Aufgrund der neueren Ergebnisse der Kleinkindforschung erscheinen die tiefenpsychologischen Entwicklungstheorien revisionsbedürftig. Sie betrachten die normale Entwicklung aus der Perspektive der Psychosen und Neurosen erwachsener Patienten. So unterstellen sie dem Kleinkind vieles, was es noch nicht kann, und trauen ihm vieles, was es schon kann, nicht zu. Insbesondere verzerrt sich die gesunde Entwicklung zu einer Mühsal, in der belastende Mangellagen angestrengt zu überwinden und hochgeladene Triebspannungen notdürftig zu regulieren sind. Dabei werden die oft sehr lust- und freudvollen Entfaltungsprozesse der Individuation übersehen. Jedem lebendigen Sein ist eine Entwicklungshoffnung immanent, die sich in einem spannungsvollen Austausch zwischen Erhaltung und Entfaltung ausformt.
Aufgrund der neueren Ergebnisse der Kleinkindforschung (Hans und Mechthild Papousek 1986, 1987, 1989; Peterfreund 1978; Lichtenberg 1987; Stern 1979 und Stork 1986) erscheinen die tiefenpsychologischen Entwicklungstheorien revisionsbedürftig. Es lassen sich zwei generelle Wahrnehmungsverzerrungen der frühen Kindheit feststellen:
Kurzfassung eines Vortrages anlässlich der 10. Delmenhorster Fortbildungstage für Individualpsychologie mit dem Titel „Freude und Leid frühkindlicher Lebensbewegungen. Empirische Säuglingsforschung und tiefenpsychologische Entwicklungstheorien“; abgedruckt in: Ahrens, T. / Lehmkuhl, U. (Hg) (1991): Beiträge zur Individualpsychologie (14): Entwicklung und Individuation. München, 24–41.
Säuglinge können, ausgestattet mit weitgehend funktionstüchtigen Sinnen, in einen komplexen und differenzierten Handlungsdialog mit ihrer Welt treten. Im Konzert der Interaktionen bildet sich eine „Choreographie“ heraus, die ihnen „als Prototyp für jeden späteren interpersonalen Austausch“ (Stern 1979, 91) dient. Die „vitale Dialektik“ (Künkel 1929) aus wechselseitiger Bewegung oder Berührung ist das motivierende Agens. Das Kind erlebt diese „Kontingenz“ (Papousek 1989) mit offensichtlichem Wohlbehagen, mit Vergnügen und Entzücken, mit unverkennbarer Begeisterung. Auch das Erleben der beteiligten Bezugspersonen lässt keinen Zweifel daran, dass die emotionale Ausdrucksbewegung eines fließenden, dialogischen Austauschs eine urtümliche Lebensfreude ist. Die Annahme eines narzisstischen oder autistischen Säuglings ist mit diesen Beobachtungen nicht mehr zu vereinbaren.
