Psychologisch Übersetzen*  (1991)

Zusammenfassung 

„Wie sag’ ich’s meinem Kinde?“ – So formuliert kann das Übersetzen psychologischer Befunde für Auftraggeber und Kreative leicht ins Auge gehen. Psychologisch Übersetzen bezieht ein in Prozesse einer Behandlungs-Wirklichkeit, bei denen (wieder einmal) „Form und Inhalt“ untrennbar sind: In Übergänge und Entwicklungen, die Selbstverständlichkeiten auflösen, in bewegende Verhältnisse, in die Genese von Bildern, in die Wendungen und den „Witz“ dieser Wirkungs-Dinge. Das wird vor allem an den Abwandlungen von Literatur durch ihre Verfilmung dargestellt. 

I 

Es hat sich überall herumgesprochen, die Psychologie bemühe sich, Symbole zu entlarven. Das Übersetzen von Psychologie – für Nicht-Psychologen – erscheint dann einfach als umgekehrter Weg: Aus (entlarvenden) Befunden soll ein „Symbolchen“ produziert werden – für die Nicht-Psychologen. So einfach ist es jedoch nun nicht. Wir müssen schon probieren, andersherum an die Sache heranzukommen. Warum genügt es nicht, einfach „Befunde“ mitzuteilen? Antwort: Weil es eine Illusion ist, es gäbe im Seelischen „einfache“ Befunde – feste Motive und feste Wahrheiten – und die müsse der Psychologe dann dem Nicht-Psychologen in Form von Bildchen und Symbolen schmackhaft machen. Solche Versimpelungen müssen weg, wenn man verstehen will, was Psychologisch Übersetzen bedeutet. Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass wir mit einer „fließenden Wirklichkeit“ zu rechnen haben, die sich ständig selbst zu übersetzen sucht. Daraus wird sich alles ergeben, was zum Psychologisch Übersetzen zu sagen ist. Darin liegt die Leitlinie, wie Psychologen ihre Untersuchungen Nicht-Psychologen – und sich selber (!) – übersetzen müssen. Eine Psychologische Psychologie geht von vornherein von den Bildern einer Verwandlungswirklichkeit aus – von einem „fließenden System“, das eher etwas mit Kunst als mit (falsch verstandener) Physik und Chemie zu tun hat. Das ist die gemeinsame Grundlage für Psychologen und Nicht-Psychologen, wenn es um Einsichten in seelische Wirkungszusammenhänge geht. 

 II 

Übersetzen hat also eine „tiefere“ Bedeutung in der Psychologie: Seelisches überhaupt ist nur zu verstehen als ein ständiger Prozess der Gestaltung und Umgestaltung, als Meta-Morphose – als Herstellen von Seelischem in ständigem Übersetzen. Damit Seelisches zu Etwas wird, muss es sich ausgestalten – oder übersetzen – in Kleidung, Essen, Literatur, durch Freunde, Feinde, Probleme, Kultivierungs-Muster. Das sind nicht „Außen-Dinge“ für ein „Inneres“: Seelisches existiert nur in einer solchen Medien-Wirklichkeit, in „kompletten“ Wirkungseinheiten. Seelisches gibt sich Form und Ausdruck in der Produktion unserer Alltags-Werke wie auch in der Gestalt von Musik, Lyrik oder Bildender Kunst. Das ist der Kern einer morphologischen Auffassung vom Seelischen: Seelisches existiert in Wirkungseinheiten – in Übergängen, in Verhältnissen, in Doppeltem und Dreifachem. Damit hat das „Tiefeninterview“ zu tun: Es beschreibt die gelebten „Übersetzungen“, und es verfolgt bereits bei dieser Beschreibung – während des Interviews – den Übergang zwischen Produktionen und Wirkungs-Bedingungen. Denn die Übergänge und Doppel-Figuren, die das Seelische im Medium der Wirklichkeit ausgestalten, machen auch noch auf etwas anderes aufmerksam: Bei seelischen Erlebnissen und Ereignissen sind immer „bewegende“ Werk-Bedingungen und Bild-Verhältnisse im Spiel – Halt, Ausbreitung, Umbildung. Das sind gleichsam die „Pfähle“, die wir einschlagen, um die fließende Wirklichkeit behandeln zu können. Daher lassen sich auch alle Produktionen von Kultivierungsprozessen immer wieder auf mitwirkende „Bedingungen“ zurückübersetzen. So schreibt Gontscharow: „Ich fühle mich zur Dichtung berufen“ … „das heißt in der Übersetzung, dass du dich außerhalb des Dienstes mit etwas anderem beschäftigen möchtest?“ Die „Eigenart“ des Seelischen steckt in den Übergängen eines umfassenden Produktions-Prozesses. Die Psychologie verfolgt Wirkungszusammenhänge, die auf der „Reise“ sind. Die anschauliche Bedeutung von Sinnzusammenhang ist „Reise“; Bewegen heißt Bedeuten und Bedeuten heißt Bewegen. Es ist ein Werk im Prozess, das uns jeweils interessiert. Psychologisch Übersetzen macht Unternehmer und Gestalter auf Doppeltes, auf Übergänge, auf Formen-Bildung – auf Ergänzungen – bei Prozessen und „Produkten“ aufmerksam. 

