Kulturpsychologie – Wie und Warum [Reprint]

(1987) 

Zusammenfassung 

Aus Anlass der Gründung der „Österreichischen Gesellschaft für Kulturpsychologie“ wird das Verhältnis von Morphologie und Kulturpsychologie dargestellt. Kurz: Indem der Stellenwert der spezifischen und geschichtlichen Kultivierungsprozesse im Rahmen des seelischen Bauplans charakterisiert wird. Etwas ausführlicher: Da das immer nur an einem „konkreten Fall“ zu erweisen ist, wird das besondere Verwandlungsproblem der Alltagskultur heute, wie es sich aus unseren Untersuchungen ergibt, herausgestellt: das späte 20. Jahrhundert experimentiert mit einem Auskuppeln des (versatilen) seelischen Systems. 

Eine neue Psychologische Gesellschaft 

Am 21. März 1987 wurde in Salzburg die „Österreichische Gesellschaft für Kulturpsychologie“ gegründet. Mitglieder des Gründungsausschusses sind Psychologen der Universitäten Berlin, Bern, Bremen, Erlangen, Gießen, Klagenfurt, Köln, Salzburg, Wien. Da sie ihre Auffassung von Psychologie bisher nicht ausreichend genug vertreten fanden, haben sie sich zu einer Gesellschaft für Kulturpsychologie zusammengeschlossen. In einem Grundsatzreferat führte der 1. Vorsitzende der Gesellschaft, Professor Dr. Werbik (Erlangen), aus, dass die Kultur heute ein neues und anderes Bild vom Psychologen fordert. Die Gesellschaft für Kulturpsychologie bemüht sich, dieses neue Bild darzustellen und zu entwickeln. Die Kultur heute ist von einer Krise betroffen; das Versagen der Fortschrittsidee oder der Schock von Tschernobyl sind Ausdruck dafür. Von dieser Kulturkrise ist auch die wissenschaftliche Psychologie betroffen – so wie Seelisches immer ein Kultivierungsprozess ist, so betrifft auch die Geschichte der Kulturen immer das Selbstverständnis der Psychologie. Daher steht zugleich mit einer Analyse der kollektiven „Selbstverständlichkeiten“ und Selbstbeschränkungen auch eine Analyse des Wissenschaftsverständnisses an, etwa des immer noch propagierten „Positivismus“ der wissenschaftlichen Psychologie. Eine Kulturpsychologie lässt die „Glaubenskämpfe“ nicht vor der sogenannten Wissenschaft einfach aufhören: Für sie sind die Grenzen zwischen Wissenschaft, Metaphysik, Glauben, Handlungsmaximen „flüssig“ (in flux). Das bedeutet aber keineswegs eine Wendung zum Irrationalismus; der Irrationalismus ist für eine Kulturpsychologie allenfalls ein Problem, vor dem man nicht ausweichen darf und demgegenüber man Stellung beziehen muss. Dass eine Kulturpsychologie auf „Voraussetzungen“ eingehen will, bedeutet nicht, dass wir das Kind „Wissenschaft“ mit dem Bade ausschütten müssen. Überhaupt gewinnt eine Kulturpsychologie zunächst einmal ihre Schwerpunkte, indem sie die Probleme von Kultur und Wissenschaft thematisiert und nicht über unliebsame Stellen einfach hinweggeht. Daher weicht eine Kulturpsychologie auch der Frage nach Wirkungszusammenhängen nicht aus – sowohl, was das Gewordene unserer Kultur angeht als auch, was unsere Entschiedenheit und unseren Mut zum Handeln angeht. Gerade weil wir wissen, dass diese Auffassung von Psychologie nicht unangefochten ist, soll von vornherein gesagt werden, was zum Bild des Psychologen, wie es die Kulturpsychologie zu entwickeln sucht, gehört: die Entschiedenheit der Haltung einer „praktischen“ und „konkreten“ Vernunft. Das beinhaltet notwendig eine Stellungnahme zu „Gemeingütern“ und Konsens-Normen; daher wehren wir uns auch gegen technologische und bürokratische Interessen oder gegen einseitige „Heilungs-Interventionen“. Damit gewinnt die Kulturpsychologie eine Richtung, die unter wirkungsgeschichtlichen Perspektiven analysiert, mit welchen Spaltungen Wissenschaft häufig operiert, oder welche Prototypen der Machtausübung sich überall durchzusetzen suchen. Hier tritt ein andersgeartetes „Erkenntnisinteresse“ als das bisher propagierte zutage: Aufdecken der Voraussetzungen von Wirkungszusammenhängen, Anerkennen der „Individualität“ beschreibungsnaher Begriffe – statt sich ewig an bestimmte Standardisierungen zu binden; Orientierung qualitativer Methoden an Kultivierungsproblemen. Wir Psychologen müssen wissen, was wir tun; das lässt sich durchaus mit „System“ betreiben, wenn dabei das neue „Erkenntnisinteresse“ zu seinem Recht kommt. Immer jedoch steht dieses „flüssige“ Denken in Beziehung zu den Problemen der Kultur heute und das heißt, zu Problemen der Arbeitslosigkeit, des Antisemitismus, der „Esoterik“ usw. Das weicht von dem „galileischen“ Denken ab – wir müssen nach anderen Vorbildern suchen; und das können wir auch, denn die Kulturpsychologie ist sich der Geschichte der Kulturbildung bewusst, und sie sucht ihre wirkungsgeschichtlichen Zusammenhänge ausdrücklich herauszuheben. Bei der ausführlichen Diskussion dieser Leitlinien der neuen Gesellschaft für Kulturpsychologie wurde herausgestellt, dass Kulturpsychologie einmal als ein „Prinzip“ des Umgangs mit unserer Wirklichkeit zu verstehen ist: Daraus ergibt sich auch eine dem Kultivierungsprozess des Seelischen angemessene, eigentümliche Bestimmung von Methode und Gegenstand der Psychologie. Auf dieser Grundlage beschäftigt sich eine Kulturpsychologie mit dem Werden des Seelischen und der Kultur (Psycho-Historie und Kulturgeschichte), sowie mit der Vielfalt kultureller Formen, in denen sich seelische Wirkungsräume entfalten können. Das umfasst zum anderen immer eine Analyse der Gebilde, in denen Psychisches uns heute entgegentritt: in Literatur, Religion, Kunst, in der Arbeitswelt, in der Politik, im Alltag überhaupt. Hier die Probleme des Seelischen und der Psychologie aufzudecken und dazu wirksam Stellung zu nehmen, ist Aufgabe der neuen Gesellschaft. Das ist eine Stellungnahme für die Entwicklungschancen unserer Lebenswelt und gegen die sie gefährdenden Festlegungen – auch in der Psychologie. Das ist eine Stellungnahme, die die Chancen der sich wandelnden Wirklichkeit für die heranwachsenden Generationen wahrnehmen will, statt sie durch die Beschränktheit scheinbar fortschrittlicher und objektiver Eingriffe ihrer Entwicklungsmöglichkeiten zu berauben. 

