„Wir suchen nie die Dinge, sondern das Suchen der Dinge.“
PASCAL
Ein Ding – etwa der Stuhl, auf dem der Leser vielleicht soeben Platz genommen hat – als Gegenstand psychologischer Erklärungen: Ist das nicht ein Unding? Ist es nicht mindestens etwas exzentrisch, mit Hilfe von Begriffen und Konzepten, die doch zur Beschreibung und Erklärung menschlichen Verhaltens und Erlebens entwickelt wurden, ausgerechnet über „tote“ Dinge Aussagen machen zu wollen? – Muss das nicht heißen, geradewegs in den gemütvollen Animismus jener beliebten feuilletonistischen Betrachtungen zurückfallen, die da von einer „Seele der Dinge“ handeln? Man wird sehen. Doch so viel ist auf der Stelle zu konzedieren: Wissenschaftlich seriös scheint es nachgerade nicht zu sein, sich psychologisch mit Dingen zu befassen, denn in der allgemein für maßgeblich gehaltenen psychologischen Literatur findet sich davon keine Spur. Was angesichts des erklärten Interesses der zeitgenössischen Psychologie an der Umwelt als Bedingungsdimension menschlichen Verhaltens doch einigermaßen erstaunlich ist. Bei genauerem Hinsehen allerdings nicht mehr. Denn die umweltliche Bedingtheit menschlichen Verhaltens ist von der Psychologie (im Verein mit den anderen Sozialwissenschaften) mittlerweile in derart subtile und partikulare Mechanismen und Strukturen von Sozialisation, Interaktion oder Kommunikation aufgedröselt worden, dass die Dinge dabei zunehmend gegenstandslos wurden und schließlich überhaupt kein Datum mehr bildeten. Für diese, mit so ungemein filigranen Bedingungszusammenhängen befassten und immer exquisitere Variablen entdeckenden Erklärungsansprüche waren die Dinge schlicht zu vordergründig. Säuberlich von jeder konkreten Gegenständlichkeit befreit, fristen die Dinge in diesen diffizilen Erklärungswelten allenfalls die reichlich pauschale, schematische Existenz von „Stimuli“ für Prozesse etwa perzeptiver oder kognitiver Art. Da diese ohnehin als die eigentlich wissenschaftlichen Gegenstände gelten, und die Dinge selbst eher den Anekdoten aus der Vorwissenschaft zugerechnet werden, wurde die Entgegenständlichung der Dinge seitens der sie betreibenden Wissenschaften kaum bemerkt. – Und wenn doch, dann wurde sie als in der Natur wissenschaftlichen Vorgehens liegend erklärt.
Diese theoretische Ungegenständlichkeit der Dinge hatte vor allem Konsequenzen für das sozialwissenschaftliche Bild vom menschlichen Alltagsleben. Ihr ist es weitgehend zuzuschreiben, dass „Alltag“ in der Soziologie oder der Psychologie vornehmlich als das mittlere Ereignis von Geselligkeit bzw. als wie eine Inszenierung des Familienensembles verhandelt und so der Eindruck vermittelt wird, das Alltagsleben fände jenseits der Dinge, sozusagen rein zwischenmenschlich statt. Nun wird man aber kaum bestreiten können, dass „Alltag“ sich nicht nur in Zusammenhängen konstituiert, in denen Menschen sich auf Menschen beziehen, sondern ganz wesentlich auch in solchen, in denen Menschen sich auf Sachen beziehen. Und selbst da, wo Menschen sich auf Menschen beziehen, geschieht dies ja durchaus nicht immer unmittelbar, sondern gerade auch über Dinge; und dieser gegenständliche Rapport zwischen den Menschen ist mindestens ebenso grundlegend für das Alltagsleben wie der sprachliche. Überblickt man die psychologische Literatur, so scheint dort allerdings die Auffassung vorzuherrschen, dass die Dinge für den Psychologen insofern eine zu vernachlässigende Größe darstellten, als sie zwar durchaus das Produkt oder das intentionale Objekt (Motiv) von Verhalten bilden und auch als Medium menschlicher Beziehungen fungieren könnten, dabei aber nicht in bedingender Weise auf deren Struktur einwirken würden. Wie weit man innerhalb der Psychologie davon entfernt ist, die Dinge als Bedingungen menschlichen Verhaltens in dessen Erklärung einzubeziehen, gibt jene blinde Fixigkeit zu erkennen, mit