Was auch immer die Psychologie untersucht – Unternehmungen, Produkte, Prozesse –, hat zu tun mit sich ausgestaltenden, begrenzenden, übersteigernden und oft auch selbstzerstörenden Werken. Im Tiefeninterview erfassen wir Seelisches, indem wir erfassen, wie sich Bilder herstellen, die Leben und Verwandlungen ausgedehnter Werke „ausprobieren“ wollen. „Tiefe“ heißt, den Dimensionen und dem Getriebe seelischer Gestaltbildung nachgehen. Auf diesem Hintergrund bedeutet Psychologisch Übersetzen zunächst einmal: Psychologen und Nicht-Psychologen sollten sich einlassen auf Entwicklungen, Metamorphosen, Übergänge – Übersetzungen. Das ist die (gemeinsame) Grundlage für ein Gespräch über das Medium der Verwandlungs-Wirklichkeit. Dabei sind auch die Bilder dieser Wirklichkeit (gemeinsame) Grundlage für das Verstehen von Psychologen und Nicht-Psychologen. 

III 

In seiner Novelle „Die Marquise von O.“ übersetzt H. v. Kleist, was in einem (schwangeren) Gedankenstrich steckt: Er macht einen „Sachverhalt“ verständlich, indem er all den Wirkungszusammenhängen und Prozessen nachgeht, die zur „Tatsache“ einer Schwängerung geführt haben. In ähnlicher Weise legt Psychologisch Übersetzen zunächst einmal die Übergänge frei, in denen sich Wirkungseinheiten entfalten: zwischen der Unruhe von Wirklichkeiten und ihrer Kultivierung durch Literatur oder Werbung, zwischen den Konsequenzen des Werk-Zwangs und den (inflationären) Verlockungen des Bilder-Flusses, zwischen der Vergangenheits-Konstitution und dem Zufall von Neubildungen. (Daher ist auch mit „Symbol“ oder „Bild“ immer etwas Doppeltes und Dreifaches gemeint; es sind Wirkungs-Figuren mit charakteristischen Übergängen und Übersetzungen.) Wenn Psychologisch Übersetzen die Psychologen – und die Nicht-Psychologen – nicht in solche Metamorphosen einbezieht, macht es nicht viel verständlich und deckt auch nicht die Drehpunkte auf, an denen ein bestimmtes Problem durch Werbe-Gestaltung oder Public-Relations-Strategien behandelt werden kann. Indem sich Psychologisch Übersetzen auf Entwicklungsprozesse und das Doppelte und Dreifache seelischer „Übersetzungen“ einlässt, macht es sichtbar, dass es keine völlig „neuen“ Ausdrucksformen aus dem Nichts gibt. Es gibt auch keine seelischen Wirkungszusammenhänge ohne Zwänge, ohne Manipulierbarkeit, ohne Besessenheiten. Es gibt auch kein Seelisches, das sich übersetzen kann, worauf es hinaus will, ohne dass dabei Werbung, Literatur, Kunst eine Rolle spielen. Die Werbung ersetzt heute in vieler Hinsicht den Knigge. Sie gibt der Unruhe des Seelischen eine Richtung, so wie das auch durch andere Kultivierungsprozesse geschieht. Nicht zuletzt kann dieses ständige „Übersetzen“ bei der Formenbildung des Seelischen ausdrücklich aufgegriffen und eingesetzt werden: Seelisches lernt das Übersetzen handhaben und rechtfertigen nach den Mustern von Ideologien, Sitte und Moral. (Dadurch wird Wirklichkeit verschönert, benörgelt, ausgeblendet, gesteigert usw.) Auch was mit psychologischen „Erklärungen“ gemeint ist, kann man an solchen Übersetzungsprozessen verständlich machen; denn „Erklärungen“ bilden Wirkungs-Folgen nach – das