Morphologie als Kulturpsychologie 

Psychologie als Kulturpsychologie zu verstehen, macht der morphologischen Psychologie keine Probleme: Sie ist von vornherein auf Kultivierungsprozesse bezogen. Daher ist die Gründung einer Gesellschaft für Kulturpsychologie eher ein Anlass, aus morphologischer Sicht herauszurücken, dass das „Wie“ und das „Warum“ einer Kulturpsychologie untrennbar miteinander verbunden sind. Seelisches lässt sich „definieren“ als Behandlung von Wirklichkeit, die sich zu verstehen sucht – das ist ein Kultivierungsprozess, der seine eigene Geschichte hat. Wenn wir uns mit Morphologie beschäftigen, beschäftigen wir uns mit der Geschichte des Seelischen (Psycho-Historie): Die Dramatik der Grundverhältnisse seelischen Existierens gestaltet und wandelt sich in einer Vielfalt von Bildern. In der Geschichte des Seelischen zeigen sich die verschiedenen Formen der Kultivierung von Wirklichkeit. Paradoxerweise ist diese Geschichte aber zunächst nur zugänglich von den Zusammenhängen her, die sich heute psychologisch erforschen lassen. Das Wissen um die Geschichte ist der eine Bezugspunkt; der andere Bezugspunkt liegt im Alltag „heute“ – die genaue Analyse seines Wirkungszusammenhangs stützt sich notwendig auf empirische Untersuchungen des Erlebens und Verhaltens der Menschen unserer Gegenwart. Auch das ist ein Grund dafür, dass in einer morphologischen Psychologie von einer konkreten Kulturpsychologie gesprochen wird. Eine Psychologie, die nicht analysiert, was sich jetzt – bei uns hier – abspielt, und die das nicht komplett, wie es ist, zu interpretieren sucht, setzt sich selbst ins Abseits. Die Bildung eines psychischen Gegenstandes, der ein angemessenes Bild von der Wirklichkeit des Seelischen zu entwerfen sucht, findet seinen Maßstab auch in den Betroffenheiten, Seltsamkeiten oder „Verdrängungen“ unseres Alltags heute; dadurch wird man beim Studium der Morphologie des Seelischen auch notwendig in eine Auseinandersetzung mit sich selbst hineingezogen. Wie wir Kultivierungsprozesse verstehen müssen, und warum wir uns mit ihnen beschäftigen –, das ist in unserem Konzept eng miteinander verbunden. Wir gehen immer von einem Grundriss oder einem Bauplan seelischer Werke aus, der die besonderen Produktionen seelischer Wirklichkeit „bedingt“ (determiniert). Das ist ein realer Wirkungszusammenhang, der dadurch fassbar wird, dass wir das Ganze, seine Ausgliederungen und Entwicklungen, nach Art von Gestalten und Umgestaltungen aufeinander bezogen sehen (Morphologie). Daher lassen sich die Wirkungseinheiten des Seelischen auch mit Lebewesen, Pflanzen, Bildern oder Kulturen vergleichen – weil wir besonders auf die Herstellung und zugleich auf die Weiterführung von Wirklichkeit achten, stellen wir vor allem den Werkcharakter bei der Produktion seelischer Wirkungsräume heraus. Aber die Verhältnisse und Schicksale der Wirkungs-Bedingungen des seelischen Bauplans liegen nicht ein für allemal fest. Mit dem Wandel der Wirklichkeit wandeln sich auch die Probleme seelischer Behandlungswerke. Die Verhältnisse der Wirkungsbedingungen ändern ihre Gestalt; dadurch fördern sie immer wieder neue Verwandlungen der Wirklichkeit heraus – in diesen Verwandlungen findet das Seelische seinen Sinn. Diese Metamorphosen der Wirklichkeit sind es, die wir als Kultivierungsprozess bezeichnen. Ohne diesen besonderen Kultivierungsprozess ist die Eigenart des Seelischen nicht zu verstehen. Und dazu gehört auch, dass die sich wandelnden Verhältnisse jeweils in eigentümlichen Bildern eine Verfassung suchen, in der sich die Entwicklung der Wirklichkeit verstehen kann. Das „Allgemeine“ des Bauplans der Wirklichkeit lebt nur in diesem „besonderen“ Kultivierungsprozess – allein durch dieses Erklärungsgefüge wird verständlich, was sich jeweils konkret zeigt. In den Bildern, die wir dabei herausheben können, finden wir zugleich eine Antwort auf die Grundfrage, wie jeweils das Ganze beschaffen ist, das die Vielfalt der Wirkungsbedingungen zusammenhält. Verschiedene Bilder, verschiedene Verwandlungs-Sorten, verschiedene Konstruktionsprobleme, verschiedene Lösungen des Problems der Versalität. 

