wohlzufühlen, wo die gewohnten und vertrauten Ausmaße unserer räumlichen Umgebung mit so eindringlicher Wirkung überschritten sind. Im Dom sucht man nach einer „Fassung“ – eben auch durch Erzählen von Kunst- und anderer Geschichte. Eine Vp kommentierte: „Die Herrlichkeit muss akademisch gebrochen werden!“ Die psychologische Untersuchung hatte genauer zu klären, was gebrochen werden muss. Im Falle der eben zitierten Aussage meinte „Herrlichkeit“ den ganzen Dom, so wie er als Bauwerk mit allen seinen Fundierungen da steht. Davon zu unterscheiden ist der Dom „als“ Produktion – als erlebter und „gelebter“ Raum. Es zeigte sich sehr bald, dass dieser Raum etwas ist, das sich in seiner konkreten Gestalt tatsächlich erst bildet, sobald Besucher sich in ihm bewegen, sobald sie „Spielraum“ in ihm haben und/oder ihn suchen. Nicht alle Vpn bezeichneten den Dom als groß, riesig usw. Angesichts der hochgotischen Architektur des Doms (und wohl auch wegen der Überschätzung der Vertikalen) darf man selbstverständlich erwarten, dass einige Vpn die Höhe als dasjenige angeben, was sie immer wieder bewegt und fasziniert. Immerhin zeichnet ja „ein einzigartiger Höhendrang des Mittelschiffes“ (im Langhaus; h = 43,35 m) das Innere des Kölner Doms vor allen anderen Kirchen seiner Gattung aus (Wolff 1974, 28). Es ist kein Zufall, dass einmal die Größe, das andere Mal „nur“ die Höhe am Anfang so herausgestellt wird (nachdem man sich einige Zeit im Dom aufgehalten hat, wechseln diese Eindrücke bei ein und derselben Vp). Denn hierin äußern sich zwei verschiedene konkrete Formen des seelischen Umgangs mit dem Dom: Dem Hohen steht man noch (oder schon wieder) gegenüber, eine Distanz kann noch gewahrt bleiben; während man im Großen selbst „drin“ ist, die Distanz noch nicht gewonnen (oder bereits verloren) hat. Distanz-Haben oder Gegenüber-Stehen bedeuten keineswegs, dass keine Bewegtheit zustande käme. Im Gegenteil! Wenn die Vpn sagen, ihr Blick ginge unwillkürlich in die Höhe, er würde in die Höhe gezogen, sie könnten ihr Herz erheben, so sind das deutliche Hinweise auf eine lebensanaloge Dynamisierung (Volkelt 1962). Bei dieser Dynamisierung kann man sich den schlanken, zarten Säulen überlassen, ihnen folgen, bis sie oben zusammenlaufen, sich dort „verschlingen“. Aber man selbst behält seinen Platz dort, wo man gerade sitzt oder steht (im Mittelschiff). Es bleibt aber nicht allein bei dieser Art der Dynamisierung. Auch bestimmte Umgangsqualitäten werden aktualisiert, sodass sich sogar die „wirklichen“ Materialqualitäten verändern. Der graue Stein hört z. B. auf, Stein zu sein; er wird, besonders oben, wo sich die Ausläufer der Säulen verschlingen, zu einem Zeltdach. Gegenüber-Bleiben heißt auch nicht, nur angenehme Gefühle zu haben und sich den Dynamisierungen „gerne“ zu überlassen. Denn im Dom ist es für manche Vpnunheimlich hoch; sie müssen sich dem unwillkürlichen Streben nach oben widersetzen – es würde ihnen sonst, wie mehrfach geäußert wurde, vielleicht schwindelig. Vpn, die anfangs von der Höhe beeindruckt sind, gehen, sobald sie den Dom betreten haben, schnell zum Mittelschiff des Langhauses bzw. zur Vierung. Die Seitenschiffe lassen sie seitlich oder hinter sich liegen. Eine Vp, die aus der Vorhalle kam, ging so zielstrebig in Richtung Altar, die Augen immer nach oben gerichtet, dass sie beinahe über die Brüstung vorne gestolpert wäre. Den Standort im Mittelschiff oder in der Vierung beibehaltend kann man sich den Dom durch Änderung der Blickrichtung weiter erschließen. Es gibt dann noch
