Ohne Langeweile geht es nicht – oder: Es muss im Leben mehr als alles geben* (1989)

Zusammenfassung 

Auf dem Hintergrund von elf Erlebensbeschreibungen und 29 Tiefeninterviews wird der Versuch gemacht, die seelische Problematik, welche sich in der Langeweile verdichtet, zu explizieren. Wie Lachen und Weinen scheint die Langeweile zu den Grundphänomenen des Seelischen zu gehören: ohne sie geht es nicht. Im Erleben der Langeweile zwingt sich etwas in eine Einheit, das wir handelnd eher auseinanderzuhalten bemüht sind: Alles und Nichts, Liebe und Zerstörung, Selbstverständliches und Befremdliches, Leben und Tod, Fülle und Leere, Perspektivität und Total. Von einer mehr situationsgebundenen Langeweile (Stillgelegtwerden) wird eine Form der sich vertiefenden Langeweile abgehoben, in welcher sich eine Art lebendigen Sterbens vergegenwärtigt. Die Extreme seelischer Möglichkeiten verschlingen einander. Diese Verfassung hebt unsere Regsamkeit jedoch nicht auf, sondern schlägt sie in Bann. In Analogie zum Kronos-Mythos zeigt sich Langeweile als „alles verschlingender Ursprung“, bis sich ein neuer Übergang zum Verweilen in der ungeschlossenen Geschlossenheit des Augenblicks eröffnet, welcher unser Leben ausmacht. Als Medium des Übergangs erweist sich das Einverleibtwerden in psych-ästhetische Produktionen. 

Kultureller Kontext: Das missliebige Phänomen 

Das Aufkommen aktueller Langeweile mit ihren besonderen Qualitäten wird durch den jeweiligen kulturellen Kontext modelliert. In einer Kultur, welche die Gestaltungskünste des Seelischen durch allzu viele Programme ersetzt und zudem die Neigung hat, sie auf das Knöpfedrücken zu reduzieren, kann es nicht verwundern, dass Langeweile als missliebige Erscheinung eingeschätzt wird. Eine solche Kultur produziert geradezu den horror vacui. Anders ist es im Kontext des Zen-Buddhismus. Ziellos in einem zeitlosen Augenblick still zu verharren, ist Thema jeder Art von Zen-Kunst (vgl. Okopenko, Dombrady): Während in der westlichen Kultur die Aufhebung von Koordinaten eher als belastend erfahren wird, gewinnt das im Kontext östlicher Kultur etwas Lösendes. „Langweiler“ und „langweilig“ haben bei uns den Rang von Schimpfworten. Wer in den Zustand der Langeweile gerät, dem scheint etwas nicht zu gelingen. Aktive Menschen schätzt unsere Gesellschaft. Aktiv sollen wir sein in der Arbeits- wie in der sogenannten Freizeitwelt. So antwortet denn auch mancher, nach erlebter Langeweile befragt, da sei er ein ganz schlechter Gesprächspartner, er wisse eigentlich immer etwas mit seiner Zeit anzufangen, habe immer etwas vor, eher sogar zu viel. Kommt das Gespräch dennoch in Gang, zeigt sich anderes. Jeder kennt die Langeweile, aber wir verstehen nicht ohne Weiteres, was sie uns über uns zu erzählen hat. Das ist nicht gerade absonderlich, denn es gilt in irgendeiner Form für alle Alltagsphänomene, die uns selbstverständlich sind. Für die Langeweile gilt dieses jedoch in besonderem Ausmaß, da unser Interesse, die Langeweile nicht aufkommen zu lassen oder, scheint sie unvermeidbar, schnell zu verscheuchen, viel größer ist, als zu verstehen, was mit uns „los“ ist. Von der aufkommenden Langeweile geht etwas Beängstigendes aus, wir können diese Verfassung nicht leiden. Wir wappnen uns gegen sie mit allen Künsten des Organisierens und Planens. Wir gliedern unseren Tages- und Wochenlauf durch Aufgaben, Ziele, Termine, Geselligkeit, TV-Programm und anderes mehr. Wir nutzen die Zeit, sagen wir. Keine Leerräume, keine freie Zeit aufkommen lassen ist die Devise. Deshalb reduziert unsere Gesellschaft die freie Zeit zur sogenannten Freizeit, zu deren Bewältigung uns eine eigens für diese Zwecke erfundene Disziplin, die Freizeitpädagogik, anleitet. Kommt freie Zeit auf, ist für uns gesorgt; beglückt greifen wir zum durchorganisierten Freizeitangebot. Jedoch – so sehr wir uns auch bemühen, unsere freie Zeit (= unsere Möglichkeiten) durch Planung nützlicher Aktivitäten zu binden, wir kriegen die Langeweile nicht in den Griff. Es kommen Leerräume in unseren Unternehmungen auf. Beim Warten zum Beispiel, auf Zug oder Straßenbahn, auf einen Telefonanruf, eine Verabredung, im Wartezimmer der Ärzte, in einer Schulstunde. Es macht uns nervös und kribbelig, uns eine Zeitlang als stillgelegt zu erfahren. Jedes Mittel der Selbstbelebung ist uns dann recht, ob wir nun desinteressiert in einer Illustrierten blättern, ein Wettergespräch eröffnen, wenigstens einen Kaugummi in den Mund stecken, Schiffe-Versenken spielen, mit Papierkügelchen werfen oder Kreuzworträtsel lösen. Das sei doch mehr als nichts, meinen wir. Mit dieser Form der Langeweile können wir gerade noch umgehen. Sie geht zudem meist vorüber mit der Situation, in der sie aufkam. Sie hat sogar eine lustvolle Seite, da sie unkomplizierte Verhaltensweisen freisetzt und vieles erlaubt, was „zerstreut“. 