Alltagskultur heute 

Es würde unserer Auffassung vom Kultivierungsprozess widersprechen, wenn das, was hier über Wie und Warum einer Kulturpsychologie angedeutet wurde, so abstrakt stehenbliebe. Die Untersuchungen, die am Psychologischen Institut II zur Alltagspsychologie durchgeführt wurden, sind die Grundlage dafür, das Ganze am Besonderen einer Kulturpsychologie heute darzustellen. Welche Gestalt zeichnet sich im Kultivierungsprozess heute ab – was hält sie in Umsatz, welche Vielfalt stellt sie aus, welche Verwandlungen kann sie zusammenfassen, welche „Explosibilität“ fordert sie heraus und womit wird sie nicht fertig? Eine Antwort auf diese Frage suchen wir zu finden, indem wir vor dem Hintergrund des Wissens um die Geschichte des Seelischen und des Konzepts einer Morphologie des seelischen Bauplans zunächst einmal beschreiben, was in unseren Untersuchungen besonders heraustritt – angesichts der Frage nach Kultivierungsprozessen im Alltag von heute. Bei unseren Untersuchungen zeigt sich als ein erstes Kennzeichen der Alltagsverfassung heute ein Frei-Setzen seelischer Regsamkeit. Das ist eine Folge der Befreiungsbewegung, die in der Aufklärung zum Freidenken und in der Romantik zum Freifühlen führte. Das ist aber zugleich auch eine Folge der Entwicklung unserer Kultur – und ihrer Technik –, die uns auf Fern-Wirkungen bauen lässt. Vereinfachend lassen sich bei der Fern-Wirkung Fern-Ziele und Fern-Bedienungen unterscheiden. Die Freiheit oder die Selbstverwirklichung sind für viele Menschen heute Lebensziele – das sind Fern-Ziele; sie heben sich ab von Zielen, die man vielleicht früher einmal verfolgte: sich einen eigenen Laden einzurichten oder einen bestimmten Posten zu erhalten. Zur Charakterisierung von Fern-Bedienung braucht man nur die Worte zusammenzustellen, die mit „Fern“ gebildet werden: Fern-Sehen, Fern-Reisen, Fern-Kraft, Fern-Universität, Fern-Steuerung (der Computer macht alles); als besondere Leistung im Jubiläumsjahr der Universität Köln wird die Fern-Wärme herausgestellt. Wir fühlen uns in einen Fern-Raum versetzt, in dem großräumiges Wirken möglich ist; wir streben weg von den Nestgerüchen in ein Wissen von der Ferne, von vielen fernen Göttern, vielen fernen Kulturen – die Ferne relativiert alles. Die Formen des Erlebens und Verhaltens im Alltag werden getragen durch das Vertrauen auf diese Fern-Wirkung; sie entlastet und setzt seelische Regsamkeiten frei, die in früheren geschichtlichen Wirkungsräumen anders hätten verwendet werden müssen. Aber die Fern-Wirkung erscheint auch als eine recht freischwebende Angelegenheit; das merken wir vor allem, wenn wir beobachten, in welche erbitterten Nah-Kämpfe die Menschen heute verwickelt sind. Einerseits lässt sich ein heftiges Bemühen beschreiben, die geheimnisvollen technischen Errungenschaften oder auch die geheimnisvollen wissenschaftlichen Erklärungen in etwas „Selbstverständlicheres“ umzuwandeln. Hier geht es nicht um ein intellektuelles Verständnis: Die Menschen möchten verstehen, was da wirkt, von Vorgängen der Aneignung, des Verdauens, des Auseinanderklaubens oder des Zusammenbackens aus, die ihnen aus ihrer eigenen Handlungswelt bekannt sind. Andererseits tritt deutlich eine Hilflosigkeit im Umgang mit den Dingen oder im Umgang mit sich selbst und anderen Menschen zutage: Wenn