mehr Beeindruckendes zu erfahren. Vorne (Osten, vormittags) ist es heller, freundlicher. Da sind oben (im Hochchor) die Fenster, durch die das Licht hineinkommt. „Hinter“ die bunten Fenster möchte man gerne einmal „gucken“. Etwas Schönes, Verheißungsvolles sei da irgendwie zu erwarten. Die Seitenschiffe sind dagegen dunkel, schmucklos, trist; sie gehörten gar nicht mehr dazu. Würde man sie doch hinzunehmen, verlöre man die Übersicht. Blickt man endlich nach hinten (Westen), so ist es dort nüchtern, vor allem aber dunkel. Ohne dazu aufgefordert zu sein, würde man wohl nicht lange in diese Richtung sehen. Denn da hinten wird es so unheimlich ungemütlich. Die Rippen (Säulen des Langhauses) würden immer enger. Sie führen einen weiter nach hinten; sie gehen schließlich selbst ins Dunkle hinein. Ganz hinten sieht man weder Säulen noch eine Wand. Das Dunkle dort – so eine Vp wörtlich – „ist irre“. Es sei da weitläufig düster. Man kann das Ende nicht sehen; man sieht nicht, wo es weitergeht. Das Westfenster schwebt im Dunkeln.Gestaltungsvorgänge sind also bei der bisher geschilderten Art und Weise, sich den Dom zu erschließen, offenkundig geworden. Es wird erkennbar, dass die Vpn eine Erfahrungsvielfalt allmählich in eine überschaubare Einheit bringen wollen. Dazu wählen sie Blickrichtungen aus, halten sie fest und übersehen dabei ganze andere Bereiche des Doms. Nicht nur die Seitenschiffe gehen dabei verloren. Das wäre insofern ganz selbstverständlich, als sie einfach aus geometrisch-optischen Gründen oft nicht mehr zu erfassen sind. Aber es wird auch etwas weggelassen, wofür die Geometrie keine hinreichende Erklärung bietet. Viele Vpn lassen unten über dem Fußboden gerne eine Schicht wegfallen. Die vielen Menschen, die dauernd durch den Dom gehen, stören dann nicht mehr. Man sieht sie nicht, allenfalls bemerkt man sie noch am unteren Rande des Blickfeldes als Schatten. Im Hochchor übersehen einige Vpn den Altarbereich. Sehen sie auf Aufforderung doch dorthin, dann entsteht – durch die Gitter – der Eindruck des Käfighaften. Es ergäbe offenbar etwas sehr Unübersichtliches, wollte man die Gitter und den Bereich über dem Fußboden noch mitsehen. Eine Vp ging sogar soweit, dass sie den Fußboden bis in die Höhe der Pfeilerfiguren des Langhausmittelschiffes anhob.
Das Ergebnis solcher Gestaltungsvorgänge ist endlich ein heller, mit Licht gefüllter, seitlich und vorne umschlossener, immer noch hoher, klar und einheitlich strukturierter Innenraum, in den man hineinsieht. Ja, man möchte da sogar selbst hineingehen. So sagte eine Vp, sie hätte den oberen Hochchor gerne in verkleinertem Maßstab, um da hineinzukriechen, dann wäre sie auch dem Schönen und Verheißungsvollen immer nahe. Diese Gestaltung arbeitet mit folgenden Mitteln: Es wird weggelassen, zentriert und auch verkleinert. Die so gebildeten (Innen-)Räume können zwischendurch, besonders beim Durchschreiten des Chorumganges, wieder verloren gehen. Dann entsteht z. B. der Eindruck, als stünde man wie auf einer Straße vor der Fassade eines Wolkenkratzers. Alles, d. h. den ganzen gebauten Dom und alle seine anwesenden Besucher zugleich als eine noch fassbare und geordnete Einheit (Gestalt) zu sehen, das gelingt selbst dann nicht, wenn man beginnt, nach Allegorien zu suchen. Störendes bzw. ein Zuviel muss auch dabei beseitigt werden; beispielsweise wenn eine Vp den Dom als „heiligen Hühnerstall“ bezeichnet, in dem eine „Tempelreinigung“ nötig wäre.