Übersetzen trägt dazu bei, in einen solchen Nachbildungs-Prozess reinzukommen, ihn zu kapieren, dadurch „angemacht“ zu werden, ihn mitzubewegen, ihn auszugestalten. Nicht ich denke die Sache – die Sache denkt mich. Derartige Übersetzungen kann man mit einem Ja-Nein-Schema überhaupt nicht zustande bringen. Allerdings braucht man für ein solches Übersetzen auch ein komplettes psychologisches System. Das Tiefeninterview sucht ein „System“ in den Metamorphosen und Übergängen herauszurücken. Unser System, das die Sprach-Regeln unseres Psychologisch Übersetzens festhält, nennt sich Morphologie. Dadurch soll betont werden, dass die Gestalten einer „fließenden“ Wirklichkeit – unserer Lebenswelt – auch in die wissenschaftliche Übersetzung hinein „gerettet“ werden sollen. Eine Psycho-Morpho-logie hebt die gestalthaften Verhältnisse heraus, unter denen sich komplette Wirkungseinheiten von Fall zu Fall am Leben erhalten, umbilden und entwickeln können. Die bewegenden Bilder, die bei morphologischen Untersuchungen herausgestellt werden, sind den Bildern der Lebenswirklichkeit analog; wie bereits gesagt, ist auch das eine (gemeinsame) Grundlage für ein Gespräch zwischen Psychologen und Nicht-Psychologen. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die Bilder in ihrem psychologischen „System“ nicht ohne weiteres vertraut sind – der Übersetzungsprozess kann auch hier nicht haltmachen. 