die Knöpfe und Schalter der Fern-Wirkung – die „materialen“ wie die „geistigen“ – versagen, kommt es zu Ausbrüchen, zu primitiven Gewaltformen, zu Streitereien, zu Verzagtheiten oder zur Flucht. Da wir von einem morphologischen Konzept ausgehen, können wir vermuten, dass zwischen dem Pol der Fern-Wirkung und dem Pol der Nah-Kämpfe und Kleinhändel ein Ergänzungsverhältnis besteht. Hier werden Notwendigkeiten (Maße; Zwänge) des seelischen Bauplans angesprochen; sie lassen auf einen immanenten Zusammenhang zwischen Fern-Wirkung und Nah-Kämpfen schließen. Dass Gestalt nicht etwas Festes, sondern ein dramatisches Hin und Her ist, ist eine Grundvoraussetzung der Morphologie; wie das sich konkret ausprägen kann, erfahren wir nur durch eine Analyse der besonderen Kultivierungsprozesse. Sie zeigen uns zugleich auch, welche Probleme von Verwandlung jeweils ins Spiel kommen. Das Wie und das Warum einer Kulturpsychologie sind untrennbar miteinander verbunden. Die kennzeichnenden Umrisse der Alltagsverfassung heute lassen sich durch eine Reihe weiterer Kennzeichen ergänzen. Die Menschen sind in einen Großbetrieb eingegliedert, an dessen Rädern unendlich viel zu drehen ist – ohne dass sich dabei etwas „real“ verändert. Wenn wir etwas an der Fern-Wirkung reparieren oder einen Computerbescheid korrigieren wollen, dann geraten wir in ein Netz von Umwegen, Zuständigkeiten, Verweisen, Auslegungen. Das lässt dann den Großbetrieb wie einen Riesen-Aufwand für Stillegungsprozesse erscheinen. Wir möchten, was herauskommt, in die Hand nehmen, anfassen, befingern können – aber wir erfahren nur zu oft, dass sich irgendwo, irgendwie etwas dreht, ohne dass wir mit dem Anfang einer Handlung auch ein schönes Ende verbunden sehen. Solche „Selbstverständlichkeiten“ des Handelns müssen wir uns dann anderswo suchen. Dem Großbetrieb entsprechend, geraten auch unsere Geschichten zu seltsamen Erzählungen aus der Ferne oder von der Ferne. Es heißt, wir seien an einem Riesenprojekt beteiligt, das man Fortschritt nennt. Besser-Werden (als die Eltern) sei uns in die Wiege gelegt, wir seien alle gleichberechtigt und hätten alle unser „Eigentliches“ – es liege irgendwo. Wir sollen darauf vertrauen, dass alles Wissen dieser Welt in unser Haus gesendet wird – wir geraten in eine Bilder-Inflation (bei der natürlich von selbst kein vereinheitlichendes und lebensfähiges Bild herauskommt). Alles bewegt sich und alles bleibt zugleich. Das ist das Kunststück; aber das lässt zugleich auch eine Sehnsucht nach einer totalen und radikalen Wandlung aufkommen. Wie seltsame Stundenekstasen heben sich vor diesem Hintergrund therapeutische Übungen ab, in denen sich eine Seelenpflege breit macht: Hier wird unsere Kultur des „Innenlebens“ hergestellt, indem wir Regungen, die sich im Umgang mit der Wirklichkeit nicht anders unterbringen lassen, zu dramatischen In-Gebilden verdichten. Dieses Seelentum „an-sich“ ist ein Kultivierungsprodukt, das aus verschiedenen Quellen gespeist wird – aus der Bilderflut anderer Kulturen und geschichtlicher „Erinnerungen“. Jede Wochenendtherapie macht andersgläubig. Das wird vermischt mit Ratschlägen, mit dem Glauben an Astrologie und Zauberei; wenn sich das zu Konflikten und Entscheidungen zuspitzt, wird die eine Therapie verlassen und eine andere Form der Therapie aufgesucht. 