Lebendig sterben: Die sich vertiefende Langeweile 

Anders steht es mit einer zweiten Form der Langeweile, einer Verfassung, in der wirklich nichts mehr geht. Alles sonst verlässlich Verfügbare entzieht sich dem Zugriff. Nichts reißt uns raus. Unsere Pläne und Vorhaben verlieren unvermittelt ihren Wert, verdrehen sich, werden gleichgültig. Worauf man sich gefreut hat – ein bestimmtes, lange gesuchtes Buch zu lesen, den Garten zu bearbeiten, Freunde zu sehen – das gibt plötzlich nichts mehr her. Kierkegaard meint, es sei das zu Unrecht verscheuchte Unangenehme, das uns in „einem unbewachten Augenblick überfällt“ mit der ganzen Gewalt des Plötzlichen (Kierkegaard 1960, 342). Das Unangenehme sei nämlich eigentlich „ein pikantes Ingredienz in der Querköpfigkeit des Lebens“ (a. a. O., 344). Irgendetwas saugt uns an in dieser Verfassung, lähmt alle Aktivität, stürzt in unverstandene Grübelei. Wir haben das Gefühl, in ein dunkles Loch zu fallen, aus welchem wir nie wieder hervorkommen. Zu ihrem eigenen Erstaunen müssen die Gesprächspartner allerdings auch feststellen, dass sie, einmal in diesen Zustand hineingeraten, nun auch die gut gemeinten Versuche eines anderen, der sie da herausholen will, nicht leiden können, als würde der sie hindern, etwas Wichtiges in Erfahrung zu bringen. Die Rede von „Leere“, „Nichts“, von dem Gefühl, in einem „Kreis gebannt“ zu sein oder von dem „dunklen Loch“, in welches man unwiederbringlich stürzt, hat ihren Symbolgehalt. Diese zweite Form der Langeweile wird erfahren wie ein kleiner Tod oder ein kleines Sterben, welchem wir gebannt zuschauen müssen/können. Das spielt sich jedoch nicht in tiefen Gedanken über die Sterblichkeit des Menschen ab. Es hat gerade nicht die Gestalt eines Denkprozesses. Vielmehr inszeniert sich etwas jenseits unseres absichtsvollen Gestaltens, jenseits dessen, was wir uns denkend vom Leibe halten könnten. Haben wir sonst meist den Eindruck, wir seien der autonome Gestalter unseres Lebens, die Auseinandersetzung mit Widerständen eingerechnet, so erleben wir nun, dass etwas über uns verfügt. In der Langeweile finden wir uns seelischen Mächten ausgeliefert, denen wir nichts entgegenzusetzen haben. Nicht wir haben Langeweile, sondern etwas hat uns, und um es unkenntlich und handhabbar zu machen, geben wir ihm den Namen „Langeweile“. 

Untrennbar: Zentrifugales und Zentripetales 

Zunächst wehren wir uns und wollen stoppen, was uns stoppt. Wie beim Warten sind wir bemüht, uns zu beleben. Die einfachste körperliche Belebung ist uns gerade recht, Selbstbefriedigung eingeschlossen. Wir laufen unruhig hin und her, nehmen etwas in die Hand, stecken etwas in den Mund, beginnen abzuwaschen, sauber zu machen, Möbel umzustellen, pflegen Frisur oder Fingernägel, schauen befremdet in den Spiegel, spitzen Bleistifte an, legen uns hin und starren an die Decke oder schauen aus dem Fenster. Wir könnten dreinschlagen, schreien und erleiden die Abwesenheit eines anderen, der uns einen Streit oder eine Umarmung ermöglichte. Während wir so herumtigern, hält uns keine Unternehmung ganz, wir brechen ab und versuchen es mit etwas anderem. Es sieht aus, als wollten wir uns unserer Anfänge und Möglichkeiten vergewissern. Geraten wir schließlich wieder in einen gemäßigteren Zustand, ist uns, als wäre „nichts“ gewesen, und das stimmt auch. Paradoxerweise schlägt das Potentielle in der Langeweile in Nichts um. Verweilen wir länger in dieser Verfassung, verspüren wir mit Widerwillen, dass die Dinge gleichsam eigenwillig uns ihre Bedeutung, ihren Reiz, ihre Handlungsanweisung entziehen. Ineins damit verlieren wir selbst an Bedeutung. Unsere Sinne, die wir wie Fühler in die Wirklichkeit strecken, sie fühlen nichts. So gewinnt das ganze Lebensgeschäft etwas befremdlich Absurdes oder Paradoxes: Wir erleiden seine Begrenztheit und Offenheit zugleich, indem nichts fertig wird. Zwar leben wir in einem geschichtenhaften Nacheinander, aber die Themen der einzelnen Geschichten vergleichzeitigen, relativieren und verschlingen einander (vgl. Stralka 1982: „Inversionsgestalt der Langeweile“). Diese zweite Form der Langeweile bildet sich offenbar an einem Schnittpunkt zwischen vielen gleich-möglichen Entwicklungsrichtungen unseres Handelns. Das kann uns dergestalt einzirkeln, dass es nur noch in Richtung Depression weitergeht. Ebenso ist es aber möglich, dass das intensiv durchlebte Stillgelegtsein seine Übersetzung in eigenen Ausdrucksbildungen findet. Absichtsfreie Produktion mit dem Stift auf Papier kann zu bildhaft-anschaulicher Vergegenwärtigung der Zwischentöne führen, die in der Langeweile anklingen. Ausgehend von einfachen Mustern und Variationen können wir wieder in eine abgehobene Gestaltungsrichtung geraten. Auch können sich freischwebende Gedanken, Bilder, Anmutungen einstellen, welchen wir uns gern überlassen. Etwas Saumseliges, wie bei dem Seilflechter Oknos der Mythologie, und Ganzmachendes stellen sich ein. Mit dieser Bildung der sich vertiefenden Langeweile sind wir meist sehr zufrieden, weil sie an die Stelle des horror vacui eine Schwebeverfassung setzt, in welcher gleitend mehr und anderes zum Zuge kommt, als die Langeweile vermeidende Betriebsamkeit zuließe. Langeweile rückt dann in eine Reihe ein mit Formen der Meditation oder Kontemplation. Ihren Ursprung verdankt die Langeweile dem Sachverhalt, dass Seelisches auf Gestaltung angewiesen ist. Langeweile wird verständlich als die ambivalente Kehrseite der Offenheit unseres Gestaltens. Sie kann sich als interesseloses Missbehagen verhakeln, sie kann aber auch Übergänge zu verschiedenen Formen des interesselosen Wohlgefallens ermöglichen. Am liebsten ist uns der Moment, in welchem die leibliche Vergegenwärtigung eines kleinen Sterbens übergeht in eine Art Wiedergeburt. Im folgenden soll die These weiterverfolgt werden, die sich vertiefende Langeweile sei ein großer Anfang zu allem Möglichen. Das hat sie mit dem Morgen wie mit der Kindheit gemein, allerdings nicht so ungebrochen oder naiv. Alles Mögliche fasziniert uns, aber wir wissen, es geht nicht durch das Nadelöhr unseres Realisierens. In der Langeweile vergegenwärtigt sich das Fragmentarische unserer Abschlüsse (vgl. „ungeschlossene Geschlossenheit“). So verkehrt sich unser Gestalten in der