IV 

Der erste Schritt des Psychologisch Übersetzens besteht darin, die Verhältnisse einer „fließenden“ Wirklichkeit sichtbar zu machen und in ihre Entwicklungs-Prozesse und Übergänge einzubeziehen. Der zweite Schritt besteht darin, das seltsame System in diesen Verwandlungen – die Chancen und Begrenzungen seiner Beweglichkeit – kenntlich zu machen.Psychologisch Übersetzen heißt, etwas von der „Logik“ seelischer Wirklichkeit sichtbar zu machen, „es“ griffig zu machen, es in ein (begriffenes) Bild zu rücken. Für eine wissenschaftliche Untersuchung gehört zum Psychologisch Übersetzen, dass wir wissen, was wir tun – welche Sprache wir sprechen und welchen Regeln wir dabei folgen. Das ist wichtig sowohl für Nicht-Psychologen als auch für die Psychologen selbst. Wenn wir eine neue Psychologie betreiben wollen, müssen wir auch eine neue Sprache lernen. Eine neue psychologische Sprache, die mit den grundlegenden seelischen Übersetzungs-Prozessen rechnet, kann mit den tradierten Klischees, die etwas über das Medium Wirklichkeit und Wirkungs-Folgen sagen sollen, nicht viel anfangen. Das gilt von der AIDA-Formel genauso wie von dem Schema Triebe und Mittel oder von den neuen Phrasen für die alte Vermögenslehre oder die Rede vom Milieu, vom Trauma, von der „Identität“. Demgegenüber geht das Morphologische Übersetzen von den vielfältigen Übersetzungs-Prozessen seelischer Wirklichkeiten aus: von Wirkungseinheiten, Entwicklungen, Drehfiguren. Das Seelische wird immer organisiert durch ganze Übersetzungs-Muster. Wie diese „ganzen“ Wirkungsgefüge, Übersetzungs-Werke, Verwandlungs-Bilder organisiert sind – das müssen Psychologen wie Nicht-Psychologen lernen zu sehen, zu verstehen und zu handhaben. Zur Leitlinie für Psychologisch Übersetzen wird, dass Wirkungszusammenhänge sichtbar gemacht werden wie ein „Ding“ oder „Gegenstand“, der sich psycho-logisch mit System bewegt und entwickelt. Indem sie diese Metamorphosen „kunstanalog“ verdeutlicht, belebt sie die Grundlagen für eine Zusammenarbeit mit den Herstellern und Gestaltern von Produkten und Produkt-Werbung wie auch mit vielen anderen Unternehmen, die an der Herstellung unserer Lebenswelt beteiligt sind. Bei dieser Zusammenarbeit kann man sich daran erinnern, dass Übersetzen im Alltag immer schon in Form von Gesprächen, Verzäll oder Berichten vor sich geht – mit einer eigenen Dramatik. Denn bei jedem Übersetzen soll etwas packend „ins Bild“ gerückt werden (was natürlich nicht immer gelingt). Beim Psychologisch Übersetzen kommt es nun hier nicht auf eine blumige, lyrische und allegorische Bild-Sprache an; das hätte nicht viel mit dem ersten Schritt des Übersetzungs-Prozesses zu tun, der vor allem in Entwicklungen und Übergänge einbeziehen will. Es kommt vielmehr darauf an, dass aus den Entwicklungs-Prozessen „begriffene“ Bilder erwachsen – Bilder mit System, aus denen sich jeweils die Bewegungen, Umbildungen, Chancen und Begrenzungen ableiten lassen, die für die Entfaltung von Wirkungs-Folgen bedeutsam sind. Psychologisch Übersetzen will herausstellen, auf welches „System“ bei der Weiterentwicklung von Verwandlungen und ihrer Bilder zu achten ist. Doch auch dabei darf man nicht vergessen, dass Seelisches „im Werden“ ist und auch nur „im Werden“ übersetzt werden kann. Psychologisch Übersetzen bringt daher das Werden und das System immer wieder in einen Kreis, in dem es die Bedeutung einer morphologischen Untersuchung in verschiedenen Wendungen darstellt. Je nachdem, wie ein Untersuchungs-Fall jeweils gelagert ist, tritt die eine oder die andere von vier Wendungen in den Vordergrund. 

V 

Eine erste Wendung stellt beim Psychologisch Übersetzen „typische“ Wirkungsverhältnisse heraus: Seelen-Architekturen, komplette Drehgefüge, Wirkungs-Muster. Es ist nie ein „Motiv“, auf das ein Sachverhalt zurückgeführt werden kann; es kommt vielmehr immer darauf an, ein „ganzes“ Wirkungs-Gewebe aufzudecken, wenn es darum geht, einem Produkt oder einer Werbung ihren Platz anzuweisen. In einer weiteren Wendung kann das Psychologisch Übersetzen vor allem die Dramatik von Wirkungseinheiten in den Blick rücken: Das „Ding mit System“ wird dargestellt in seinen Geschichten, als etwas sich Ausbreitendes und Einschränkendes, als eine hin- und her kippende Angelegenheit, als etwas Sich-Umbildendes. Dadurch werden besonders die Spannungs-Pole sichtbar, mit denen man bei einer Weiter-Entwicklung – etwa durch Produkt- oder Werbegestaltung – rechnen muss.Eine dritte Version des Übersetzens setzt vor allem kunstanaloge Steigerungen ein, um seelische Zusammenhänge verständlich zu machen. Wie beim Witz die Mechanismen des seelischen Geschehens besonders „ausgenutzt“ werden, so wird auch hier verständlich gemacht, indem die „Sachverhalte“, die wir beobachten können, gleichsam unter die Lupe genommen werden – durch Zerdehnung, Verrücken, Zuspitzung, Umdrehen, durch Zerlegung in Zwischenschritte, durch Umkonstruieren. Psychologisch Übersetzen bringt das seelische System von Fall zu Fall nur zutage, indem es zweimal und dreimal gewendet wird. Erst dadurch lassen sich Wirkungsfolgen, Konsequenzen und Eingriffe in angemessener Weise einschätzen. Aber in einer vierten Wendung wird deutlich, dass hier nicht nur ein Zergliederungsprozess praktiziert wird. Beim Übersetzen muss durch alle Zergliederungenhindurch auch immer ein vereinheitlichender und die Einheit zuspitzender Prozess am Leben gehalten werden. Es geht schließlich um ein bildhaftes System in Entwicklung – das wird von den Psychologen im Witz der Sache eigens herausgehoben. Der „Witz“ beim Übersetzen packt da an, wo