Das Kleinkind kann bereits unmittelbar nach der Geburt aus sich heraus eine hochdifferenzierte präverbale Kommunikation einleiten, es kann sie selbstaktiv aufrechterhalten, schöpferisch auf ihren Ablauf einwirken und aus sich heraus abschließen (Stern 1979, 96 f.). Es ist besonders eindrucksvoll, dass das Kind nicht nur in der Beziehung zu seinen Betreuungspersonen Initiative zeigt, sondern dass es offensichtlich auch an der unbelebten Umwelt ein reges Interesse hat und neugierig ihre Erscheinungen zu begreifen versucht. Das lässt sich an einem beeindruckenden Experiment von Papousek zeigen: „Ein dreimonatiges Mädchen erlebt erstmals ein ihm zunächst unerreichbares Mobile aus hölzernen Klangstäben, das in regelmäßigen Abständen vom Beobachter in Bewegung gesetzt und dadurch zum Klingen gebracht wird. Das anfänglich lebhafte Interesse für diese Stimulation äußert sich in Zuwendung und Orientierungsreaktionen; es sinkt bereits nach drei Wiederholungen, d. h. nach einer Minute, deutlich ab und ist nach drei Minuten erloschen (Habituation). Das Baby wendet sich ab. Bringt man darauf das Mobile in Reichweite der Händchen, so dass das Baby die erwünschten Effekte durch eigene Bewegungen hervorrufen kann, so ändert sich das Verhalten dramatisch. Das Interesse wird erneut und intensiver als zuvor mobilisiert. Das Baby exploriert zunächst mit konzentrierter Aufmerksamkeit, was es mit den Stäbchen anfangen kann. Bei den ersten hörbaren Erfolgen seiner Manipulationen kommt es zu allgemeiner motorischer Aktivierung und zu positiven Vokalisationen. Zunehmende Kontrolle über das Spielzeug führt zu freudiger Erregung und zu offenkundigem Vergnügen. Trotz erster Zeichen von Erschöpfung nach zehn Minuten ununterbrochenen Spiels setzt das Kind seine Betätigung fort und äußert beim Erproben immer neuer Variationen unverminderte Freude an den Erfolgen. Selbst als sich infolge der anhaltenden Aufregung Äußerungen von Unbehagen kundtun, bleibt das Bedürfnis zur Fortsetzung des Spiels erhalten, was in Mimik und Gestik als Ambivalenz zum Ausdruck kommt. Erst nach 27 Minuten scheinen die Grenzen der physiologischen Belastbarkeit erreicht zu sein. Erschöpft verdrängt das Baby das attraktive Spielzeug aus dem Blickfeld und wendet sich schließlich endgültig davon ab“ (Papousek 1989, 113). Die Eigenaktivität des Säuglings ist spürbar an seinem starken Bedürfnis, auf seine Umwelt einzuwirken und sich an den Wirkungszusammenhängen zu erfreuen. Diese Beobachtungen erweisen das Spannungs-Abfuhr-Prinzip oder Trieb-Abfuhr-Modell als überholt. Die von einer Erfahrungswissenschaft nicht mehr weiter hinterfragbare Selbstbewegung bietet sich als unverzichtbarer „psychischer Gegenstand“ (Salber 1959) einer tiefenpsychologischen Entwicklungspsychologie an. In diesem Sinne spricht Salber (1980) heute von einer „Selbstbehandlung“ des Seelischen.
Mikroanalysen des Eltern-Kind-Dialogs zeigen, dass die Wirkungszusammenhänge des Handlungsdialogs zwischen Kleinkind und Bezugsperson noch subtiler sind, als das dialektische Schema Künkels (1929) aus Wort und Antwort oder gar das lerntheoretische Paradigma von Reiz und Reaktion erfassen können. Die Abstimmungen zwischen den Interaktionspartnern vollziehen sich schneller, als es nach den isoliert gemessenen „objektiven“ Wahrnehmungszeiten überhaupt möglich wäre. Deswegen lässt sich das Zusammenspiel nur so verstehen, dass beide einen gemeinsamen Entwurf des Handlungsdialogs haben und ihr Verhalten, wie Partner beim Tanzen, simultan aufeinander abstimmen. Das Experiment von Papousek belegt ebenso, dass bereits das Kleinkind einfache Bewegungs- oder Handlungsmuster aufbauen kann, die von rudimentären Erwartungen oder Entwürfen getragen werden. Das Kind ist offenbar von Beginn seines Lebens an fähig, relativ differenzierte Bewegungsmuster zu lernen. Da das Kind für das frühe Erlernen von einfachen Handlungsformen „die Fähigkeiten zu symbolischen Vorstellungen weder benötigt noch besitzt“, haben diese Ergebnisse auch eine revolutionierende Wirkung auf die psychoanalytischen Konzepte, die diese Kompetenzen des Kleinkindes voraussetzen. Annahmen, die in vermeintlicher Anlehnung an Freud von einer „halluzinatorischen Wunscherfüllung“, von Verschmelzungsphantasien (Mahler), von Phantasien über Teilobjekte von „guten“ und „bösen“ Brüsten (Klein), von Phantasien über Verschlingen und Verschlungenwerden (Lewin), von Projektion, Einverleibung usw. ausgehen, erscheinen nach diesen Erfahrungen inadäquat. Ohne die Fähigkeit zur Symbolisierung ist das Bestehen von Phantasien unwahrscheinlich, sind auch die von diesen Symbolisierungsvorgängen abgeleiteten Abwehrmechanismen mehr als fragwürdig (Lichtenberg 1987, 127).