Langeweile, die das All-Mögliche nicht preisgeben will oder kann, in das Unmögliche. Wie das Unheimliche das einst Heimliche anklingen lässt, schätzen wir in der Langeweile das Unmögliche vielleicht als das einst Mögliche; unklar bleibt nur, um welches „einst“ es hier geht. In der Langeweile behindert sich unsere Gestaltungswucht im Sinne des Vorschießens auf ein Ziel. Sie wendet sich auf sich selbst zurück und verweilt in spannungsgeladener Saumseligkeit.Der Zustand des Gelähmtseins in der Langeweile birgt seinen eigenen Reiz. Unter der Larve des Nichts/des Unmöglichen kann sich die Faszination durch das All-Mögliche entfalten. „Langeweile ist der dämonische Pantheismus“ (Kierkegaard a. a. O., 336). Dieses Urphänomen der sich vertiefenden Langeweile liegt allen durch die jeweils aktuelle Lage gemodelten Langeweileerfahrungen zugrunde. 

Mehr als alles: Perspektivität und Total 

Es gibt verschiedene Wege zum Verständnis der Langeweile. Zunächst habe ich versucht, die Langeweile typisierend zu beschreiben und einen der Vielfalt ihrer Ausdrucksformen inhärenten Komplex zu charakterisieren. In einem zweiten Schritt will ich andeuten, in welche weiterreichenden Lebenszusammenhänge dieser Komplex hineinragt. Den Ausführungen in den Interviews entsprechend wird auch in der Geschichte des Nachdenkens über das Phänomen Langeweile nicht so sehr ihr Reiz, sondern mehr das Leiden an ihr herausgehoben. Man hat die Langeweile der „Melancholie“ zugeordnet mit den Merkmalen Schweigsamkeit, grüblerischer Tiefsinn, Niedergeschlagenheit, Verzagtheit, Ängstlichkeit. Zunächst trug der Sachverhalt Langeweile andere Namen: „acedia“ (ursprünglich: Sorglosigkeit, Gleichgültigkeit; dann: Unlust, Ekel, Verdruss) gehörte im Verein mit „tristitia“ zu den Todsünden. Im Lateinischen ist das Phänomen auch als „taedium vitae“ und „anxietas cordis“ bekannt. Im Französischen wird später „ennui“ daraus, welche Wendung auch lange Zeit im Deutschen zu finden ist. Beschreibungen, Bedeutungsverschiebungen und Interpretationsversuche werden in L. Völkers Buch Langeweile ausführlich dargestellt (Völker 1975). Von den frühen Mönchen kennt man die Klage über ihren unüberwindlich scheinenden Widerwillen gegen Zelle und Klosterbezirk, über Mutlosigkeit und Schwachheit; allein „anderswo“, meinten sie, wäre ihnen wieder ein aktives Leben möglich. Das Klosterleben mit seinen strengen Regeln und dem Versuch, alles Mögliche auf eine bestimmte gottgefällige Realisierung des Lebens festzulegen, produziert die Attraktivität des Ausgeschlossenen. Mit der Setzung einer entschiedenen Realisierungsfigur rückt ungewollt das Ausgeschlossene als Verfehltes in den Vordergrund. Setzung und Veränderung verschlingen einander. Das führt zu Müßiggehen, Nichtwissen, was anfangen, Laschheit, Aufschieben, Unstetheit, Sehnsucht, Versäumen, Trägheit, Verdruss, Zweifel, unendlicher Traurigkeit, Unruhe, Hin-und-Her. In der Vielzahl von Interpretationen und Einschätzungsversuchen der Langeweile lassen sich zwei Linien verfolgen. Langeweile ist offenbar nicht einfach. Ihre Einschätzung erstreckt sich zwischen den Positionen „Pleite“/„Todsünde“ einerseits und „Basis für ein wesentliches Philosophieren“/„Weg zu Gott“ andererseits. So wäre Langeweile ein Ineinander seelischer Bewegungen (Indem), dessen Intensität so bedrohlich werden kann, dass sie als Makel verurteilt werden muss, oder so attraktiv, dass sie als wesentliche Grunderfahrung des Menschen hochgeschätzt wird. Wollte man dieses in ein Entweder-Oder aufspalten, verfehlte man die Eigenart der Langeweile. Zwei Aphorismen Nietzsches, welche einander auszuschließen scheinen, charakterisieren, was in der Langeweile als untrennbar erfahren wird. „Alles Lebendige braucht um sich eine Atmosphäre, einen geheimnisvollen Dunstkreis; wenn man ihm diese Hülle nimmt, …, so soll man sich über das schnelle Verdorren, Hart- und Unfruchtbarwerden nicht mehr wundern“ (Nietzsche 1930, 156). Ebenso gilt: das Leben sei nur möglich „unter der Führung verengender, perspektivenschaffender Kräfte“ (Nietzsche 1931, 80 f.). Langeweile beginnt gleichursprünglich mit Arbeit und formenschaffender Kultur, weshalb Nietzsche