Phänomene und Erklärungen besonders einleuchtend ineinander überzugehen oder aber einander zu widersprechen scheinen. Von da aus fragt man sich schon beim Tiefeninterview, in welchen Geschichten oder Karikaturen oder Verhältnissen sich der Witz des Ganzen andeutet. Zum Witz kann Psychologisch Übersetzen machen, was bereits selbstverständlich geworden ist – wie Gestalten oder „Unbewusstes“ es treiben, wie sie herumkramen, was sie nach der „Geometrie“ von Bildern alles zusammenbringen oder auch, wo solche Prozesse ihre Kunststückchen machen. Der Witz kann aber auch verfremden – etwa, wenn die James-Bond-Filme auf den Witz übersetzt werden, sie zeigten das Seelische unter dem Zwang von Leistungstests: als seien sie für die Stiftung Warentest gemacht, als überprüften sie die Strapazierfähigkeit des Seelischen, als seien sie eine Anti-Olympia-Reklame. Das kann durch die Frage zugespitzt werden, wie sich die vielfältigen Formen des Alltagslebens jeweils zu einer Art Olympia-Disziplin ausbauen ließen. Etwas komplizierter ließe sich beim Psychologisch Übersetzen der Witz von Bond-Filmen herausstellen, indem man sie als eine moderne Version der „Versuchung des Heiligen Antonius“ darstellt, wo die Strapazen der Sünde mit der Süße der Sünde konkurrieren; dabei wird auch insgeheim ein inniger Zusammenhang zwischen Aggressionen und Selbst-Aggressionen sichtbar. Paradoxerweise kann zum Witz des Übersetzens gehören, dass die Wirklichkeit der Bilder zunächst wieder einmal freigemacht werden muss von den psychologischen Klischees, in denen die Wirklichkeit verpackt worden ist – eine Befreiung von abgesunkener „Psychologie“ als Witz Psychologischer Übersetzung. Schließlich liegt ein besonderer Witz beim Übersetzen darin, dass „Morphologen“ nicht über Morphologie sprechen sollten – das sollten sie denen überlassen, denen sie Wirkungszusammenhänge verständlich gemacht haben. Der Witz von Psychologisch Übersetzen ist niemals etwas Freischwebendes; er hat immer mit den bewegenden Bildern und ihren seltsamen Spannungsverhältnissen zu tun, die bei einer psychologischen Analyse aufgedeckt werden. Die morphologische System-Analyse hat bisher dreißig „typische“ Verwandlungs-Sorten herausgefunden. Ihr Witz im Ganzen liegt darin, dass hier die seelische Wirklichkeit als eine phantastische oder „märchenhafte“ Realität sichtbar gemacht wird.