Mit seinen Kopf- und Augenbewegungen, mit seinen mimischen Ausdrucksbewegungen, mit dem Spiel seiner Hände und Füße, mit seinem Lächeln und seinem Schreien reguliert das Kleinkind auf höchst effektive Weise den Handlungsdialog mit seinen Bezugspersonen, die normalerweise – unabhängig vom Geschlecht – seine Ausdrucksbewegungen in intuitiver Fürsorge verstehen können (Papousek 1989; Stern 1979). Auch sein Aufmerksamkeitsverhalten zeigt deutlich eine regulierende Funktion, indem es durch Selektion sowohl Langeweile als auch Überstimulation – natürlich in einem entwicklungsadäquaten Rahmen – zu vermeiden versucht. Die Fähigkeit zur Steuerung eines differenzierten Handlungsdialogs zeigt sich besonders gut bei der Einleitung, Durchführung, Unterbrechung, Modulation und Beendigung von spontanen Spieleinheiten zwischen Kind und Bezugsperson (Stern 1979, 96 f.). Diese Beobachtungen „sprechen für eine Änderung des gängigen Konzeptes einer passiven Abhängigkeit während der symbiotischen Phase“ (Lichtenberg 1987, 125).
Die neueren Forschungsergebnisse legen nahe, den Prozess der Individuation als einen primär ganzheitlichen Vorgang zu begreifen. Das in der Psychoanalyse übliche Spaltungsmodell ist dazu nicht geeignet. Lichtenberg macht darauf aufmerksam, dass die dichotome Strukturierung von Kindheitserfahrungen (z. B. nach „gut“ und „böse“) kognitive Fähigkeiten voraussetzt, die dem Kleinkind vermutlich noch nicht zur Verfügung stehen. Darüber hinaus sieht er die Annahme einer angeborenen Neigung zur Spaltung, die sich aus dem a priori angenommenen Konflikt zwischen libidinösen und aggressiven Tendenzen ergibt, durch verschiedene Erkenntnisse der Säuglingsforschung widerlegt: Außer einigen Beispielen frühkindlicher Erregtheit scheinen „die meisten, wenn nicht alle Äußerungen von Zorn beim Säugling, Reaktionen der Abneigung gegenüber spezifischen Ursachen zu sein“ (Lichtenberg 1987, 131). Weiterhin lässt sich nicht bestätigen, dass sich das Selbstgefühl aus disparaten Bildern oder Repräsentanzen zusammensetzt. Es liegt vielmehr nahe anzunehmen, dass sich das Selbstgefühl als eine einheitliche Erfahrung entwickelt. Die Beobachtungen sowohl perinealer als auch genitaler Empfindungen beim Kleinkind problematisieren eine zeitliche Abfolge in der Wirksamkeit erogener Zonen und fordern eine Revision der Libidotheorie (Lichtenberg 1987, 125). Darüber hinaus steht fest, dass das Kind von Anfang seines Lebens an zwischen Mutter und Vater unterscheiden kann, dass seine Entwicklung also spätestens von seiner Geburt an unter systemischen, im üblichen Falle also zumindest unter triadischen Gesichtspunkten zu betrachten ist. Diese Entdeckungen fordern zu einer Revision der Auffassung vom Ödipuskomplex heraus.