400 in 40 – Auskuppeln des Getriebes 

Die eben angeführten Kennzeichen fügen sich in den Umriss einer spezifischen Morphologie der Kultivierungsprozesse heute: Was sich in der Entwicklung der europäischen Kultur in 400 Jahren herausformte, das scheint heute in 40 Jahren durchlebt zu werden – 400 in 40. Wir können uns aber nicht damit begnügen zu sagen, „400 in 40“ – das ist eben zu viel auf einmal. Wir müssen uns vielmehr fragen, welche Seelenlogik darin zum Ausdruck kommt; eine Antwort auf diese Frage suchen wir von dem morphologischen Erklärungsgefüge her zu finden, das Bauplan und Kultivierungsprozesse verbindet. Dabei können wir uns auch noch einmal verdeutlichen, dass das Wie und das Warum untrennbar miteinander verschwistert sind. Das zeigt sich schon, indem wir mit der Beschreibung von Kultivierungsprozessen heute eine Reihe von Fragen und Vorentwürfen verbinden. Was wird hier stillgelegt? Welche Leiden erwachsen aus dem Frei-Setzen? Wo sind die geheimen Hoffnungen auf Umwälzung untergebracht? Daran schließen sich Vermutungen an: Das „Ungelernte“ geht zurück auf ein Nicht-lernen-Wollen; die Verschärfung der Polarität von Fern-Wirkung und Nah-Kämpfen hat einen bestimmten Sinn; darin zeigt sich ein Ganzes, das den Bauplan des Seelischen in spezifischer Weise kultiviert. Vor allem aber sehen wir uns die Beschreibungen unter dem Gesichtspunkt an, dass hier System-Probleme des Seelischen mit einer bisher nicht zu beobachtenden Intensität ausgelebt (auskonstruiert) werden. Der Bauplan, nach dem Formen der Behandlung von Wirklichkeit entwickelt werden, ist ein versatiles System: sein Räderwerk ist veränderlich und drehbar (Verhältnisse; Wendungen). Das Räderwerk dreht sich aber immer so, dass sich ein Ganzes herstellt, das zu einer Platzanweisung führt; diese Gestalt des Ganzen bricht die Tendenz der Wirkungsbedingungen, jeweils in ihrer Weise alles zu bestimmen und dadurch einen Stellenwechsel einzuleiten (Versalitätsproblem). Weil das Seelische ein System ist, das sich ausbildet, geht es in der Psychologie immer um Systemprobleme; die verschiedenen Verwandlungsprobleme (-Sorten) wandeln diese Grundbestimmung ab. Von daher betrachtet greift Freud in seinem dualistischen Ansatz – Primäres und Sekundäres; Entwicklung und Regression – die im vorigen Jahrhundert besonders heraustretende Gestalt eines der Verwandlungsprobleme auf. Angesichts der Geschichtlichkeit des Seelischen bedeutet das, hier sei ein Kultivierungsmuster des 19. Jahrhunderts – die Gleichstellung von oben und unten – zur Grundlage einer psychologischen Interpretation gemacht worden. Von daher lässt sich auch das Aufdecken des Versalitätsproblems im Rahmen einer morphologischen Analyse mit einem Kultivierungsprozess zusammenbringen, der seine Vorläufer in der Avantgarde am Ende des vergangenen Jahrhunderts hat und sich von der Mitte des 20. Jahrhunderts an immer mehr ausbreitet (vgl. in diesem Heft L. Salber „Eine Biographie unserer Kultur“, S. 17 ff.). Durch die Kultivierungsprozesse bei der Behandlung der Wirklichkeit werden die Grundprobleme des seelischen Systems Zug um Zug herausgebracht. Das gestattet es, die besondere geschichtliche Lage des Seelischen jeweils mit dem Problem zu verbinden, das die Drehung des Räderwerks im Ganzen zu bestimmen sucht; das ist heute die Versalität „an sich“. Die Beschreibungen unserer Alltagskultur machen