der Psychologen immer gleich eine Persönlichkeitsstörung konstruieren, wenn es um die Erklärung eines irgendwie auffälligen Umgangs mit Dingen geht, – als ob nicht auch von diesen eine Störung ausgehen könnte. So wird etwa – um ein aktuelleres Beispiel zu geben – angesichts eines von vielen Pädagogen beklagten „Vandalismus“ an den Schulen sogleich ein neuer „Sozialisationstyp – Narziss“ zu seiner Erklärung bemüht und ein „hinter“ diesem Verhalten liegender „objektverneinender Charakter“ ausgemacht. Könnte aber dieses Verhalten nicht vielleicht mehr mit dem Charakter der verneinten Gegenständlichkeit zu tun haben, als mit dem Charakter dessen, der sie zu demolieren sucht? Mit anderen Worten: Wäre nicht, bevor man dieses Verhalten in einem „inneren“ Motiv begründet, erst einmal auch sein „äußerer“ Gegenstand, das konkrete Objekt dieses Verhaltens, einer psychologischen Reflexion zu unterziehen? Eine derartige Fragestellung scheint den gewohnheitsmäßig aufs Motivkundliche fixierten Psychologen gar nicht erst in den Sinn zu kommen. Dass sie gleichwohl berechtigt ist und zu einer anderen Sicht der Sache führt, wird in einem späteren Kapitel zu zeigen sein.¹ Nun ist allerdings diesen Psychologen zugutezuhalten, dass sie sich mit einer solcherart blinden Motivsuche in vollem Einklang befinden mit dem gängigen Verständnis der Psychologie als der Wissenschaft von den „inneren“ Bedingungen menschlichen Verhaltens. Auf dem Hintergrund dieser auch unter Psychologen verbreiteten Ansicht von der Psychologie muss eine Fragestellung, in der – wie hier – die Dinge zum Gegenstand psychologischen Erklärens gemacht werden, notwendig fragwürdig erscheinen. Sie bedarf daher wohl der Rechtfertigung. Diese zu liefern, heißt zugleich, die Aufgabe umreißen, welche sich die vorliegende Arbeit gestellt hat, und die Setzungen benennen, von denen sie ausgeht. Und das wiederum erfordert zunächst, ein populäres Missverständnis über die Psychologie und ihren wissenschaftlichen Gegenstand zu korrigieren. Es ist nämlich nicht so, wie es jene oben angesprochene Ansicht von der Psychologie insgeheim unterstellt, dass der Anspruch, etwas psychologisch zu erklären, notwendig voraussetzt, dass dieses Etwas ein psychisches ist bzw. dass dieser Anspruch nur in diesem Falle wissenschaftlich legitim sei. Ein Etwas psychologisch zu untersuchen, heißt lediglich, dass man dieses Etwas – welcher Natur es auch immer sei – in der Wirklichkeit des sich auf dieses Etwas beziehenden Verhaltens und Erlebens zum Gegenstand macht. So gesehen, sind denn also durchaus Sterne, Hosen oder Kommata psychologisch zu untersuchen. Gegen eine psychologische Untersuchung zu solcherart Sujets wird notorisch der Einwand vorgebracht, dass das, was sie erforsche, nicht „wirklich“ die Sterne oder die Hosen seien, sondern „bloß“ die diesbezüglichen Wahrnehmungen und Handlungen. Dieses Argument ist alles andere als stichhaltig und zeugt von einem ebenso gründlichen wie verbreiteten Missverständnis über den Geltungsanspruch wissenschaftlicher Aussagen. Denn eine jede wissenschaftliche Erklärung gilt immer nur unter den Bedingungen, denen gemäß sie gewonnen wurde, und so kann sie sich auch immer nur auf die Wirklichkeit beziehen, die sie in ihren Bedingungen als mögliche setzt. Mit anderen Worten: In der einzelnen Wissenschaft ist das Wirkliche immer nur innerhalb des Horizontes derjenigen seiner Bedingungen „wirklich“, die von der jeweiligen Wissenschaft nach Maßgabe ihrer spezifischen Theorie und ihrer Methoden abgebildet werden können. Eine psychologische Aussage über die Sterne ist von daher genauso bzw. genauso wenig eine über die „wirklichen“ Sterne, wie es eine astrophysikalische ist. Es ließe sich ja auch gegen die Astrophysik vorbringen, dass sie nicht die „wirklichen“ Sterne erkläre, sondern diese „bloß“ in ihren physikalischen Aspekten zum Gegenstand habe.