auch von der Langeweile Gottes am siebenten Tag der Schöpfung spricht.Hintergrund für die gegensätzliche Einschätzung von Langeweile ist die Doppelgerichtetheit des Seelischen. Zwar bildet es – „perspektivenschaffend“ – eine künstliche, zu Zwecken von Überschaubarkeit, Kalkulierbarkeit und sichernder Vorhersagbarkeit zurechtgemachte Wirklichkeit, aber es „weiß“ zugleich, dass diese Wirklichkeit auf dem schwankenden Boden von Unbegreiflichkeiten errichtet wird. „Und kommt es besonders intensiv“, schreibt Walter Serner in seinem Essay über die Langeweile und den Krieg, „so ist dem Menschen unklar, warum er jetzt gerade im Zimmer steht und raucht, in ein Schaufenster glotzt und schnuppert, sich reden hört und die Lippen kräuselt, im Zirkus sitzt und einen Clown belacht“ (Serner 1981, 146).Etwas Gegenläufiges durchformt jeglichen Umgang mit Wirklichkeit. Während wir auf Sicherung und Bestandserhaltung aus sind, wirkt zugleich ein merkwürdiges „Mehr und Anders“. Edgar Allan Poe hat das in „The Imp of the Perverse“ sehr klar in den Blick gerückt. Obwohl wir wissen, dass uns im Hinblick auf Lebenssicherung und Bestandserhaltung bestimmte Handlungen nicht bekömmlich sein werden, lassen wir sie gewähren. Von ihnen geht etwas Unwiderstehliches, Zwingendes aus – geradeweil sie alles Wohlabgemessene, Kalkulierbare und Vernünftige überschreiten. Bei Poe geht es um Zusammenspiel, Konkurrenz und Konflikt „des klar Bestimmten mit dem Unbestimmten – des Wesentlichen mit dem Schattenhaften“ (Poe 1979, 832). Der von ihm sogenannte Alb der Perversheit zwinge uns, etwas zu tun, quia absurdum est. Irgendein untergründiges Wissen um das Paradoxe, das all unseren Unternehmungen eignet, kann also dazu führen, die Linie des Bewältigens und Harmonisierens dergestalt ins Schlingern zu bringen, dass wir meinen, unsere paradoxe Grundkonstitution selbständig herstellen zu können und nicht erleiden zu müssen. Ähnliches kann man bei kleinen Kindern beobachten, wenn sie in außerordentlichen Verfassungen allem, was ihnen sonst lieb ist, mit einem unbegreiflichen „Nein!“ begegnen oder gerade den Gegenstand ihrer Zuneigung zerstören. Auch in Baudelaires Prosadichtungen, welche er unter den Titel Le spleen de Paris stellte, findet sich dieses Zweieinheitliche. Das Übliche und Vertraute erfährt sich durchsetzt von Befremdlichem, Unheimlichem und Unendlichem. Im „spleen“, einer Spielart der Langeweile, entdecken sich transrealistische Gebärden des Wirklichen. „Das Zimmer mit dem Doppelgesicht“ hat, wenn „die Zeit herrscht“, unter dem Ansturm alltäglicher Forderungen, wie Miete zahlen oder Manuskripte termingerecht fertigstellen, seinen üblichen „üblen Tabaksgestank“. Herrscht die Zeit nicht, ist alles anders: „Die Möbel haben langgezogene, hingesunkene, erschlaffte Formen. Die Möbel sehen aus, als ob sie träumten; man könnte meinen, sie wären mit schlafwandlerischem Leben begabt … Die Stoffe sprechen eine stumme Sprache …“ (Baudelaire 1974, 60). „Es gibt keine Minuten mehr, es gibt keine Sekunden mehr! Die Zeit ist verschwunden …!“ (a. a. O., 61). Bestimmte Rahmungen des Alltags treten in der Langeweile außer Kraft. Es gilt nicht mehr die zurechtgemachte Trennung von unbelebtem Objekt dort und bewegtem Seelenleben hier, vielmehr gewinnt das Seelenleben gerade in den Dingen seinen Ausdruck: „… alle diese Dinge denken durch mich, oder ich denke durch sie (denn in der Erhabenheit der Illumerei verliert sich bald das ‚Ich‘!); sie denken, sage ich, aber auf musikalische und malerische Weise, ohne Spitzfindigkeiten, ohne Klügeleien, ohne logische Schlussfolgerungen!“ (Baudelaire a. a. O., 58). Langeweile wäre demnach als Verfassung zu charakterisieren, welche jenseits der geläufigen Aufspaltungen liegt. Moravia nennt das in seinem Roman La Noia „gekoppelte Alternativen“: „vor allem traf mich der Umstand, dass ich absolut nichts tun mochte, dabei aber glühend wünschte, etwas zu tun. Was immer ich mir vorstellte, war sozusagen mit seinem siamesischen Zwilling verbunden, nämlich mit dem Gegenteil!