sichtbar, dass heute Versalität nach allen Seiten frei-gesetzt ist. Das Gespenst, das hier umgeht, ist das „Phantom der Freiheit“ (Buñuel). Wir können alle Wirkungsbedingungen des Systems auch heute aufdecken – Halt, Umbildung, Anordnung genauso wie die Richtlinien des Einverleibungsprogramms von Verwandlung im Alltag –; aber wir finden sie zerteilt und nebeneinander vor. Sie sind irgendwie untergebracht, als sei der Faden des Ineinandergreifens und der damit verbundenen Konsequenzen mit geheimer Absicht zerschnitten. Festhalten, Zweifeln, Quängeln, Verschlingen, Überwältigen scheinen an irgendwelchem Material und an irgendwelchen Anhalten zu drehen. Das Experimentieren mit Extremen wächst ins Große; aber das Verhältnis zwischen Maßen und Konsequenzen wird ganz anderswo ausgetragen. Wir finden ein Zugleich von fern und nah, klein und groß, von „roh“ und „gekocht“, von banal und entwickelt – das Verhältnis von banal und entwickelt wird nicht an einem Bedeutungskreis ausgeführt. Wir sehen gleichsam Ideen „an sich“ und Realisierungen „für sich“, viel Freisetzungs-Toleranz und viele Hintertüren. Da sind viele Bilder, die uns begeistern könnten, aber die Probleme von Halt oder Umbildung, die sie mit sich bringen, werden nicht ausgefochten im Kampf um ein vereinheitlichendes Bild. Die Belebung der Versalität bringt eine Belebung des Interesses an „Mythen“ – als Vereinheitlichungen – mit sich; aber auch das wirkt wie zwei Strömungen, die nebeneinander fließen. Das Ganze des Kultivierungsgetriebes heute befindet sich in einem Zustand des Auskuppelns. Die Räder drehen ihre Kreise, doch sie greifen nicht zu einer entschiedenen Gestalt ineinander. Gestalt hat zu tun mit dem Werden eines Etwas in Hin und Her, in Ergänzung und Umbildung; das ist auch jetzt wirksam. Was sich hier dreht und wendet, wird jedoch in einer extremen Weise „für sich“ betrieben – als würden die Lehrbücher der Psychologie (und der Philosophie) gleichsam Seite um Seite praktiziert und nicht wie Hinweise auf ein Werk im Ganzen verstanden. Das Auskuppeln nutzt aus, dass sich jedes Glied eines Werkes als das Ganze aufspielen kann (darin äußert sich die Verwandlungstendenz des Seelischen); es nutzt aus, dass Wandelbarkeit und Stellenwechsel zu Austausch führen können. Auskuppeln nutzt aus, dass das Ganze mehr und anders ist als die Summe der Teile: dadurch lässt sich ein Ganzes „an sich“ anstreben; es nutzt aus, dass immer wieder explosible Verkehrungen auftreten müssen. In den Kultivierungsprozessen von heute tritt ein Ganzes zutage, das am versatilen System des Seelischen selbst ein Verwandlungsproblem herausfordert, das daran experimentiert und das es überfrachtet. Das „Phantom der Freiheit“ ist der Versuch eines Selbstgenusses des Totals – durch Auskuppeln, durch Stillstand und damit paradoxerweise zugleich durch die Zerteilung des Totals. Der Versuch, das Ganze (für sich) zu haben und daneben irgendwo auch seine Herstellungsbedingungen zu betreiben, wirkt wie eine Karikatur auf die „Ideen“, die die europäische Kultur in ihrer Philosophie und Psychologie im Laufe der Zeit hergestellt hat. Seine Anziehungskraft bezieht das Ganze aus dem „großen Experiment“ einer Ent-Bindung des versatilen Systems: Alles ist gleichberechtigt, alles ist „an sich“. Die Unruhe des Indem der Wirkungsbedingungen hat sich verkehrt in ein Nebeneinander und einen Schnell-Vertausch. 