Belässt man die „wirklichen“ Sterne am Himmel, so bleibt innerhalb der Wissenschaften nur die Feststellung, dass die Aussagen, welche die Psychologie über die Sterne machen kann – wenn sie diese den eigenen Bedingungen gemäß als Gegenstand des Verhaltens und Erlebens untersucht – genauso objektive Aussagen über die Sterne darstellen, wie die der vermeintlich da einzig objektiv zuständigen Astrophysik. Wenn denn also die Dinge durchaus einer psychologischen Untersuchung zugänglich sind, insofern sie in der Wirklichkeit des auf sie bezogenen Verhaltens und Erlebens zum Gegenstand gemacht werden, so ist diese Formulierung dennoch nicht unproblematisch. Sie deckt nämlich noch ein Verständnis des Verhältnisses Psyche–Dingwelt ab, das zwar vielen, wenn nicht den meisten psychologischen Aussagen zu diesem Komplex zugrunde liegt, aber gleichwohl fragwürdig ist: Da wird nämlich zumeist davon ausgegangen, dass dem psychischen Apparat die Dinge in der Faktizität ihres außenweltlichen Gegebenseins gegenüberstünden und von ihm entsprechend äußerlich, als „Stimuli“ für Wahrnehmungen und Handlungen oder ähnlich „reiz-objektiv“, realisiert würden. Aus einer solchen Sichtweise ergibt sich für die Psychologie als zentrale Aufgabe, das Funktionieren dieser wahrnehmenden und handelnden Aneignung der Dinge zu untersuchen. Wobei dann folgerichtig die Frage im Mittelpunkt steht, inwieweit die jeweilige konkrete Aneignung der Dinge deren sogenannt objektiver Gegebenheit angemessen erfolgt. Und so finden sich denn in der Psychologie zahllose experimentelle Untersuchungen, die sehr detailliert die funktionalen Bedingungen dessen klären, was hier vorwissenschaftlich umfassend als wahrnehmende und handelnde Aneignung der Dinge angesprochen wurde: Untersuchungen über ihre sensomotorischen Voraussetzungen, über ihre Ontogenese, über ihre Störungen (etwa im Zusammenhang der Agnosie oder der Apraxie), über ihre nicht-objektiven Ordnungen (vgl. die sogenannten Wahrnehmungstäuschungen) usw. Dagegen findet sich in der Psychologie kaum jemals die Frage aufgeworfen, geschweige denn konkret untersucht, ob und in welcher Weise der Mensch in der Aneignung der Dinge nicht nur seine „objektive“ Außenwelt realisiert, sondern auch er selbst, seine Psyche, eine „Modellierung“ (ELIAS) erfährt. Es wird da also das wahrnehmende und handelnde Aneignen der Dinge durch den Menschen vornehmlich als eine Leistung des „Psychismus“ (LACAN) thematisiert, während darüber, dass es auch eine Bedingung des Psychischen – und zwar konstitutiver Art – darstellt, zumeist nur pauschale Aussagen gemacht werden. Überspitzt formuliert stellt man sich da offensichtlich die Psyche als einen Apparat vor, der die außenweltlichen Gegebenheiten – und so auch die Dinge – wie Daten registriert, verrechnet und speichert und die ihnen jeweils angemessenen Wahrnehmungen und Handlungen produziert, ohne dass dieser Apparat dabei in seiner Konstruktion modifiziert würde. – Abgesehen von gewissen, durch Reifung oder Lernen bedingten Optimalisierungen seiner Funktionsweisen. Dagegen entwickelt die vorliegende Arbeit eine grundsätzlich andere Sicht der Dinge. Sie geht nicht davon aus, dass die Dinge dem Psychischen in der statistisch, per Strichliste abbildbaren Realität ihrer empirischen Merkmale, sprich: als diese reiz-objektiven Externa