Die frühen Stadien der Selbstwahrnehmung, der Differenzierung zwischen sich und der Welt, der originären Mitwirkung am Handlungsdialog, die vielfältigen affektiven Ausdruckssignale, mit denen der Säugling den interaktiven Austausch mitreguliert, die offensichtliche Intentionalität seines Tuns, die selbstaktive und selektive Verarbeitung von Umweltreizen usw. problematisieren die Annahme einer Stufenfolge von Autismus, Symbiose und Individuation und machen deutlich, dass der Wachstums-, Entfaltungs- und Integrationsprozess, den Jung mit dem Begriff der Individuation kennzeichnet, spätestens mit der Geburt beginnt – und es wahrscheinlicher ist, den Zeitpunkt eher vorzuverlegen, als ihn hinauszuschieben (Bürgin 1982; Janus 1990a und 1990b; Krüll 1989). Zusammenfassend muss man mit Mertens und in Anlehnung an Emde (1981) feststellen, dass die neuere Kleinkindforschung die Psychoanalyse in ihren Grundfesten erschüttert hat und mehrere Mythen zu Grabe getragen werden müssen, nämlich „die des autistischen, narzisstischen, inkompetenten, passiven und nur triebmäßig stimulierten Säuglings, der an nichts anderem als am Dösen, Trinken und Schlafen interessiert sei und sich am liebsten in seine autistische Welt flüchte, wenn er nicht gerade mit destruktiven und paranoiden Phantasien beschäftigt sei“ (Mertens 1990, 112).
Die neueren Ergebnisse der Säuglingsforschung bestätigen in beeindruckender Weise die Weitsicht Adlers. Wenn die Entdeckungen des ersten Vorsitzenden und des ersten Dissidenten der psychoanalytischen Vereinigung nicht völlig verleugnet worden wären, müsste Lichtenberg heute nicht „eine radikale Neukonzeptualisierung des frühkindlichen Stadiums“ (1987, 124) fordern. Ich habe in einer früheren Veröffentlichung (1990) zu zeigen versucht, dass die originäre schöpferische Lebensbewegung (Selbstbewegung) als Grundbegriff der individualpsychologischen Gegenstandsbildung angesehen werden kann. Aber auch diese Wahrnehmung durfte bisher in der Individualpsychologie noch nicht richtig lebendig werden:
Was hat Adler mit dem Vollkommenheitsziel oder Vollkommenheitsstreben gemeint? An einer Stelle heißt es: ein „etwas, was dem Leben angehört, ein Streben, ein Drang, ein Sich-Entwickeln, ein Etwas, ohne das man sich Leben überhaupt nicht vorstellen kann“ (Adler 1933/1983, 22). Wenn er weiter hervorhebt, dass Leben sich entwickeln heißt, dass es sich bei der seelischen Bewegung um etwas Ursprüngliches handelt, das jedem Leben anhaftet, und dass sich diese Kraft „Leben“ in jedem Individuum ausgestaltet und durchsetzt (22 f.), wenn er auf „die Bewegung (die alles ist), alles durchfließt“ (1927/1982, 198) hinweist und in ihr das „Grundgesetz alles Lebens“ (1933/1983, 34 f.) sieht, und er von Anbeginn seines Schaffens an die Wahrheit nur in der Bewegung sucht (1912/1972, 139), dann umschreibt und umkreist er meines Erachtens das von ihm selber in eindringlicher Weise eingeführte Schöpferische, das jeder Lebensbewegung immanent ist. Diese originäre Lebensbewegung oder kurz Selbstbewegung trägt ihren Sinn und ihre Dynamik in sich selber und formt auch ihre Lebensentwürfe aus sich selbst heraus. Die Wachstumsbewegung ist ein primär ganzheitlicher Vorgang. Er vollzieht sich – wie heute in der Morphologie Salbers (z. B. 1980, 1989) besonders deutlich herausgearbeitet – im Spannungsfeld eines polaren Austausches. Erst wenn dieser misslingt und sich die Pole zu unvereinbaren Gegensätzen