VI 

Indem die Bilder einer Verwandlungswirklichkeit Psychologisch übersetzt werden – durch Zergliederung und durch Zuspitzung des „Ganzen“ –, werden bei jedem Fall auch Veränderungsansätze frei. Das gehört notwendig zum Psychologisch Übersetzen: Wenn man lernt, Wirkungszusammenhänge zu entwickeln, dann werden auch Wendepunkte, Umgewichtungen, Drehpunkte für andere Richtungen sichtbar. Das liegt in der Natur der Sache: Psychologisch Übersetzen führt in eine offene und ungeschlossene Behandlungswirklichkeit hinein. Seelisches ist nicht fertig, sondern immer auf dem Wege. Darin wird wieder eine (gemeinsame) Grundlage für den psychologischen und den gestalterischen Umgang mit der Wirklichkeit deutlich. Für eine Psychologische Morphologie ist auch das „Unbewusste“ nur als ein „ungeschlossener“ Prozess zu verstehen. Unbewusstes lässt sich nicht als feste Gegebenheit, nicht „an sich“, nicht „rein“ darstellen. Es lässt sich nur auf dem Weg – in einem Hin und Her über vorbewusste Gestaltungsprozesse – darstellen; und das schließt immer einen zeitlich ausgedehnten Entwicklungsprozess ein. Unbewusstes stellt sich nur dar im Übergang zu „anderen“ Ereignissen oder in der Veränderung (vorbewusster Gestalten); seine Qualitäten zeigen sich in überraschend Abweichendem, in Unfassbarem, in Unmöglichem, in Komischem, in Paradoxerem. Literatur übersetzt diese Kennzeichen in ihre sprachlichen Produktionen; dadurch lässt sie uns an der Genese unbewusster Prozesse teilnehmen. Da das Weiter-Entwickeln für Nicht-Psychologen besonders interessant ist, soll das Psychologisch Übersetzen hier an mehreren Beispielen verdeutlicht werden. Die Beispiele entstammen einer Untersuchung über verfilmte Literatur. Angesichts der vorliegenden literarischen Texte stellt sich für das Verfilmen gleichsam die Frage: Wie ist an etwas zu rütteln? Das entspricht dem Psychologisch Übersetzen, das sich in eine ungeschlossene Behandlungswirklichkeit hineinbewegt. Das „Rütteln“ ist notwendig, weil es darum geht, eine psychologisierende Fragestellung zu beantworten: Wie lässt sich der Vertausch-Prozess bei der Lektüre, für den wir beliebig Zeit verwenden können, „übersetzen“ in den Zwang der Stundenwelt des Filmerlebens (einer komplexen Entwicklung „auf einen Sitz“). Insofern ist verfilmte Literatur ein Musterbeispiel für eine psychologisierende Fragestellung, die (stets) die Richtung des Übersetzens bestimmt. (Psychologisierende Fragestellung bedeutet dabei, dass hier eine Frage verfolgt wird, die auf seelische Verwandlungs-Systeme bezogen ist – beim Tiefeninterview wie beim Übersetzen für Auftraggeber werden Verhältnisse und Kategorien verfolgt, die für die Erhaltung und Entwicklung von „Systemen“ seelischer Verwandlung bedeutsam sind.) Bei einer Untersuchung zur Übersetzung von Literatur in Filmisches am Psychologischen Institut II der Universität zu Köln wurden vier Fragen behandelt: Wie kommt überhaupt etwas zur Wirkung? Wie lässt sich das Ganze (die Morphologie) eines literarischen oder filmischen Werkes fassen? In welcher Weise wird das Ganze der Literatur bei einer Übersetzung in Film abgewandelt? Schließlich: Was sagt „Übersetzen“ über seelisches Geschehen aus? Damit Literatur oder Filme – oder Werbung – zur Wirkung kommen, werden seelische Voraussetzungen angesprochen: eine Art Betriebs-Bereitschaft, die sich betätigen und in eine Mitgestaltung von Wirklichkeit umsetzen will; mit Tendenzen, sich bestimmten Aufgaben zu unterziehen und dadurch dem Seelischen eine Form zu geben; als Interesse, sich auf Verwandlungs-Geschichten einzulassen; Belebung von Seelischem als Be-Deutungsprozess / Enträtselungstendenz; Fertigwerden mit Stolpern, Störungen, Lückenhaftem / Aufspüren des Problemgefüges von Wirkungszusammenhängen; Einlassen auf Paradoxien des Zusammen-Fügens von Verschiedenartigem: Entwicklung zwischen Gegenläufen und Ergänzungsprozessen (etwa zwischen Typisierungen und Historisierungsprozessen). Die Gesamtgestalt / Morphologie bei der Lektüre von Th. Manns „Der Tod in Venedig“ stellt sich als die (tragikomische) Parodie eines therapeutischen Behandlungsprozesses dar: Der Patient sucht alles im Griff zu halten, auch, was er nicht im Griff halten kann. Auch das Andersartige und Neue wird noch nach den Mustern der „alten“ Form frisiert. Demgegenüber ist die Übersetzung des Films eine Ergänzung: Das Anziehende des Andersartigen, des Schön-Hässlichen wird beschaubar gemacht – was ausgeschlossen ist, breitet sich aus und verleibt sich die alte Form als etwas Komisches ein. Die Musik, die hier eine große Rolle spielt, lässt sich dabei gar nicht mehr „logisch“ eindeutig einordnen; ihre Bild-Logik geht über die „Vernunft“ der literarischen Form hinaus. Übersetzt wird hier also auf etwas, das in der Vorlage nur als Andrängendes spürbar wird – das wird in der Übersetzung als etwas Anziehendes sichtbar gemacht und zum Ausdruck gebracht. Bei der Lektüre von F. Kafkas „Der