gegenständlich sind. Vielmehr sucht sie zu zeigen, dass die Dinge „in“ den Psychismus einwirken und zu Bedingungen seiner Organisation werden. – Dass der Psychismus nicht nur qua Verhalten auf die Dinge gerichtet ist oder qua Wahrnehmung von ihnen affiziert wird, sondern dass er an den handelnd und wahrnehmend angeeigneten Dingen – in ihnen eine anschauliche Modellierung erfahrend – sich selbst realisiert. Und zwar im doppelten Sinne dieses Wortes: sich an/in Gegenständen konstituierend und sich selbst dabei zugleich – als ein Differentes – kenntlich werdend. Mit dieser These, die hier im Entwurf einer Theorie der psycho-logischen Gegenständlichkeit der Dinge entfaltet wird, ist nun beileibe keine neue Einsicht formuliert: – Wenn GOETHE sagt: „Jeder neue Gegenstand, wohl beschaut, schließt ein neues Organ in uns auf.“ (GOETHE o. J., 362); – wenn MARX meint, dass wir in den Dingen „die vergegenständlichten Wesenskräfte des Menschen vor uns haben“, und er das gegenständliche Dasein „als das aufgeschlagene Buch der menschlichen Wesenskräfte, die sinnlich vorliegende menschliche Psychologie“ bezeichnet (MARX 1968, 542 f.); – wenn ELIAS die Gabel, das Messer oder das Taschentuch anspricht als „Inkarnationen eines bestimmten Affekt- und Peinlichkeitsstandards“, als „Inkarnate der ‚Seelen‘, ihrer veränderlichen Triebe und Wünsche, Verkörperungen geschichtlicher Situationen und gesellschaftlicher Aufbaugesetze“ (ELIAS 1976, 171/164); – oder wenn BACHELARD vom Schrank und seinen Fächern, vom Schreibtisch und seinen Schubladen, von der Truhe und ihrem doppelten Boden sagt, dass „ohne diese Objekte (…) unserem inneren Leben die äußeren Modelle der Innerlichkeit fehlen würden“ (BACHELARD 1975, 108); – dann gehen diese, ihrer Verschiedenheit wegen zitierten Autoren alle von der hier vertretenen Annahme aus, dass die psychologische Realität der Dinge nicht gleichzusetzen ist mit deren Gegebensein als „Stimuli“ psychischer Prozesse oder als „Zielgradienten“ von Verhalten. – Und stellen sie in jeweils verschiedener Perspektive die Frage nach den Dingen als Bedingungen des Psychischen. Ziel der vorliegenden Abhandlung ist es, einen theoretischen Zusammenhang zu entwerfen, der es ermöglichen soll, dieser Frage wissenschaftlich psychologisch nachzugehen. Und wenn, wie schon angesprochen, dem gegenständlichen Rapport zwischen den Menschen – und der Menschen zu sich selbst – mindestens ebenso viel Bedeutung für das Alltagsleben beizumessen ist wie dem sprachlichen, dann liefert diese Arbeit mit ihrem Versuch, die Dinge in ihrer psycho-logischen Gegenständlichkeit zu bestimmen, zugleich einen Beitrag zu einer Psychologie des Alltagslebens. Einführung in das Thema der Arbeit und in den Gang ihrer Argumentation Stellt man die Frage nach der psychologischen Realität der Dinge und will man die spezifische Gegenständlichkeit kennzeichnen, welche die Dinge in der Wirklichkeit des alltäglichen Umgangs mit ihnen besitzen (im Gegensatz etwa zu den Formen der Gegenständlichkeit, die sie als Objekt philosophischer Untersuchung, naturwissenschaftlicher Forschung oder industriellen Kalküls erhalten), so ist man alsbald mit einem Bedingungszusammenhang konfrontiert, der sich in zwei Dimensionen entfaltet: mit der ontogenetischen und der phylogenetischen Geschichtlichkeit der Gegenstandsauffassung.