extremisieren, entstehen neurotische Konflikte und neurotische Kompromissbildungen, in denen die Entwicklung zur Sicherung erstarrt. Während die Individualpsychologie mehr den Spannungsaspekt kindlicher Entwicklung vernachlässigt, übersieht das Konfliktmodell der Psychoanalyse mehr den Entfaltungsaspekt menschlichen Werdens. Der Ausgang von zwei ursprünglich gegebenen Kräften (z. B. Libido und Aggression), die in einem konflikthaften Gegensatz stehen, spaltet das Ganzheitliche des Prozesses auf, ohne dass er aus den disparaten Teilen wieder zusammengefügt werden könnte. Entwicklung, Werden, Wachstum und Entfaltung sind aus dem Konfliktmodell zweier gegeneinander gerichteter gleichstarker Tendenzen nicht fassbar. Wo die Entwicklung in der Kompromissbildung zweier entgegengesetzter Tendenzen erstarrt, da liegt bereits eine Entwicklungsstörung vor. Der Normalfall zeigt uns, dass das Kind trotz aller immer wieder auftauchenden Ängste überwiegend nach vorne strebt, wachsen und werden, sich entfalten und entwickeln will. So wie in allen neurotischen Formen Erstarrung das Wesensmerkmal ist, so ist es in allen Formen der Individuation die Progression oder Propulsion. Ein Denksystem, das von zwei ursprünglich getrennten Triebkräften ausgeht, kann nur schwer die evidente Beobachtung fassen, dass Kinder im Normalfall lebenshungrig und lebensneugierig sind und mit ihrer gesamten Lebensdynamik auf Entwicklung und Entfaltung drängen. Das Konfliktmodell, das immer zwei gleichstarke gegeneinander gerichtete Kräfte unterstellt – was nicht einmal beim neurotischen Konflikt zutrifft –, verzerrt die Wahrnehmung für die realen Vorgänge. Lichtenberg weist darauf hin, dass im 24-Stunden-Rhythmus des Säuglings, der unter einigermaßen günstigen Umweltbedingungen aufwächst, eine wenig und mäßig intensive Erlebensform („Mittelgrund“ nach Stern) vorherrschend ist. Für die normale Entwicklung wird die Annahme einer hochkonflikthaften Spannung, die dem Kind permanent enorme integrative Bemühungen abfordert, nicht bestätigt (1978, 131). Am Beispiel des Konzeptes von Mentzos (1982) soll das angesprochene Problem noch einmal veranschaulicht werden. Als das Gemeinsame der primären Grundkonflikte arbeitet er die Dialektik aus Lösungen und Bindungen heraus, die sich in den alterstypischen Metamorphosen eines jeden Entwicklungsstadiums wiederfindet. Entwicklung wird als ein ständiges Ineinander von Auflösung bestehender Beziehungsformen und Einbindung in neue gesehen. Etwas Entscheidendes, was in diesen Überlegungen immer mitgedacht wird, aber von dem Modell nicht geleistet wird, birgt die Frage, was denn dieses „konflikthafte“ Geschehen trotzdem immer nach vorne drängt. Die Ambitendenz aus Bindung und Lösung kann nicht gleich stark oder gleich wirksam sein, denn dann würden Stillstand, Erstarrung, Verhärtung, Wiederholung usw., also pathologische Phänomene, vorherrschen. Die Wachstums- und Entfaltungstendenzen des Kindes, vor allem die Lust und die Freude am lebendigen Werden, gehen unter in einer konflikthaften Konzeption des Werdens. Dabei zeigen uns Kleinkinder neben allen Beharrungstendenzen immer wieder einen beeindruckenden Entwicklungs- und Lebenshunger (Mertens 1990, 115). Es muss eine Lust und eine Freude am Werden und Wachsen geben, die die Angst davor, bestimmte Formen der Sicherheit und des Halts aufzugeben bzw. sich auf Neues und Unbekanntes einzulassen, deutlich überwiegt. Konfliktmodelle