Jene Vpn, die den Dom anfangs als groß, riesig, gewaltig usw. bezeichneten, für die also die Größe, in der sie selbst „drin“ sind, ja, die sie wie eine Gewalt umgibt, Bewältigungsprobleme aufwarf, bewegen sich im Dom auch anders als die Vpn, von denen eben die Rede war. Vpn, die zuerst unter dem Eindruck der Größe stehen, gehen möglichst nicht sogleich zur Mitte ins Langhaus. Sie streben ein Seitenschiff an, ziehen sich erst einmal dorthin zurück und bleiben zunächst im Dunkeln „mit dem Rücken zur Wand“. Eine Vp wollte sich, wie sie sagte, „an den Rand der Größe begeben“. Vpn, die von der Vorhalle kamen, verspürten, solange sie sich im Mittelschiff aufhielten, einen Drang, sogar einen Zwang, nur in eine Richtung zu gehen. Im Seitenschiff verlor sich dann dieser Drang, und sie konnten sich wieder „frei“ bewegen. Diese Vpn machen unmittelbar die Erfahrung, dass sie den Raum, in dem sie sich befinden, gestalten müssen. Was ihnen wegen der Größe nicht gelingt, ist zunächst etwas recht Elementares, nämlich eine befriedigende Lösung für das Ganzheit–Glied-Problem zu finden. Wenn sie untergliedern, d. h. sich Teilräume herausgreifen, „geht“ ihnen – so wörtlich – der Dom „weg“. Versuchen sie hingegen, beim Ganzen, bei der Gesamtheit aller Räumlichkeiten zu bleiben, dann sind wieder die Teilräume nicht da. Etwas Paradoxes widerfährt diesen Vpn. Sie halten sich in einem großen Gebäude auf und finden darin nicht ihren Spielraum. Das hat merkwürdige Erlebnisse zur Folge. Es kommt vor, dass man sich wie von einem Magneten am Boden festgehalten fühlt. So überrascht es auch nicht, dass die Größe als unverschämt bezeichnet wird, ja, dass man sich von ihr vergewaltigt fühlt. Es klingt paradox, aber Spielraum gewinnt man im Dom offenbar am leichtesten durch irgendeine Art der Distanzierung. Das heißt, man muss verhindern, in die Größe hineinzugeraten. Während nämlich die primär von der Höhe beeindruckten Vpn sich ganz gern einmal hinsetzen und dabei verschiedenen Gedanken nachgehen (z. B. über Vergänglichkeit, Krankheit, Zeit), finden die, die sich mehr mit der Größe auseinandersetzen müssen, dazu keine Muße. Beim Sitzen brächten sie die Wirkungen des Domes erst recht aus der Fassung; beim Gehen sei es nicht gar so schwierig. Doch das Gehen ist für sie schon ein Gehen-Müssen. Wer sich also direkt mit der Größe des Domes auseinanderzusetzen versucht, scheitert an eben dieser Größe. Er kann sie einfach nicht lassen. Um im Dom eine einheitliche oder anderswie strukturierte Raumgestalt zu bilden, muss man etwas (von der Größe) weglassen, d. h. Überschaubarkeit herstellen, Ganzheit–Glied-Beziehungen finden, schließlich den Forderungen und Notwendigkeiten einer Raumkonzeption gehorchen. Wie dargelegt, ermöglicht die Bildung eines umschlossenen Innenraumes, in den man hineinsieht, eine gewisse Distanz (man ist nicht mehr so unmittelbar betroffen); aber sie gewährt zugleich doch einen Spielraum. Merkwürdig daran ist, dass man Spielraum gewinnt, indem man sich einen Innenraum schafft, in den man sich selbst nicht hineinzubegeben braucht. Wer sich dagegen von der Größe umschließen lässt, hat diese Gestaltungsmöglichkeit zunächst nicht so verfügbar. An dieser Stelle ist das Modell eines Austausches – zwischen dem aus Stein Gebauten bzw. Geformten und unseren seelischen Bewegungen – angemessen. Einerseits muss der Dom so „bearbeitet“ werden, dass wir ihn verkraften, andererseits können wir ihn „benutzen“, um an ihm Chancen und Grenzen für unsere seelischen Bewegungsmöglichkeiten – nicht nur hinsichtlich der motorischen Ansprüche – zu erfahren. Man darf in Anlehnung an v. Dürckheim (1932) durchaus sagen: Es gibt einen erlebten und „gelebten“ Dom. Dieser ist Form und Gegenform, Bedroher oder Bewahrer, Widerstand und Entfaltungsmöglichkeit, Organ und Gegenspieler unseres Selbstes. Nach beiden Seiten kann es zu Extremisierungen kommen. Während wir in dem einen Fall den Dom sozusagen auf unsere – seelischen – Maße bringen (bis hinunter zum