“ (Moravia 1987, 18 f.). Deshalb steckt gerade in der Langeweile ein Ursprung zum All-Möglichen. Nietzsche kontrastiert die Welt der Langeweile mit der um Zweckmäßigkeit zentrierten Handlungswelt, in welcher Arbeit nur noch Mittel sei. Für „Künstler“, „Kontemplative“ und „Müßiggänger“ sei dagegen die Arbeit selbst „Gewinn aller Gewinne“. „Sie fürchten die Langeweile nicht so sehr als die Arbeit ohne Lust: ja sie haben viel Langeweile nötig, wenn ihnen ihre Arbeit gelingen soll. Für den Denker und alle erfindsamenGeister ist Langeweile jene unangenehme ‚Windstille‘ der Seele, welche der glücklichen Fahrt und den lustigen Winden vorangeht; er muss sie ertragen, muss ihre Wirkung bei sich abwarten … Langeweile auf jede Weise von sich scheuchen ist gemein: wie arbeiten ohne Lust gemein ist“ (Nietzsche 1930, 69 f.). Langeweile sei „entschlossene Trägheit“. Ähnlich beschreibt Goethe Langeweile als „produktive Ungeduld“ (Völker a. a. O., 190). Auch G. Leopardi betrachtet Langeweile und Ennui als „Weg zu einer Wahrheit, die wir im Zustand der Heiterkeit als Übel leugnen, um der Welt einen Inhalt zu geben, den sie im Grunde nicht hat“ (Leopardi 1924, 81). „Der Ennui ist in gewisser Weise das sublimste der menschlichen Gefühle: weder durch irgend ein irdisches Ding, noch sozusagen die ganze Erde befriedigt werden; die unermeßliche Weite des Raumes betrachten, die wunderbare Anzahl der Welten und ihrer Massen, und finden, dass dies wenig ist für die Größe unserer Seele; unendliche Welten sich vorstellen, das unendliche Universum, und fühlen, dass unsere Seele und unsere Sehnsüchte noch größer als ein solches Universum sein würden!“ (nach v. Sydow 1921, 60). Georg Büchner sieht in der Langeweile den Ursprung all unserer Unternehmungen (so auch Barbey d’Aurevilly: l’ennui est le fonds de tout et pour tout). In Büchners Lenz heißt es: „Ja, Herr Pfarrer, sehen Sie, die Langeweile! die Langeweile! oh, so langweilig! Ich weiß gar nicht mehr, was ich sagen soll; ich habe schon allerlei Figuren an die Wand gezeichnet“. Oberlin sagte ihm, er möge sich zu Gott wenden; da lachte er und sagte: „Ja, wenn ich so glücklich wäre wie Sie, einen so behaglichen Zeitvertreib aufzufinden, ja, man könnte die Zeit schon so ausfüllen: Alles aus Müßiggang. Denn die meisten beten aus Langeweile, die andern verlieben sich aus Langeweile, die dritten sind tugendhaft, die vierten lasterhaft, und ich gar nichts, gar nichts, ich mag mich nicht einmal umbringen: es ist zu langweilig!“ (Büchner 1986, 27). Beachtet man das Zweieinheitliche des Seelischen nicht und geht davon aus, die durchkalkulierte Wirklichkeit umgriffe den ganzen Bestand unserer möglichen Welten, kommt es regelmäßig zu einer Aburteilung der Langeweile. Sie wird zur Störung ohne Existenzberechtigung, zu einem sinnlosen Phänomen oder zu einem Symptom, das schleunigst wegzubehandeln sei. Bereits um 425 n. Chr. sann Cassian auf Beseitigungsmethoden. Arbeit und körperliche Tätigkeit werden empfohlen, sie seien wirksamer als unterhaltende Zerstreuung. Geht man dagegen von einer umfassenderen Wirklichkeit aus, entbirgt die Langeweile mit ihrem stetigen Schweben, „in perpetuo motu“ (Völker a. a. O., 131), einen eigenen Sinn. Bei den Mystikern sowie im Sturm und Drang, in der Romantik und in der Moderne gewinnt diese Verfassung ihre eigene Dignität als produktive Verfassung, als Entgrenzung und Öffnung der Seele, als Ermöglichung einer tieferen Lebenseinsicht.Kant bringt die Langeweile zusammen mit dem „Druck“ oder „Antrieb, jeden Zeitpunkt, darin wir sind, zu verlassen und in den folgenden überzugehen“ (Völker a. a. O., 175). In diesem Übergang bringen wir offenbar eine Art Kreuzungspunkt zwischen der vernunftorientierten Aktionswirklichkeit und einer umgreifenderen Verwandlungswirklichkeit in Erfahrung, den wir nicht immer überspringen wollen oder können. In der Langeweile sucht das Zwiegestaltige oder Zweieinheitliche sein Verweilen, als müsste es sich immer neu mit sich selbst vertraut machen. Valéry (1962) sagt, Langeweile habe kein Gesicht (l’ennui n’a pas de figure), das heißt, sie teilt ihren Gestaltcharakter nicht mit den zurechtgemachten „Figuren“ oder entschiedenen Bildern der zweckorientierten Handlungswirklichkeit. Sie bringt etwas in Erfahrung, indem sie es zugleich verwischt. 