werden also den Wachstumsimpulsen der originären Lebensbewegungen nicht gerecht. Sie erklären die Spannungsverhältnisse, jedoch so, dass sie nur noch als pathologisch verstanden werden können und die normalen, sicher auch spannungsvollen, aber eben nicht neurotischen Entwicklungsverläufe in den Beachtenshintergrund drängen. Zur Vermeidung der pathomorphen Verkennung schlage ich vor, zwischen polarer Spannung und neurotischem Konflikt zu unterscheiden. Die gesunde Entwicklung vollzieht sich in der spannungsvollen Polarität zwischen „Gestaltung und Wandlung“ (Salber1969, 1980, 1989), Erhaltung und Entfaltung (s. Antoch 1985, 12 ff.). In dieser ist ein Wachstumsimpuls wirksam, insofern die Hoffnung auf ein Weiterkommen größer ist als die Angst vor der Aufgabe eines bewährten Halts. Wenn aufgrund belastender Lebenserfahrungen diese Hoffnung immer mehr einer Angst vor dem Ungewissen weicht, missrät der polare Austausch zu einem neurotischen Konflikt zwischen Progression und Regression, zwischen Halten und Werden, zwischen Bindung und Lösung usw. – zu einem neurotischen Konflikt, in dem diese Tendenzen zu unvereinbaren Gegensätzen werden, die nur noch notdürftig und kompromisshaft und mit belastenden Folgewirkungen miteinander verbunden werden können. Unter welchen Bedingungen können Kleinkinder originäre Lebensbewegungen ausformen, die sich halten und entfalten können? Adler hat bereits 1908 (1973) mit dem Begriff des Zärtlichkeitsbedürfnisses auf die entwicklungsförderliche Beziehungsform in der frühen Entwicklung hingewiesen. „Unter den äußerlich wahrnehmbaren Phänomenen im Kindesleben macht sich das Zärtlichkeitsbedürfnis ziemlich früh bemerkbar“ (1973, 63). Das Zärtlichkeitsbedürfnis, „das Begehren auf liebevolle Beziehung“ (1973, 64), ist eine Ausdrucksform seiner sozialen Bezogenheit oder seines Gemeinschaftsgefühls. In den Jahren 1929 und 1930 betont Adler die Bedeutung der Zärtlichkeit für das Kleinkind: „Das neugeborene Kind seinerseits
muss umsorgt, beachtet, verzärtelt werden wie alle Babys“ (Adler 1978, 47). „Die Schwäche und Unsicherheit seiner ersten Jahre fordert geradezu eine ununterbrochene warmherzige Hilfeleistung der Eltern heraus“ (Adler 1930/1980, 177). Bereits in seiner frühesten Veröffentlichung über das Zärtlichkeitsbedürfnis aus dem Jahre 1908 warnt er ausdrücklich vor den Folgen einer Erziehung, die „das Kind mit seiner Sehnsucht nach Zärtlichkeit allein lässt“ (1973, 65). Die daraus resultierenden, von ihm beschriebenen Fehlentwicklungen wie die Selbstbezogenheit, die Isolation, die Destruktion, das Minderwertigkeitsgefühl, das mangelnde Gemeinschaftsgefühl, die Dissoziation usw. zeigen, dass Adler bereits zur damaligen Zeit die frühen, präödipalen Störungen zum Gegenstand seines Forschens gemacht hatte. Ich betrachte die Zärtlichkeit als Inbegriff für einen liebevollen, leibnahen und leibhaftigen Handlungsdialog zwischen Kleinkind und Bezugspersonen. Bei der Beobachtung eines zärtlichen Kontaktes zwischen Kleinkind und Betreuungsperson wird spürbar, dass in diesem Austausch aus Berühren und Berührtwerden (und zwar im ganzheitlichen Sinne!) die Keimformen für das spätere Erleben von Freude und Glück liegen. Sie basieren auf den elterlichen Beziehungsangeboten, die mit den originären Lebensbewegungen des Kindes mitschwingen. Die analytischen Entwicklungstheorien waren bisher fast ausschließlich mit den pathologischen Formen der Entwicklung