Prozess“ geraten die vertrauten Verhältnisse der Wirklichkeit ins Rotieren: Bestimmtes und Unbestimmtes, Normales und Verkehrtes, Alltag und All-Tag. Der Prozess als Übergang wird wichtiger als alte Einzelheiten. Das Ganze dieses Übergangs tritt auf als „Gericht“; der Prozess bringt Maß- und Schuld-Verhältnisse mit sich, die über das „Vernünftige“ hinausgehen. Indem der alles mitreißende Prozess sich entwickelt, rückt das Seelische immer mehr seine Grenzen an Nicht-zu-Behandelndes, an den Tod heran. Die Übersetzung für die Stundenwelt des Films sucht die beunruhigte Lektüre in eine Fassung zu bringen. Beunruhigung und Irritierung werden enger mit dem Gerichts-Komplex im juristischen Sinne verbunden – in eine solche juristische Mühle könnte jeder von uns gelangen. Darüber hinaus arbeitet die Übersetzung ausdrücklich mit der Einordnung des Ganzen in die Kunst-Richtung „Surrealismus“, was es dem Zuschauer erleichtert, sich mit einem „Aha“ schneller zufriedenzugeben. Dadurch lässt sich auch ein „Genuss“ an verschiedenen Enträtselungs-Entwürfen gewinnen. Der Roman „Monsieur Hire“ von G. Simenon stellt den Leser in einen diffusen, befremdlichen, hässlichen Alltag. Darin sucht er zwar ein Muster zu finden, an das er sich halten kann; aber er lässt sich dabei auch ein auf „Werdendes“ (Unfertiges – Fertiges). Jedoch die Liebe zu diesem Neuen und Werdenden scheitert. Der Film übersetzt den Roman, indem er den Zuschauer gar nicht mehr einem solchen, schwer zu ertragenden Übergangs-Prozess aussetzt. Der Film übersetzt, als sei er die Fortsetzung des Romans in einem anderen Fall – als sei ein vertrautes Muster von vornherein da, das sich durchzusetzen sucht: Es dreht sich um „Liebe“ in der Spannung zwischen Eigenem und Fremdem. Daraus lässt sich eine handfeste Geschichte entwickeln mit Sehen, Sehnsucht, Haben, Tasten, Verstehen, Verraten. Das Ganze wird übersetzt in die Tragik eines Scheiterns des Grundumsatzes einer liebesträchtigen Wirkungseinheit. 

Bei dem R. Chandler-Roman „Der lange Abschied“ ist es der Detektiv, der ein stabiles Muster in einem fast chaotischen Gemenge abgibt. Dieser „Typ“ ruft Distanz, Abweisung trotz Einverleibungstendenzen auf; aber das fügt sich nicht in eine geschichtliche Folge, in einen Historisierungsprozess. Die Übersetzung des Films arbeitet in Richtung einer Kompensation (der Film zum Buch): Der (erwartete) Historisierungsprozess wird nachgeholt und zugleich auch abgewehrt, weil er den „Typ“ zu sehr Hässlichem, Zufälligem, Wandelbarem aussetzt. Offenbar lässt sich das, was einem an einer Sache fehlt, nicht einfach durch

Vergrößerung oder Verstärkung „kompensieren“. Übersetzung von Literatur in Filme sagt etwas zur Übersetzung überhaupt. Bei jeder Übersetzung müssen Grund-Verhältnisse berücksichtigt werden, die in Entwicklung sind. Auf diesem Hintergrund kann eine Übersetzung Richtung gewinnen – als Ergänzung, als Vereinfachung und Einordnung, als Fortsetzung auf einer anderen Ebene, als „Kompensation“, als Verfremdung. (Mit jeder dieser Übersetzungen treten jeweils neue Probleme auf.)  