 „Letztes Jahr in Marienbad“: Tod und Liebe/Leben 

Welche Themen und Grundprobleme sind es nun, die in der Langeweile aufkommen und ineins unkenntlich gemacht werden? Die Analyse der Erlebensformen des Films Letztes Jahr in Marienbad (Resnais/Robbe-Grillet 1961) gibt Antwort darauf. Ich hatte den Film vor über zwanzig Jahren gesehen und erinnerte einen Film mit erheblicher Überlänge, was sich, misst man seine Länge mit der Uhr, als falsch erwies, er hat normale Spielfilmlänge. Eine „Unendlichkeit von zwanzig Minuten“ erinnerte ein anderer Betrachter. Der Film stellt offenbar etwas mit der sogenannten Zeit an – genau wie die Langeweile (weshalb das Thema Langeweile Heidegger zu einer philosophischen Analyse bewegte). Während der Betrachtung des Films bildet sich zunächst das einfache Konzept heraus, es gehe um die Frage „kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht“. Der Entwicklungsgang des Erlebens, der sich von Spannungsaufbau und -abbau tragen lassen möchte, wird jedoch gestört. Wirre Lyrismen in endloser Wiederholung, Unverständliches, monoton wiederkehrende Bilder von Fluren, Gängen, Stukkaturen, statischen Menschenfiguren stören den Fortgang der Erlebensgeschichte. Der Betrachter erfährt sich – wie in der Langeweile – in seinem Fortsetzungsdrang behindert. Er gerät in ein Verwirrspiel, einen „Zeitlupengang“, vermisst „den Überblick“, verliert die „Orientierung“ und sieht sich konfrontiert mit „Leere, düster, kalt, alt, vergangen, verblichen“; „Erinnerungen, Ergriffensein vom schrecklichen Damals“. – „Ein Garten tönender Gleichform“, das trifft: „Ein Hotel, edle Gesellschaft, Lethargie, ohne Drama oder Liebe, Klatsch, Affären, Raunen, Intrigen, Zeitlupenhaftes, übertriebenes Sprechen!“ Der Betrachter drängt demgegenüber auf die Modellierung seines Erlebens durch den linearen Gang einer Geschichte: „alles soll schneller gehen, wo ist der rote Faden?“ – „Ein Zusammenhang, ein Mord, ein Motiv, irgendwas!“ Stattdessen: „eine ganze Gesellschaft in Träumereien versunken, beinahe wie in Dornröschen“. „Wiederholungen, Leere … die Zeit wird unendlich lange und scheint doch stillzustehen“. „Ich bemühe mich, dabei zu bleiben, um nicht doch etwas Entscheidendes zu verpassen, auf das ich immer noch hoffe. Na bitte: Die Liebesgeschichte ist wenigstens ein Thema. Endlich ist sie schockiert von seinem Blick, ein zerbrochenes Glas, wenigstens etwas … Schade, die Scherben werden in gewohnter Zeitlupe und mit gedämpftem Gleichmut aufgekehrt, die Explosion ist im Keim erstickt, schade!“ Das Erleben des Films Marienbad gestaltet sich in einem Durchkreuzen von Sinnsetzung und Sinnaufhebung. Es ist, als würden die Nebenbilder unseres Umgangs mit Wirklichkeit, welche in unseren Geschichten des Handelns in den Hintergrund geraten – allenfalls als Atmosphäre spürbar bleiben – hier mit gleicher Gültigkeit in den Blick rücken und den Verlauf des Erlebens ausleiern, erweitern und dehnen: „Unglaubliches mit Tatsächlichem vermischt“. „Philosophierereien, Vergessenheiten, Vergangenheit, Traum, fast religiöser Eifer, wörtliche (Pseudo-)Erinnerung … Es passiert aber nichts, obwohl: Es spitzt sich zu, immerhin: übertrieben ausgedehnte Zufälligkeit …“ „Alles falsch, vergessen – und doch wahr, nicht wahrhaben wollen“. „Keiner tut etwas Sinnvolles“. „Was ist nun Sache? Was Erinnerung, was jetzt, welche Erinnerung richtig? Diese ‚Oders‘ und Unbestimmtheiten … Die Musik ist scheußlich schief … schaurig, stechend … Aufhören!!!“ „Da ist er wieder, jetzt passiert’s! Hitchcock – er schießt, na endlich! Wusst ich’s doch! Aber er begegnet ihr wieder … Hä? nicht getroffen? Er sagt: ‚Das wär kein gutes Ende‘. DOCH!!! … es geht mir auf die Nerven – er soll sich endlich entscheiden! … Es ist nicht mehr spannend, es soll aufhören. Ich will weg, und doch will ich wissen, wie’s weitergeht, wie’s zu Ende geht …“ (Erlebnisbericht R. Liebig). 

Das Erleben gerät immer wieder in eine Schwebe zwischen ausdenkbaren Entschiedenheiten. Dabei beunruhigt den Betrachter die Untrennbarkeit von Traum – Wunsch – Erinnerung – Erfundenem – bloß Erzähltem – Praktischem – Unmöglichem – Möglichem – Sehnsucht – Angst – Liebe – Tod – Schatten – Spiegelung – Vergangenheit – Jetzt – Zukunft – Statuenhaftem – Lebendigkeit. Das Ganze spielt sich ab in Kreisform und Wiederholung. Die Kamera bewegt sich dergestalt durch Gänge, dass sie sich aufzurollen scheinen oder in Ellipsen zusammenschließen. Auch auf sprachlicher Ebene zeigen sich kreisförmige Wiederholungen. „Erinnern Sie sich!“ und „Schweigen Sie, lassen Sie mich!“ sind wie das Anlaufen einer Verlebendigung mit dem Gegenlauf eines Stillegens verbunden, während es zugleich um die Suche nach einem Weg „aus dem Labyrinth endloser Pfade“ geht (Robbe-Grillet 1961). Dem Betrachter bleibt anheimgestellt zu urteilen, ob Mann und Frau am Schluss des Filmesden sich wiederholenden Kreislauf durchbrechen in Richtung eines gemeinsamen Todes oder eines gemeinsamen Lebens. Inmitten der Bilder von Marmor, Kies, Mauern, regloser Körper und Gesichter, geometrisch angeordneter Wege drängt etwas beschwörend auf Vereinigung in Liebe oder Tod, als den beiden Formen, in welchen Getrenntes aufgehoben zu werden verspricht. Wollte man, wie das oft getan wird, einen Helden in dieser Atmosphäre gestaltenden Bildwirklichkeit ausmachen, müsste man ihn „Langeweile“ nennen. Die Gesamtqualität des Geschehens oder ihr „Held“ ist das Knäuel von Tod und Liebe/Leben, das sich nicht in die Linearität eines Ariadnefadens ausrollen lässt, welcher sicher von einem klar umrissenen Punkt der Vergangenheit (Geburt = Eintritt in das Labyrinth), den gegenwärtigen Schritt leitend, in eine offene Zukunft führte. Im Müßiggang, einer scheinbar harmlosen Verfassung, die unsere Möglichkeiten nicht um das Erreichen eines Zieles zentriert, meint Montaigne, verliere sich die Seele, „denn, wie man sagt, der ist nirgendwo, der allenthalben ist“ (Montaigne 1908, 78). Beschäftige man die Seele nicht mit einem bestimmten Gegenstand, der sie zügelt und beschwert, so werfe sie sich regellos hierhin und dorthin ins grenzenlose Feld der Möglichkeiten und hecke Fabelwesen und Ungeheuer aus. Die Koordinaten von Zeit und Raum, die sonst unsere Unternehmungen konturieren, heben sich offenbar mit der Entbindung vom Gegenstand auf. Gleichzeitig verlieren wir selbst die Bedeutung eines Aktionszentrums und rücken in eine Verfassung, welche T. S. Eliot (1944) „Tanz“ nennt: 