befasst. Deswegen seien hier einmal die erfüllten und freudigen Momente seelischen Seins und Werdens ausdrücklich bedacht. Dazu möchte ich auf die Mit-Schwingung mit den Selbstbewegungen des Kleinkindes als prototypisches Beziehungsmuster früher Eltern-Kind-Interaktionen eingehen. In ihm kultivieren sich die Keimlinge frühkindlicher Selbstbewegungen. Der zärtliche und liebevolle Austausch zwischen Kleinkind und Bezugsperson bildet die leibhaftige Urform der Mit-Schwingung. Dieser Begriff soll sowohl die „holding“- und die „containing function“ umfassen, die in der Linie von Ferenczi, Balint, Winnicott und Bion entwickelt wurden, als auch die Spiegel- bzw. Resonanzfunktion der Bezugsperson enthalten, auf die Winnicott und Kohut hingewiesen haben. Desweiteren soll er die von Künkel und Spitz herausgearbeiteten dialogischen Wirkungszusammenhänge benennen, die neuerdings von Papousek & Papousek mit dem Begriff der Kontingenz belegt werden. „Mit-Schwingung“ soll die entwicklungsnotwendige, stellvertretende Unterstützung der frühen Selbstbewegungen durch die Eltern auf den Begriff bringen. Sie enthält mehrere Dimensionen und erfüllt mehrere Funktionen. Mit der Ordnungshilfe der morphologischen Gestalt-Faktoren (Salber1969) lassen sich folgende unterscheiden:
Im Verlauf der letzten Überlegungen könnte sich der Leser gefragt haben, wo in diesem Konzept die immer auch zu beobachtenden Versagungen und ihre Bedeutung für die Individuation zu finden sind. Er könnte sich dabei auf Freud berufen, der der Erziehung die Aufgabe zuweist, „ihren Weg zu suchen zwischen der Scylla des Gewährenlassens und der Charybdis des Versagens“ (Freud 1933/1982, 578). Er könnte insbesondere den Begriff der optimalen Frustration hervorheben, der von Kohut als „der wichtigste Aspekt der frühesten Mutter-Kind-Beziehung“ (1973, 86) herausgestellt und mittlerweile schon zu einem geflügelten Wort in der Psychoanalyse geworden ist. Dabei werden aber Kohutsspätere Klarstellungen dieses Prinzips (1981 und 1987) und seine Verdienste um eine stärkere Gewichtung gerade der originären Entwicklungs- und Entfaltungsbedürfnisse (s. Tenbrink 1990, 1989) kaum mehr beachtet. Deswegen soll hier abschließend noch kurz die Bedeutung der maßvollen Versagung durch das Konzept der Mit-Schwingung relativiert werden.
Eine um die schöpferischen Kräfte des Seelischen zentrierte Entwicklungstheorie verlagert das Schwergewicht der Erziehung von der Verweigerung inadäquater Ansprüche zu einer Unterstützung originärer Entfaltungs- und Wachstumsbedürfnisse. Dasselbe gilt cum grano salis auch für die Psychotherapie. Ich bin sicher, dass die revolutionäre Neukonzeptualisierung der frühkindlichen Entwicklung in den tiefenpsychologischen Theorien in Zukunft auch zu bedeutenden Veränderungen in den analytischen Behandlungsmethoden (s. Heisterkamp 1991 a, b, c) führen wird:
Ich vermute, dass die Tiefenpsychologie über die zu erwartenden kontroversen Diskussionen zu einer wesentlichen Vertiefung und Bereicherung des analytischen Behandlungskonzeptes gelangt.
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Prof. Dr. Günter Heisterkamp
Blumenstr. 9
W-4030 Ratingen 6
Universität GHS Essen, Fachbereich 2 (Psychologie);
Lehranalytiker am Alfred-Adler-Institut Düsseldorf.
Arbeitsschwerpunkte: Klinische und Pädagogische Psychologie.
Zahlreiche Veröffentlichungen in diesen Bereichen.
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