Perspektiven einer Kulturpsychologie 

Das Seelische kann nicht stehenbleiben – auch das Auskuppeln nicht. Um das festzustellen, brauchen wir nicht den Zusammenbruch der Fern-Bedienung abzuwarten. Nicht allein in den Behandlungsstunden merken wir, dass die Ergänzung des „Phantoms der Freiheit“, ihr Doppelgänger, das „Gespenst der Diktatur“ ist. Frei-Setzen zeigt seine Kehrseiten; Entschiedenheit und Maße erscheinen nicht nur als eine Last. Die vielen Schonräume nehmen uns das Leben ab. Es geht jedoch nicht nur in einer Richtung weiter; das Auskuppeln gerät zusehends unter verschiedene Zugzwänge – dabei treten Beschaffenheit und Mechanismen des versatilen Systems deutlicher zutage. Wie es weitergehen kann, wird spürbar an der Bedeutungsrichtung und der Bewegtheit der seelischen Gebilde, die wir in Rechnung stellen müssen, wenn wir den Alltag als Entwicklung charakterisieren. Der Seelenkult und das Spiel mit dem Angekränkelt-Sein werden gedrängt in Richtung auf ein „reales“ Weiterkommen; verkehrte Bilder von Entwicklung (Besser-Werden; „Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden“) oder Ideologien von einer perfekt schonenden Gesellschaft – als Endzustand – gehen über in andere Bilder: Bei ihnen bestimmt Verwandlung „als“ Verwandlung wieder den Sinn der Geschehnisse. Die Selbst-Behandlung kommt aus ihrem Kreiseln heraus; durch die Frage, was geht und was nicht geht, wird sie wieder stärker in die Behandlung von Wirklichkeit einbezogen. An den verschiedensten Stellen bildet sich die Erfahrung aus, dass unsere Lebensgeschichte in ein „entschiedenes“ Geschäft mit der Wirklichkeit verwickelt ist; das erwächst aus den Dramen der Begeisterung, die wir heute wieder zulassen, oder aus dem Kampf um „kleinere“ und menschlichere Welten. Hier könnte auch weitergeführt werden, was sich aus dem Interesse an Hässlichem oder aus dem ungelenken Gerangel um „Kreativität“ entwickelt hat: das Verspüren von Übergängen und Paradoxien, die mit dem Ausmessen der Wirklichkeit verbunden sind. Man möchte wieder etwas auf seine Kappe nehmen und in eine Richtung fahren, auch wenn sie nicht die perfekte Lösung aller Probleme verspricht. Das Versalitätsproblem ist ein Urphänomen, das Zusammenhänge sichtbar macht. Aber ohne Untersuchung der Kultivierung heute verstünden wir nicht, welche Wendung dieses Grundverhältnis der Geschichte des Seelischen geben kann, wenn es „an sich“ ausgelebt wird. Einerseits kommen wir dadurch an neue Recheneinheiten der Psychologie heran; andererseits erfahren wir nur so, wie und warum sich die Zusammenhänge der Alltagskultur heute ausbilden. Gleich der Märchenanalyse verfolgt eine Kulturpsychologie das Allgemeine im Besonderen und das Besondere im Allgemeinen – in diesem Austausch versteht sie, was sich abspielt.Daher ist die Kulturpsychologie ein „Programm“ für die wissenschaftliche Psychologie. Sie ist zugleich ein Angebot für seine Erfüllung: Dass wir mit ihren kunstanalogen Methoden – Produktionsanalyse, Austausch von Verwandlungs-Sorten, psychästhetische „Bild-Analyse“ – die Geschichte des Seelischen wie auch den Alltag heute verstehen können. Eine „Geschichte des Seelischen“ ist daran interessiert zu erfahren, welche Verhältnisse, die die Konstitution des Seelischen mit sich bringt, jeweils behandelt werden, und mit welchen Problemen, Konsequenzen und Begrenzungen dabei zu rechnen ist. Nur über das Verstehen unserer eigenen Erlebensformen und Betroffenheiten können wir die Genese und Formen der Moral, der Wissenschaft oder der Lebenswelt verstehen – umgekehrt machen uns aber auch Geschichtlichkeit und Herstellen auf unsere „Selbstverständlichkeiten“ aufmerksam. Das muss besonders betont werden, weil eine Kulturpsychologie allzu schnell verdächtigt wird, sie wolle sich nur mit den „hohen Werten“ und der Geschichte beschäftigen. Dem stellen wir den Gedanken entgegen, dass der seelische Alltag immer nur als Kultivierungsprozess seinen Sinn gewinnt, und dass die Methoden dieser Kulturpsychologie sich dem Anspruch unterstellen, vor allem das zu erfassen, was uns heute, in dieser Kultur, betroffen macht. Das lässt sich nicht auf den Sankt-Nimmerleinstag verschieben, nur weil die „objektive“ Psychologie noch nicht soweit ist. Das ist kein Zeitproblem – das ist das Problem einer angemessenen Gegenstandsbildung der Psychologie. 