Hühnerstall), riskieren wir in dem anderen Fall, wenn wir uns verwandeln und das Andere werden, u. U. unsere Fassung. Letzteres ist ein echtes Risiko. Im Regelfall dürfte der Dombesucher diese extreme Entwicklung abwehren. Dafür sprechen jedenfalls die mehrfachen Hinweise auf distanzierende Verarbeitungsformen. Eine Vpging jenes Risiko jedoch recht weitgehend ein. Sie berichtete nach dem Dombesuch: „Ich selbst wurde, wie in einem Psychodrama, der Dom. Mich erfasste eine Art Rausch, als ich mich so auf die Größe einließ. Ich hatte ein ganz reichhaltigesErleben … Konnte jetzt selbst mit meiner Größe erdrücken. Man kriegt mich nicht (ich bin nicht zu fassen). Keiner kann mich packen. Jetzt bin ich das Monster, das keiner kriegen kann. Als Dom habe ich die Leute erlebt, dass sie etwas ganz Nutzloses tun, wenn sie sich zu jedem Stück eine Geschichte machen. Ich selbst war dabei nicht einer von diesen Leuten!“ Es ist zu ergänzen, dass diese Aussagen nur mit erheblichem Widerstand gemacht werden konnten und dass diese Art der Verarbeitung recht starke, beunruhigende Nachwirkungen nach sich zog. Die Vp wies selbst darauf hin, dass sie derartige Umkehrungen bereits anderswo (im Psychodrama) trainiert hatte. Deswegen war sie wohl auch in der Lage, eine derartige Entwicklung und Steigerung (Rausch) zuzulassen bzw. noch einmal mehr zu erproben und dann darüber zu berichten. Wem so etwas unvorbereitet widerfährt, dürfte mit noch stärkerer Beunruhigung reagieren als unsere Vp. Es wäre zu wenig, ja, geradezu eine dürftige Erklärung, wenn man nur sagte, unsere Vp habe ihre „Größenphantasie“ in den Dom projiziert (oder sich mit der Größe des Doms identifiziert). Dann ginge nämlich verloren, dass ihre „Größenphantasie“ (falls sie überhaupt im Spiele war) in jenem Austausch eine spezifische Form (Durch-Formung) erhielt, die kraft ihrer Eigenlogik auf bestimmte Weiterführungen drängte, wozu offensichtlich gehört, dass Lösungen für Probleme durchgespielt wurden, die anderswo ihre Quellen haben. Es gehört wohl zur traditionellen (und nicht psychologischen) Behandlung des Größenproblems im Zusammenhang mit einem Bauwerk wie dem Kölner Dom, dass man herausstellt, die gewohnten Maßstäbe, z. B. die gewohnte Höhe eines Stockwerkes, seien bewusst und zielstrebig überschritten worden. Hierzu ist zu sagen, dass die Maßstäbe keinesfalls nur auf dem Metermaß zu suchen sind. Im Gegenteil – unser menschliches Handeln, genauer: die Einheiten unseres Handelns und Wirkens sind Maßstäbe. So erklärte eine Vp recht eindringlich, dass die arbeitenden Menschen, die vorne im Chorumgang auf einem Gerüst mit
Ausbesserungsarbeiten beschäftigt waren, in ihrer Funktion als Maßstab dienten. Das sei ja eine Sisyphusarbeit, das Klopfen der Leute sei so nutzlos, im Verhältnis zum Ganzen bewirke es so unendlich wenig.
Wenn die Vpn sagten, der Dom sei zu viel, seine Reichhaltigkeit werfe Probleme auf, so meinten sie damit nicht primär die vielen Details, die einem Kunsthistoriker sofort auffallen und die Anlass für das eingangs erwähnte Erzählen von Geschichten sind. Da wird es gewiss Gebäude mit viel mehr Details geben (z. B. barocke Bauwerke). Vielmehr waren das Hinweise darauf, dass die Architektur des Domes mit den vielen verschiedenen sinnlichen Anhaltspunkten, die sie bietet, die Bedingungen für die Konkretion mehrerer Raumkonzeptionen schafft. Kein umschlossener Innenraum, sondern Raum, der durch raumausstrahlende Volumen (dicke Säulen) gebildet wird, tut sich auf, wenn man etwa von einer der ersten Bankreihen aus, vor der Vierung, in die Querhäuser hineinsieht. Man sieht dann z. B. nur Teile der großen Fenster, sieht nicht genau, wo sie – ob oben oder unten – zu Ende sind. Am eindringlichsten konkretisiert sich diese Raumkonzeption, wenn man vormittags (diese Tageszeit ist wegen der Lichtverhältnisse zu erwähnen) im Nord-Seitenschiff stehen bleibt und durch das Langhaus hindurch in das Süd-Querhaus hineinsieht. Bei diesem „großen Durchblick“ hat