„Am toten Punkt der Wende-Welt. Weder Fleisch noch fleischlos;/ 

Weder von-weg noch hin-zu; am toten Punkt, dort ist der Tanz,/ 

Doch weder Hemmung noch Antrieb. Und nenn es nicht Beständigkeit,/ 

Wo Vergangenheit und Zukunft versammelt sind. Weder Bewegung von-weg noch hin-zu/ Weder Aufstieg noch Abstieg. Ausgenommen den Punkt, den toten Punkt/ 

Würde der Tanz nicht sein, und es gibt nur den Tanz./ 

Ich kann nur sagen, dort sind wir gewesen: aber kann nicht sagen wo./ 

Und ich kann nicht sagen wie lange, denn das hieße es in die Zeit verlegen.“ 

 Eliots „still point“ heißt bei Ezra Pound „vortex“ oder „image“ und bezeichnet einen „Punkt maximaler Schwungkraft“ oder ein „ausstrahlendes Schwingungszentrum“, eine „Ballung“, welche allerdings unerträglich werden kann, wenn sich gar kein Übergang zu neuen Bildungen finden lassen will (vgl. Kronos). 

 „Warten auf Godot“: Ausbleiben der allesvermögenden Figur 

In Becketts Godot ist ein Übergang dadurch behindert, dass eine Veränderung dieses Zustands von außen erwartet wird. Es bildet sich eine leerlaufende Form der Langeweile aus. „Nichts zu machen“ heißt es am Anfang und am Schluss: „Gehen wir!“ – Sie geben nicht von der Stelle. Beckett gestaltet eine Stimmung, in der sich nichts entwickelt. Zusammengehalten wird das Geschehen durch allerlei Versuche, in kleinen Handlungskreisen über die Runden zu kommen. Die Erfahrung von Vergeblichkeit hat ihr Motiv in der absurden Erwartung, dieser Zustand könne durch das schlichte Erscheinen einer allesvermögenden Figur aufgehoben werden. Gerade die Hoffnung, das Auftauchen dieser Figur könne das eigene Zumuteseinschlagartig verändern, bewirkt die Lähmung der Aktivität. Estragon und Wladimir sind im Drehkreis des Zeitvertreibens gefangen: sie erzählen sich eine Geschichte, sie streiten, versuchen auseinanderzugehen und vertragen sich wieder, sie betrachten anderer Leute Angelegenheiten, sie schinden einen Menschen und ereifern sich, sie verfolgen Unterhaltsames wie Tanzen, Singen, Deklamieren, Denken, sie machen ein bisschen Konversation – und stehen immer wieder mit derselben Unbeholfenheit vor der Frage: „Und was sollen wir jetzt machen?“ Zudem zweifeln sie an der Selbigkeit von Dingen; was sie gestern getan haben und wo, wird fraglich. Es geht ihnen wie dem Zuschauer von Marienbad: „Komm wir gehen – wir können nicht – warum nicht? – wir warten auf Godot – Ach ja!“ Godot, steht er nun für Gott oder Tod/Ende, verspricht Erlösung von der Mühsal, unentwegt einen eigenen Anfang wählen zu müssen, der dann doch auf nichts anderes hinausläuft als das Konstatieren. „So ist die Zeit vergangen – sie wäre sowieso vergangen – Ja. Aber langsamer!“ (Beckett 1964, 59). „Nach Veränderung rufen alle, die sich langweilen“, meint Kierkegaard, aber man müsse achtgeben, dass man sich auf der Flucht vor der Langeweile nicht tiefer in sie hineinarbeite. Die Zerstreuung, als Mittel gegen Langeweile eingesetzt, könne zu ihrem Produzenten werden (a. a. O., 338). 

 Langeweile-Gewinn: Ungeschlossene Geschlossenheit des Augenblicks 

Für den Zuschauer bricht im Warten auf Godot etwas auf, das Heidegger folgendermaßen charakterisiert: „Das Seiende im Ganzen ist gleichgültig geworden. Aber nicht nur das, ineins damit zeigt sich noch irgendetwas, geschieht das Aufdämmern der Möglichkeiten, die das Dasein haben könnte, die aber gerade in diesem ‚es ist einem langweilig‘ brachliegen, als brachliegende uns im Stich lassen. Wir sehen jedenfalls: im Versagen liegt eine Verweisung auf anderes!“ (Heidegger 1983, 112). Mit angesagt sei das eigentlich Ermöglichende des Daseins, „der Augenblick“. Ihn versteht Heidegger als „Blick der Entschlossenheit des Daseins zum Da-Sein, das je ist als Existieren in der voll ergriffenen Situation, als dieses einmalige und einzige“ (a. a. O., 251). Die Weite des bannenden Horizonts müsse wieder gebrochen werden durch die Gestaltung des Augenblicks. Es gibt also so etwas wie einen Langeweile-Gewinn. Er liegt im Verrücken der Stellung, die wir zu unserem Realisieren einnehmen. In der Langeweilestimmung verschließen sich alle Hintertüren, durch die wir vermeintlich in eine heile, geschlossene, fertige Welt eintreten könnten. Unser Leben wird vielmehr als das kenntlich, was wir im jeweiligen Augenblick zu gestalten vermögen – immer wieder neu und nicht ein-für-alle-mal –, belastet und gestützt zugleich durch die Grenzen des Etwas-Werdens. Was wir als veränderte Zeiterfahrung in der Langeweile bezeichnen, ist im Grunde eine Erfahrung der ungeschlossenen Geschlossenheit unseres Realisierens. Es gibt keine Inseln der Seligen. Aber es gibt auch nicht nur das bereits Durchkalkulierte, Geordnete und Überschaubar-Gemachte. Die sich vertiefende Langeweile fügt einen Hiatus in unseren Tageslauf ein. Sie kommt auf als Störung der blinden Übergänge von dieser zu jener Unternehmung und macht darin das Übergangshafte unseres Lebens ausdrücklich spürbar. In diesem Übergang vergegenwärtigt sich das paradoxe Ineinander von Endlichkeit und Unendlichkeit. Die Langeweile, in der Zeit verwurzelt, die wir selbst sind (Heidegger a. a. O., 201), rückt das Seelische aus dem geschichtenhaften Nacheinander heraus; es ist einem zeitlos zumute. Das Seelische verharrt in einem Zustand vor der Realisierung, vor der Gestaltung des Augenblicks. 