Es ist eine in der Psychologie allseits unumstrittene Erkenntnis, dass die Kategorie „Objekt“ – das heißt: das Konzept von Gegenständlichkeit, in dem der erwachsene Mensch handelnd und wahrnehmend die Dinge realisiert – weder etwas ist, das sich dem Individuum unmittelbar aus der Anschauung der Dinge selbst ergibt noch von ihm voraussetzungslos entwickelt wird. So unterschiedliche Autoren wie DILTHEY, FREUD, SANDER, SPITZ oder PIAGET haben aufgezeigt, dass das Objektverhalten und die Objektwahrnehmung des Erwachsenen komplizierte Produkte eines vielschichtigen, von ontogenetischen Bedingungen regulierten Prozesses darstellen. Dieser ontogenetische Bedingungszusammenhang ist von den genannten und zahlreichen anderen Psychologen sehr intensiv untersucht worden. Dagegen findet sich nur bei wenigen entwicklungspsychologischen Autoren reflektiert, dass die Gegenständlichkeitsform, welche die Dinge in dem für ein rationales Gegenstandsverhalten regulativen Konzept „Objekt“ erhalten, nicht die einzig wahre bzw. die „objektive“ ist: In ihr offenbart sich weder „das Sein der Sachen“, noch ist sie eine anthropologisch notwendig oder konstant gegebene; sie stellt vielmehr das Produkt eines spezifischen zivilisatorischen Prozesses dar. Dies gilt es, auch wenn es ihn an die Grenzen seiner Wissenschaft führt, gerade für den Psychologen zu beachten. Denn wird nicht gesehen, dass das Konzept „Objekt“ (wie z. B. bei PIAGET definiert³) ganz wesentlich das normative Produkt einer gesellschaftlichen Entwicklung darstellt, dann kommt es nur zu leicht zu einer objektivistischen Verabsolutierung der in diesem Konzept definierten Gegenständlichkeitsform der Dinge. Dass damit zentrale Aspekte gerade der psycho-logischen Gegenständlichkeit der Dinge aus dem Blick rücken, wird später¹ u. a. an den Aussagen WINNICOTTS und PIAGETS aufzuzeigen sein. Der Aspekt der phylogenetischen Entwicklung der vom neuzeitlichen, rationalen Objekt-Begriff kategorisierten Gegenständlichkeitsform ist innerhalb der Psychologie eingehender behandelt worden von WERNER, für den sich aus der Sicht einer „vergleichenden Entwicklungspsychologie“ vielfache „Parallelen“ zwischen der frühkindlichen Dingauffassung und der des „Naturmenschen“ ergeben (WERNER 1953, 18 ff. u. 38 ff.). In kulturhistorischer Perspektive und auf eine „Phänomenologie der Erkenntnis“ abzielend, hat auch CASSIRER diesen Aspekt wiederholt behandelt. So findet sich bei ihm u. a. eine ausführliche Analyse des „mythischen Gegenstandsbewusstseins“ im Vergleich zu dem vom neuzeitlichen Rationalismus geprägten (CASSIRER 1954, 39 ff.). CASSIRER stützt sich dabei weitgehend auf Ergebnisse der ethnographischen Forschung; nicht zuletzt auch auf LÉVY-BRUHL, der ausdrücklich auf die strukturellen Unterschiede hingewiesen hat, die zwischen unserer „objektiven“ Gegenstandsauffassung und jenem eher „symbiotischen“, vom allgemeinen Gesetz der „Partizipation“ geprägten Ding-Erleben herrschen, das seines Erachtens die „prälogische“ Mentalität der Naturvölker kennzeichnet (LÉVY-BRUHL 1912, 427/453). Dass es sich bei der Gegenstandsauffassung der Primitiven genauso wenig wie bei ihren sonstigen Denk- und Wahrnehmungsformen um „prälogische“ handelt und in welcher Weise sie durchaus logisch organisiert sind, hat in neuerer Zeit vor allem LÉVI-STRAUSS dargelegt (LÉVI-STRAUSS 1968). Wenn er damit auch gegen eine evolutionistische Sichtweise dieser Zusammenhänge zu Felde zieht (vgl. SPENCER, TYLOR oder auch COMTE), so bekräftigen seine Aussagen gleichwohl den historischen Wandel respektive die interkulturelle Varianz der Dingauffassung. Es wäre also davon auszugehen, dass die Art und Weise, in der die Dinge dem Menschen zum Gegenstand werden, historisch und gesellschaftlich überdeterminiert ist und also die Gegenständlichkeit der Dinge nicht etwa in ihrem „objektiven Sein“ definiert vorliegt, sondern in einem historisch normativen Konzept vermittelt wird. Damit sind nun allerdings Bedingungszusammenhänge angesprochen, die jenseits dessen liegen, was der Psychologie methodisch und theoretisch zugänglich ist. Die Geschichte der Gegenständlichkeitsformen der Dinge zu erforschen und die phylogenetische Entwicklung der neuzeitlichen Gegenstandsauffassung nachzuzeichnen, fällt vielmehr in die Kompetenz der Kulturanthropologie. Und so kann denn die historische Dimension jenes Objekt-Konzeptes, das nach PIAGET für das vernünftige Handeln und Wahrnehmen eines erwachsenen Individuums regulativ ist, hier nur angezeigt, nicht aber selbst untersucht werden. Es bietet sich allerdings ein wissenschaftsgeschichtlicher Zusammenhang an, in dem das Konzept „Objekt“ auch in seiner historischen Dimension psychologisch zugänglich und seine normative Funktion für die Gegenstandsauffassung bestimmbar wird. Nämlich die Geschichte des Begriffes „Fetischismus“, verstanden als die Geschichte der ausgrenzenden Kategorisierung eines Gegenstandsverhaltens als nicht-normal bzw. nicht-rational. – Um möglichen Missverständnissen vorzubeugen: Aus der Tatsache, dass dieser Begriff im Übergang zum 19. Jahrhundert geprägt wurde, in dem er dann interdisziplinär Karriere machte, wird hier nicht geschlossen, dass die mit diesem Terminus belegten Phänomene ebenfalls erst in dieser Zeit aufgetreten seien. Vielmehr wird hier angenommen, dass sich in dieser Zeit das Verhältnis zu ihnen grundlegend änderte. Genauer: Die Fetischismus-Theorien der verschiedenen Wissenschaften im 19. Jahrhundert werden als erste wissenschaftliche Verarbeitung der Erfahrung gelesen, dass es mit den Dingen durchaus nicht immer „wie mit rechten Dingen“ zugeht, sprich: nicht so, wie es die gerade von der Aufklärung und den „positiven Wissenschaften“ (Comte) zur höchsten Instanz erhobene Vernunft setzte. (Für die literarische Verarbeitung dieser Erfahrung lassen sich in der Literatur der Romantik zahlreiche Beispiele finden, insbesondere bei E. T. A. Hoffmann.) Die von den verschiedensten Wissenschaften (Völkerkunde, Religionsgeschichte, Sozio-Ökonomie, Sexualpathologie) geführte Auseinandersetzung mit dem von ihnen durchgängig als ein Fall von „unvernünftigem“ Objektverhalten verstandenen Fetischismus bildet – so gesehen – einen zentralen Aspekt im Ringen des neuzeitlichen Denkens um ein für es grundlegendes, rationales bzw. „objektives“ Gegenstandskonzept. Es sollte aber an dieser Stelle immerhin darauf verwiesen werden, dass es in dieser Auseinandersetzung gewiss nicht allein um derart vernunftinterne Belange ging. Sie hing auch und wesentlich zusammen mit der konkreten Erfahrung der sich im Zuge der allgemeinen industriellen Entwicklung radikal ändernden materiellen Lebensbedingungen.