man Weite und Vielfalt zugleich. Die raumnehmenden Säulen strukturieren diesen konkreten Raum – keine Wände. Das heißt: Es gibt keine Reihung der Säulen, die sich (durch Rhythmisierung) zu wandartigen Begrenzungen schließen, wie das beim umschlossenen Innenraum (z. B. im Mittelschiff von Osten nach Westen oder in umgekehrter Richtung gesehen) der Fall ist. Ende und Begrenzung jenes anderen Raumes, vor allem seine äußerste Ecke, sieht man nicht, „man kann sie nur ahnen“. Auch nach oben ist dieser Raum unbegrenzt. Die sichtbaren Teile der Fenster lockern auf. Dies ist ein Raum, der einige Vpn so beeindruckte, dass sie ihn nach dem Rundgang durch den Dom nochmals sehen wollten. Interessant ist außerdem die Beobachtung, dass in diesem konkreten Raum die Menschen keine Schatten mehr sind. Sie sind hier wieder körperliche Gestalten; sie gehen um die Säulen herum, sie tun etwas. Wie den Aussagen und Verhaltensweisen der Vpn ferner entnommen werden muss, ist eine Umzentrierung von Innenräumen auf diese Raumkonzeption offenbar sonst (wenn man nicht eigens darauf aufmerksam gemacht wird) nicht üblich. Der von den Volumen strukturierte Raum war eine echte Überraschung. Eine der Vpn, die eigens mit diesem Raum konfrontiert wurde, gab an, sie hätte auf diesen Durchblick zuvor nie geachtet, obwohl sie schon sehr oft im Dom gewesen war und auch selbst Führungen veranstaltet hatte. Es gibt für diesen großen Durchblick aus der Augenperspektive, soweit sich feststellen ließ, auch keine Fotos. Nach Bildern von Innenräumen braucht man dagegen wirklich nicht lange zu suchen. Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Dom – will man ihn tatsächlich als eine umfassende räumliche Ganzheit erleben – wirft für seine Besucher erhebliche Bewältigungsprobleme auf. Der Besucher kann sich nicht auf alles, auf die ganze räumliche Vielfalt zugleich einlassen. Er muss Untereinheiten bilden. Und davon sind verschiedene möglich, je nachdem, welche „Teile“ man weglässt und welche Raumkonzeption aufgegriffen wird. Die jeweilige Untereinheit hat ihre Art von Übersichtlichkeit; sie hat ihre spezifische Struktur. Sie ist entweder der durch zarte Säulen umschlossene, einheitliche Innenraum oder der durch raumnehmende Säulen gegliederte Raum, dessen Ende im Dunkeln verschwimmen kann. Als gestalteter Raum hat offenbar jede Einheit ihre spezifische Gestaltlogik, ihre eigene innere Folgerichtigkeit. Der eine Raum ist ab- bzw. eingegrenzt, der andere wird aus dem Volumen heraus erschlossen und hat keine Grenzen. Wie es scheint, gewährt uns auch der Dom eine Anschauung von dem Problem, welches man, auf die Welt schlechthin bezogen, das kosmologische nannte.
Die wirklich gleichzeitige Konkretion verschiedener Raumkonzeptionen zu einem und nur einem erlebten Raum ist wegen der verschiedenartigen inneren Folgerichtigkeiten faktisch kaum zu leisten. Während man den Angeboten, Möglichkeiten und Hinderungen einer Raumkonzeption folgt, müssen die der anderen am Rande oder gar „im Hintergrund“ bleiben. Ein räumliches Gesamtbild ist im Kölner Dom wohl nur zu haben, wenn man die Raumkonzeptionen wechselt. Im Wechsel entstehen dann allerdings die interessantesten Übergangsformen. Eine trotz notwendigen Wechsels doch schon wieder relativ stabile Übergangsform ist gefunden, wenn man das Langhaus zu einem Innenraum macht, der nach allen Seiten in die Seitenschiffe hinein ausfließt. Eines der bedeutendsten Architekturblätter des 19. Jahrhunderts, Mollers phantastischer Blick in die Vorhalle (1813), von Goethe überschwenglich gepriesen (Wolff 1970, 7), hält einen Übergang haargenau in dem Moment fest, in dem beide Raumkonzeptionen gleich stark ihr Eigenrecht behaupten (s. Abbildung S. 56). Wenn wir ihn länger betrachten, fühlen wir geradezu, dass nur eine winzige Verlagerung des Blickfeldes einer der beiden Konzeptionen das Übergewicht bringen würde. Dieses Blatt zeigt also einen echten „Doppelgriff“; oder es stellt den Betrachter auf einen Verzweigungspunkt.