VII 

Psychologisch Übersetzen läuft – für Auftraggeber und Gestalter – immer auf Verwandlungsbilder hinaus, ihre seltsamen Betriebs-Verhältnisse und ihren „Witz“. Dadurch werden Wirkungszusammenhänge, ihre Folgen und ihre Behandlungsformen sichtbar gemacht. Diese Bilder in Verwandlung und ihre kunstanaloge „Logik“ sind die Basis, auf der sich Psychologen und Gestalter verständigen können. Im Psychologisch Übersetzen tritt unsere (paradoxe) Liebe zum „Design“ der Wirklichkeit – mit ihren Mustern und Folgen – wie auch zu unserem Verrücken und Übersetzen der Wirklichkeit zutage. Dadurch geben wir der „offenen“ Geschichte eine Richtung. „So frei wie möglich und so genau wie notwendig“, hieß es beim Übersetzen im Lateinunterricht. Psychologisch Übersetzen ist dem analog; es lässt sich auf eine Wirklichkeit im Werden ein. In der Richtung lässt sich dieser Vortrag hier nochmals übersetzen: Er wirbt durch das Offenlegen psychologischen Vorgehens für eine Behandlung der Wirklichkeit nach psychologischen „Recheneinheiten“. Er bringt das „Praktische“ der Psychologie mit dem ungeschlossenen System und den Konsequenzen einer Verwandlungswirklichkeit zusammen. Und der Witz des Vortrags liegt, wie ich hoffe, in dem Paradox: Jeder Satz, in dem wir etwas feststellen, wird nur sinnvoll, wenn wir merken, was er über Veränderung sagt.  

 

Literatur und Filme  

Chandler, Raymond (1954): Der lange Abschied – „The Long Good-Bye“. Regie: R. Altman. USA 1973. 

Kleist, Heinrich v. (1808): Die Marquise von O. – „Die Marquise von O…“. Regie: E. Rohmer. BRD/F 1976. 

Kafka, Franz (1925): Der Prozess – „The Trial“ / „Le Procès“. Regie: O. Welles. I/BRD 1962. 

Mann, Thomas (1912): Der Tod in Venedig – „Morte a Venezia“. Regie: Luchino Visconti. I/F 1970. 

Simenon, Georges (1933): Die Verlobung des M. Hire – „Monsieur Hire“. Regie: Patrice Leconte. F 1989. 

Abbildungsverzeichnis 

Titelbild: alicia-christin-gerald-zm4CcBeBbp8-unsplash.jpg (OpenAI)

  1. 26(29) Aus: Geo-Magazin 6/1984.
  2. 30 Roland Topor (1970): Nous arrivons toujours trop tard. Aus: Topor „Toxicologie“. Zürich 1970.
  3. 31 Roland Topor (1970): Notre ami a la mémoire courte. A. a. O. – aus: Lou’s War Cartoons. The Cresset Press. London.
  4. 35 Roland Topor: Die Zauberflöte (1990).
  5. 37 Kurt Schwitters: Neues Merzbild (1931).

 

Autor:in

Wilhelm Salber

Wilhelm Salber

Psychologe

Wilhelm Salber (1928-2016) war bis zu seiner Emeritierung 1993 30 Jahre Direktor des Psychologischen Instituts II an der Universität zu Köln. Zusammen mit seinen Mitarbeiter(inne)n entwickelte er dort u.a. das Konzept der Wirkungseinheiten im Rahmen einer Morphologischen Psychologie. Die Ergebnisse zahlreicher Untersuchungen hat er in über 235 Veröffentlichungen dargestellt.

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