Die Annahme ist wohl kaum abwegig, dass die in dieser Zeit sich ausbreitende industrielle Produktionsweise, namentlich die allgemeine Zunahme seriell hergestellter Warendinge und deren arbeitsteilige Fertigung, die Beziehung der Menschen zu den Dingen wie auch deren Charakter (i. e. ihre psycho-logische Gegenständlichkeit) entscheidend verändert hat. – Und dass sie schließlich Bedingungen setzt, die mit den tradierten Ordnungen des Gegenstandsverhaltens und der überkommenen Gegenstandsauffassung kollidierten.⁴ Von daher ließe sich hypothetisch folgern, dass es wohl vor allem jene Momente der überkommenen Gegenstandsauffassung waren, die in dem sich entwickelnden rationalen und für die Produktionstechnik und die Warenkalkulation regulativen Objekt-Konzept des Gegenständlichen keine Realität mehr besaßen, die dann ganz wesentlich das Erscheinungsbild dessen ausmachten, was allseits unter dem Stichwort „Fetischismus“ behandelt wurde. Unter dem voranstehend entwickelten Gesichtspunkt kann die Betrachtung der Geschichte des Begriffes „Fetischismus“ also durchaus dazu dienen, einen psychologischen Einblick – wenn auch auf indirekte Weise – in den historisch normativen Aufbau des „objektiven“ Gegenstandskonzepts zu gewinnen. Andererseits, und das ist hier wesentlicher, geben die verschiedenen Aussagen über das sogenannte Fetischverhalten erste Aufschlüsse über eben die Gegenständlichkeit der Dinge, die von den einzelnen Theoretikern des Fetischismus als „verkehrte“ begriffen wird: Eine, die sie nicht für „objektiv“ gegeben halten und als eine rein subjektiv bzw. psychisch produzierte annehmen, indem sie diese Gegenständlichkeitsform mit „falschem Bewusstsein“ (Marx), mit „erotischem Symbolismus“ (Ellis) oder „magischem Denken“ (Comte) in Zusammenhang bringen. Im Anschluss an die psychologische Analyse der Aussagen der verschiedenen Fetischismus-Theorien über die „verkehrte“ Gegenständlichkeit der Dinge und des dabei implizit als Norm gesetzten Gegenstandskonzepts interessiert dann im nächsten Teil der Arbeit¹ die Frage: Inwieweit lassen sich in den allgemeinen psychologischen Theorien Aussagen finden, welche die Bedingungen und das Funktionieren der psycho-logischen Gegenständlichkeit der Dinge unmittelbar zum Thema haben? Dabei wird sich herausstellen und begründet werden, dass diese Frage in einer sinnvollen, zusammenhängendere Einsichten erbringenden Weise nur an drei psychologische Theorien zu stellen ist: an die psychoanalytische und an die phänomenologische Position innerhalb der Psychologie und an die von Piaget entwickelte, als „genetisch-epistemologische“ bezeichnete.