Auch der erlebte Dom existiert also irgendwo zwischen Imagination und (technischer) Konstruktion aus grauem Stein. Das dokumentiert die soeben angesprochene Zeichnung von G. Moller. Sie entstand vor der Fertigstellung des Bauwerkes, ist also ein echtes Vorstellungsbild. Sie bekam damals den Titel: „Vorhalle, wie sie vollendet werden sollte“. Weil der Doppelgriff eine spannungsreiche, labile, von zwei Seiten (Polen) fundierte und zugleich gefährdete Form ist, erfüllt er die Bedingungen einer „Übergangsstruktur“ (Salber 1979, 66). Für eine „reine“ Vernunft mag es schwer zu erfassen sein, wie Volumen und Hohlraum zusammenkommen können. Wenn jedoch Architektur und Kunst sie anschaulich nebeneinander stellen, bilden sie ein dynamisches Zusammenspiel, eine eigentümliche Gesamtkonstruktion, deren Wirkung eindringlich spürbar, wenn auch zunächst schwer in Worte zu fassen ist. Das Eigentümliche solcher umfassender Gestaltkonstruktionen besteht darin, dass „in“ ihnen etwas einen besonderen, sogar tiefen Sinn durch anderes erhält. Wenn einige Vpn sagten, ein Gesamtbild vom Dom gäbe es nicht, man könne die „Bruchstücke nur durcheinanderwirbeln“, oder wenn sie „im Geiste“ Grundrisse entwarfen, dann verfehlten sie die Einheitsbildung und deren Verwandlung im Wechsel der Konzeptionen (im Übergang). Der abstrakte Grundriss ist eine besondere Leistung. Er umfasst einerseits alles, andererseits versinnlicht er konkret gar nichts. Wenn andere Vpn sagten, der Dom sei ein ständiger Wechsel, so gaben sie damit, psychologisch gesehen, eine durchaus angemessene Charakterisierung. Aus ihrem „Mischmaschgefühl“, über das sie sich dabei beklagten, wären diese Vpn vielleicht herausgekommen, wenn sie sich dem Wechsel weniger widersetzt hätten. Die abwechselnde Zentrierung auf verschiedene Raumkonzeptionen ist natürlich ein Vorgang, in dem konkrete Gestalten vergehen, in dem aber auch neue Gestaltungen eine Chance erhalten. Wie man den Dom auch immer erlebt, ob man sich auf die Angebote seiner Architektur einlässt oder ob man sich ihnen widersetzt, ob man den Dom bewundert oder ob man ihn ablehnt, seelische Arbeit wird in jedem Fall geleistet. Eine Stellungnahme, die später nicht korrigiert oder gar umgestoßen werden muss, ist aus psychologischer Sicht nicht zu erwarten.Denn jede Gestaltlogik – und der Dom bietet eben „Raum“ für mehrere – bietet zwar eine Menge von Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten, sie schließt aber zugleich eine nicht leere Menge von Entfaltungsmöglichkeiten aus. Deswegen konnte und musste sogar jemand mit Bedauern sagen: Im Dom gibt es keinen intimen Winkel.
Diese Kirche wurde als durch und durch freundlich, geschmückt, wunderschön, vertraut, intim bezeichnet. Nach dem Dombesuch konnte man sich hier erst einmal ausruhen. Hier sei man wieder unbeschwert aktiv, wogegen der Dom einen zu sehr bedrückte und einschränkte. In dieser Kirche könnte man sogar wohnen. Es sei in ihr fast wie zuhause; ja, sie sei eine Kirche für zuhause. Diese Kirche sei ganz und gar handlich, ihr Raum einheitlich und überschaubar, nicht so gegensätzlich. Aufheiternd und ermutigend sei diese Kirche. Interessant ist, was in dieser Kirche mit der Außenwelt geschieht. Während im Dom die Außenwelt fast gar nicht existiert – eher erhofft man sich draußen (oben) etwas Unbekanntes, Verheißungsvolles –, wirkt die St.-Andreas-Kirche nach dem realen Außen hin offen. Man hört in ihr noch, was draußen geschieht (z. B. den Verkehrslärm). Diese Kirche ist also ein Innenraum mit einem noch wahrnehmbaren Drum-Herum jenseits ihrer Außenmauern, wogegen es im Dom anscheinend möglich ist, nicht zuletzt durch den Wechsel der Raumkonzeptionen, in ihm selbst sowohl Raum wie auch ein Drum-Herum zu haben.
Hier unten findet man wieder einen kleinen und überschaubaren, ganz erfassbaren Raum. Das Dunkel sei angenehm. Nach einem hektischen Tag, so meint man, würde man hier ruhig und käme in eine Stimmung der Gelassenheit. Hier fände man eine Zuflucht, hier könne man sich verbergen, verstecken (wenn man etwas auf dem Kerbholz hat). Es käme eine fast körperlich spürbare Heimlichkeit auf. Man muss flüstern, weil sonst sogar die eigene Stimme störend wäre. Die Atmosphäre hier unten wird schließlich als heimlich-unheimlich bezeichnet. Es ist hier unten alles ein bisschen geduckt. Wohl niemals wird es hier ganz hell, weil die Sonne nicht herein kann. Während die Säulen im Dom nach oben streben, müssen sie hier wirklich etwas halten, tragen. Man fühlt sich hier genauso abgeschieden wie im Dom, aber doch auf eine ganz andere Art und Weise. Im Dom bedrückt die Größe, hier ist man ganz allein (hier könnten sich wohl auch nur wenige Menschen aufhalten). Man fürchtet Vereinsamung, denkt an Gefängnis und Gruft. Das Gefühl, hier alleine zu sein, macht sogar Angst. Eine Vp wäre sofort wieder gegangen, wenn sie nicht in Begleitung gewesen wäre.