 Hindurch: Leben und Zerstörung 

Nicht wir verfügen über die Zeit, sondern in der Langeweile hat die Zeit uns – im Sinne des Kronos/Saturn-Mythos – als Ineinander von Werden und Vergehen, als „ihre eigenen Bildungen verschlingende Macht“ oder als „allverschlingender Ursprung“ (Moritz 1795, 12). Kronos/Saturn verleibt sich das neu entstehende Leben ein, ehe es sich auszeugen und individualisieren kann. Kronos füllt sich mit seinen Kindern, d. h. mit potentiellem Leben. Oberhaupt hat er es mit Potenz zu tun, deren Realisierung er anderswo nicht leiden kann. Seinem Vater Uranos schnitt er mit einer Sichel die Männlichkeit ab, als jener, zur Liebe entbrannt, die Erde umfasste und sich ganz über sie legte. Schon Uranos befürchtete die todbringenden Neigungen seiner Kinder, weshalb er sie, sobald sie geboren waren, in der inneren Höhlung Gaias, der Erde, zu verbergen pflegte. Die Erde aber stöhnte und fühlte sich eng durch die innere Last (Kerenyi 1951, 28). Kronos hat sie davon befreit, ist aber seinerseits durch dieselbe Angstfiguration bestimmt wie sein Vater. In der Langeweile reinszeniert sich offenbar dieser Mythos, dessen Kern in einem Stau von Möglichkeiten liegt, da jede Realisierung etwas Tödliches an sich hätte. Das bereits Realisierte, das Herrschende befürchtet, vom sich neu Realisierenden entthront zu werden und seine bestimmte Gewalt zu verlieren. Es ist interessant, den Kronos/Saturn-Mythos noch ein Stück weiterzuverfolgen, und zwar mit der Frage, wie es dem Zeus/Jupiter denn doch gelang, ins Leben hineinzukommen. Auch wir kommen ja meist durch die Langeweile hindurch wieder in die Welt. K. Ph. Moritz erzählt und interpretiert, vermutlich von Hesiod ausgehend, in seiner Götterlehre den Vorgang: „Auf den Rat ihrer Mutter Erde wickelt die Rhea einen Stein in Windeln, und gibt ihn dem Saturnus, statt des neugeborenen Götterkindes, zu verschlingen. Durch diesen bedeutungsvollen Stein, dessen bei den Alten so oft Erwähnung geschieht, sind der Zerstörung ihre Grenzen gesetzt; die zerstörende Macht hat zum ersten Mal das Leblose statt des Lebenden mit ihrer vernichtenden Gewalt ergriffen, und das Lebende und Gebildete hat Zeit gewonnen, gleichsam verstohlener Weise sich an das Licht emporzudrängen“ (a. a. O., 12). Man könnte auch sagen, im Mythos wie in der Langeweile entfaltet sich ein Spannungsspiel zwischen der konservierenden Macht des Gestaltens einerseits und ihrer revolutionierenden Macht andererseits (Ineinander von Gestalt und Wandlung). Denn der Mythos verschweigt nicht die destruktive Gewalt des „neugeborenen Götterkindes“, das herangewachsen das Alte entmachtet und mit dem Donner die Welt beherrschend nach dem goldenen Zeitalter des Kronos/Saturn das eherne Zeitalter realisiert. Tot wie ein Stein kann sich das Vertraute, Alte, Durchkalkulierte gebärden, welches hauptbildlich unser Tun und Lassen bestimmt. Die Nebenbilder – aus dem Blick gerückt – verlangen in der Langeweile ihr Recht auf Ausdruck. Andernfalls beschweren sie unsere Unternehmungen und treiben uns in die Enge, machen Angst. Die verschluckten Möglichkeiten wie das Erstarrte geraten in der Langeweile in eine Umwälzung. Zeus/Jupiter zwingt den Kronos/Saturn, seine verschlungenen Geschwister zu erbrechen, wobei auch der Stein mit herauskommt, den die Griechen dann in Delphi verehrten (Hesiod). Man hat das Verschlingungsmotiv des Mythos mit den Märchen vom Rotkäppchen und von den sieben Geißlein zusammengebracht. Den drei Gestaltungen (in deren Erzählform samt agierenden Personen man sich nicht verlieren darf) liegt gleichsam ein Kernkomplex zugrunde: die Einheit von Leben und Zerstörung. Das zeigt sich in dem schnellen Wechsel von Verschwinden und Wieder-Herauskommen sowie darin, dass man nur durch anderes hindurch etwas werden kann. In der Langeweile verspüren wir etwas von der Instabilität unseres Verfügenkönnens und des Versprechens von etwas Neuem, das nun wieder durch das Realisieren hindurch muss. In Übertreibung der Analogiesuche zwischen Mythos und Langeweile könnte man abschließend sagen, wir müssten nach Durchleben des Kronos/Saturn-Mythos in der Langeweile mit dem Sisyphos-Mythos weitermachen, indem wir uns den Stein auf die Schulter laden und kurz vor Erreichen des Gipfels im Betrachten des herabrollenden Brockens wiederum der absurden Konstitution des Seelischen inne werdend „da capo“ rufen.