Hinweis: Dieser Artikel ist eine Neuauflage und wurde per Hand ins Digitale übertragen sowie an die neue Rechtschreibung angepasst. Wir bitten um Nachsicht für eventuelle Fehler. 

Literatur (Auswahl) 

 Kulturpsychologie 

Bisher erschienen: 

 Debus, R. (1985): „Tagesschau“ im Seelenhaushalt, in: Zwischenschritte 1 

Melchers, C. B. (1987): Bilder von Psychologie und Psychologen, in: Zwischenschritte 1 

Orlovius, A. (1984): Fern-Reisen – Reisen, um zu begegnen, in: Zwischenschritte 2 

Salber, L. (1986): Radioaktivität – Das obskure Objekt der Beunruhigung, in: Zwischenschritte 2 

Salber, W. (1972): Literaturpsychologie, Bonn; (1973): Das Unvollkommene als Kulturprinzip, in: Zs. f. Klin. Psychol., Psychopath. u. Psychother., 21, H. 2; (1977): Kunst-Psychologie-Behandlung, Bonn; (1977): Wirkungsanalyse des Films, Köln; (1985): Alltag behandelt All-Tag, in: Zwischenschritte 1; (1985): Tageslauf-Psychologie, in: Zwischenschritte 2 

– / Rascher, G. (1986): Märchen im Alltag, Köln 

– (1986): Der Alltag ist nicht grau, in: Zwischenschritte 2 

Seifert, W. (1980): „Holocaust“ und die Kulturpsychologie Sigmund Freuds, in: Zs. f. Klin. Psych., Psychopath. u. Psychother., 28, H. 4 

 

Autor:in

Wilhelm Salber

Wilhelm Salber

Psychologe

Wilhelm Salber (1928-2016) war bis zu seiner Emeritierung 1993 30 Jahre Direktor des Psychologischen Instituts II an der Universität zu Köln. Zusammen mit seinen Mitarbeiter(inne)n entwickelte er dort u.a. das Konzept der Wirkungseinheiten im Rahmen einer Morphologischen Psychologie. Die Ergebnisse zahlreicher Untersuchungen hat er in über 235 Veröffentlichungen dargestellt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Salber