Dieser Kirchenraum (wie er vor der Fertigstellung des Rundbaus beschaffen war) wurde als sehr hoch, lang, hell, grell bezeichnet. Seine weißen, „unheimlich kahlen“ Wände sind nicht durch etwas Buntes gebrochen. Es gibt hier auch keine Seitenschiffe. Die Bilder an den planen Wänden sieht man fast nicht oder sie wirken nur aufgehängt. Hier fehlen die Säulen, sodass man nirgends hindurch blicken kann. In den Kirchen mit Seitenschiffen, so wird hier gesagt, habe man sich freier gefühlt, dort konnte man sich irgendwohin zurückziehen, ja, sich sogar verstecken. Hier fände man keinen privaten Raum. In diesem Raum ist der Spielraum das größte Problem. Man hat den Eindruck, dass man ihn sich geradezu mit Gewalt nehmen müsse. Einige Vpn hatten recht eindringlich „das Gefühl“, als kämen die Wände auf sie zu. Das war recht unangenehm. Man fühlte sich nicht nur eingeengt, sondern die Wände rückten scheinbar zu nahe an die eigene Haut, sodass man fürchten musste, sich bald nicht mehr bewegen zu können. Andere Vpn entwickelten – offenbar um der Einengung zu entgehen – eine recht simple, aber an diesem Ort wiederum etwas eigenartige Aktivität. Sie maßen mit schnellen Schritten den Raum der Länge und Breite nach aus. Ebenfalls schien man dem Unbehagen ein wenig zu entkommen, wenn man rasch nach vorne ging und sich auf den Altarraum konzentrierte. Dort oben ist es dunkler. Und die runde Form des Altarraums erschien einem angenehm. Man ging trotz eines Verbotsschildes sogar einige Stufen zum Altarraum hinauf, um in die vermuteten Seitenschiffe zu sehen. Aber man fand nur Nischen und war enttäuscht. Das sei zu wenig. Bei anderen Vpn wiederum störten die Nischen. Da könnte jemand herauskommen, und man würde ihn nicht früh genug bemerken. Eine Vp wollte offenbar gleich die ganze Kirche bearbeiten. Diese Kirche – so sagte sie – habe es nötig, renoviert zu werden. Ferner wurde es in dieser Kirche als unangenehm empfunden, dass man selbst gleich (körperlich) „ganz da ist“ und von allen anderen Besuchern sofort gesehen werde. Es störte und irritierte bereits eine einzige anwesende fremde Person. Dies lähmte zusätzlich die eigenen Aktivitäten. Wollte man hier zum Gottesdienst gehen, so könnte man es sich nicht leisten, zu spät zu kommen. Fasziniert blickten einige Vpn durch das kleine Fenster in der provisorischen Holzwand, die einen großen Teil der Kirche abtrennte, in dem noch Kriegsschäden zu beheben waren. Hinter dieser Wand entdeckten sie einen „freien Raum“. Auch die St.-Gereon-Kirche war für die Vpn ein „riesiger“ Raum. Der Dom wirkte hier aus der Erinnerung sogar noch klein. Hatte man im Dom Größe und Vielfalt zu organisieren, wobei es vielen Vpn ja gelang, noch fassbare und gestalthohe Räume zu bilden, so fehlte hier oben in St. Gereon die Vielfalt. Das ist offenbar genauso ein Hindernis für das Ausleben unserer organisierenden und dynamisierenden seelischen Tendenzen wie ein unübersehbares Zu-Viel. Die Übersichtlichkeit in Räumen ist also paradoxerweise auch dann ein Problem, wenn in ihnen zu wenig zu überblicken ist, wenn eine gewisse Gestalthöhe nicht zu erreichen ist. Im damaligen Zustand war die Oberkirche von St. Gereon eigentlich ein (Raum-)Fragment. Der große Rundbau (hinter der erwähnten Holzwand) war Besuchern wegen der Bauarbeiten nicht zugänglich; durch ein kleines Fenster konnte man nur sehen, dass er da ist. Zudem trugen die gestalthöheren Räume, die zuvor aufgesucht worden waren, zu dem Eindruck bei, dass hier weniger vorgegeben ist. Deswegen überrascht es nicht, dass hier „eigenartige“ Aktivitäten zu beobachten waren. Wenn Vpn mit Hilfe ihrer Körperausdehnung die Wände von sich weghalten (rücken) wollten oder fürchteten, aus Nischen heraus überrascht zu werden, oder in Nischen nach Seitenschiffen suchten, so mag das ein wenig phantastisch anmuten. Es verweist aber auf Gestaltungstendenzen, darauf, dass man den vorgefundenen Raum erweitern und ergänzen, wieder ganz machen möchte. Nach unserer an der Geometrie geschulten Auffassung (ebenso nach der Gefäßfiktion) mag ein Raumfragment möglicherweise ein Unding sein. Aber die Annahme eines „gelebten“ Raumes schließt etwas, das dem Fragment zumindest sehr weitgehend entspricht, nicht aus. Ein Raumfragment „verlangt“, wozu andere Fragmente uns auch auffordern, nämlich eine „gegebene Begrenzung auf das Ganze hin“ zu überschreiten (Frey 1959, 91). Ohne sich der Gefahr einer Überinterpretation auszusetzen, darf man feststellen, dass in der Oberkirche von St. Gereon damals etwas von dem „eigenartigen Spannungsverhältnis zwischen dem Fragment und dem zu denkenden (vorstellbaren) Ganzen“ (ebd.) spürbar gewesen ist: Vpn „wollten“ weiterführen bzw. herausmodellieren, was erst angedeutet ist (was verbirgt sich an Ausgestaltungsmöglichkeiten in den Nischen?). Außerdem findet sich der Satz bestätigt, dass mit dem Fragmentarischen die Wandelbarkeit verbunden ist (ebd.). In Erinnerung an die zuvor besuchten Kirchen bot es sich an, die Nischen zu Seitenschiffen auszuformen (sie werden jedenfalls vermisst); und das Fenster in der Holzwand „eröffnete“ (im Wortsinn) den Blick in eine andere Entwicklungsrichtung (der Raum, in dem man sich aufhielt, wird nicht in Seitenschiffe „ausfließen“, sondern sich in einen Rundbau verwandeln). Bleibt zu ergänzen, dass die Oberkirche nicht nur „objektiv“ ein (Raum-)Fragment war, weil sie durch Zerstörung zu einem Bruchstück (fast zu einer Ruine) geworden war, sondern auch gerade deswegen, weil sie im Verlauf der Exkursion in eine Erlebniseinheit hineingenommen wurde, die bis dahin komplexere Raumgestalten bilden konnte und musste, und die sogar auf Umbildungen vorbereitet war. In der Krypta von St. Gereon und in St. Andreas sind die Verhältnisse anders gelagert. Es ist dort ein „Maß“ an Gestalthöhe angeboten bzw. herzustellen und zu erhalten, das weder zu verkomplizierenden noch zu vereinfachenden Tätigkeiten herausfordert. Die Grenzen der Komplexität sind hier kein Problem. Die Aktivitäten bleiben sozusagen „in“ der Einheit und finden in der Vielfalt genügend Abwechslung. Einheiten brauchen nicht erst hergestellt, Differenzierungsmöglichkeiten nicht erst herausgerückt zu werden. Dass das „rechte Maß“ an Gestalthöhe sehr wohl auch hier gegen Gefährdungen erhalten werden muss, dafür sprechen zwei interessante Beobachtungen: In St. Andreas gab es Störungen „am Rande“ (die Seitenschiffe seien zu leer!) und in der Krypta wurde befürchtet, dass zu viel (zu viele Menschen) hereinkommen könnten. Worin findet nun hier Verwandlung ihren Ausdruck? Die Antwort ist: Die jeweilige Gestalthöhe gestattet und fördert es, Umbildungen sozusagen intern (d. h. ebenfalls im Rahmen der Einheit und der gegebenen Vielfalt) zu bewerkstelligen. Wandlungen vollziehen sich dabei bevorzugt in Informations-Formationen: In St. Andreas denkt man auch an zuhause; in ihr könnte man wohnen; hier kommt man in eine andere Stimmung, wird man lockerer, entspannter, braucht man sich nicht zu wehren; man denkt z. B. auch an den Kirchenaustritt, den man einst vornahm. In der Krypta spürt man eine Atmosphäre, eine eigenartige Geborgenheit; die Gedanken bewegen sich in einer existentiellen Dimension, die zugleich von allgemeiner und spezifischer Bedeutung ist (man versucht, sich etwas an den Lebensumständen der Urchristen klarzumachen). Derartige „gelebte“ Räume gibt es selbstverständlich auch im Kölner Dom. Aber diese Räume müssen dort (aus einem Um-Ganzen) erst hergestellt werden, bevor man sich in sie hineinbegeben kann; und es genügt u. U. nur eine Körperdrehung, um sich in einem ganz anderen Raum neu einrichten zu müssen. Abschließend darf in Anlehnung an M. Heidegger (1960, 45) vielleicht folgende Formulierung gewählt werden: Beim Umgang mit jenen Gebäuden vermag der Besucher in ihnen die „Wahrheit“ verschiedener seelischer Wirklichkeiten (= Wirksamkeiten) ins (Bau-)Werk zu setzen. Räume werden gebildet, indem wir Menschen uns mit unseren, ganz bestimmten, seelischen Verfassungen (Stimmungen) in ihnen „einrichten“. Sie werden dadurch zu Räumlichkeiten, wo wesentliche Entscheidungen unserer Geschichtlichkeit fallen oder gefallen sind, „von uns übernommen und verlassen, verkannt und wieder erfragt werden“.
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