Dieser erste Teil der Arbeit¹ schließt mit einer Reihe von Thesen. Sie verallgemeinern und fassen das zusammen, was die Analyse der Fetischismus-Theorien und die Erörterung der drei genannten psychologischen Theorien an Hinweisen und ersten Einsichten zur psychologischen Realität der Dinge erbracht hatten. Sie zeichnen damit zugleich die Grundlinien vor, denen die im folgenden Teil entwickelte Theorie der psycho-logischen Gegenständlichkeit der Dinge folgt. Den zweiten Teil¹ eröffnet eine Untersuchung der ontogenetischen Entwicklung des Konzepts „Objekt“. Dabei ist nicht eine lückenlose Verlaufsrekonstruktion das Ziel, sondern eine „Morphologie des Gegenständlichen“: Es werden die verschiedenen Formen herausgearbeitet, die das Gegenständliche in seiner zunehmend differenzierten Konzeptualisierung durch das sich entwickelnde Individuum annimmt, bis es schließlich in dem Objekt-Konzept realisiert wird, das für das erwachsene Gegenstandsverhalten regulativ ist. Es geht hier also nicht so sehr um eine durchgängige Exploration der ontogenetischen Entwicklung des Gegenstandsverhaltens, als vielmehr um eine kennzeichnende Typisierung der in ihrem Verlauf produzierten, dem Objekt-Konzept vorgängigen Gegenständlichkeitsformen. Auf der Grundlage dieser Morphologie des Gegenständlichen ist dann die Frage nach den allgemeinen funktionalen Bedingungen des Prozesses zu stellen, in dem ein Etwas als gegenständlich (im Sinne des Objekt-Konzepts) realisiert wird. Dieser Prozess ist hier terminologisch als „Vergegenständlichen“ gefasst. In einem weiteren Schritt wird dann anhand der gewonnenen Erklärungsperspektiven der Zusammenhang von Psychischem und anschaulich Gegenständlichem strukturell bestimmt als Verhältnis „wechselseitiger Repräsentanz“. Die mit diesem Begriff umrissenen Zusammenhänge und seinen theoretischen Stellenwert klärend wird schließlich die Idee einer „materialen Symbolik“ skizziert. Mit diesem Terminus ist das auf einen Begriff gebracht, was zentrale These dieses zweiten Teils ist: Dass dem Psychischen in den Dingen eine material-symbolische Repräsentanz gegeben ist. Dieser Teil bildet insofern das Hauptstück der Arbeit, als dort unmittelbar jenes Interesse eingelöst wird, aus dem sie entstand. Und da ihre Argumentation sich dem Leser vielleicht im Lichte des sie leitenden Interesses eher erschließt als durch weitere abstrakt einführende Worte, sei hier kurz auf dieses Interesse eingegangen. Es entsprang der alltäglich zu machenden und eher trivialen Erfahrung, dass die Menschen die Dinge nicht nur ihren praktischen Zwecken gemäß benutzen, sondern in ihnen darüber hinaus immer auch etwas „bedeutet“ sehen, das im Übrigen nicht selten den Umgang mit den Dingen mehr bestimmt als ihre materiellen Eigenschaften oder ihre zweckrationalen Funktionen. Dabei muss dieses Bedeutungsmoment der Dinge durchaus nicht unbedingt explizites Thema des Umgangs mit ihnen sein; in den weitaus meisten Fällen ist es das eher nicht. Gleichwohl werden solche gegenständlichen Bedeutungsmomente selbst in den vermeintlich gewohnheitsblinden Vollzügen des Alltags noch wahrgenommen, und sind sie auch in den banalsten Spontaneismen im Umgang mit Dingen noch wirksam. Als ein Beispiel dafür mag das „instinktive“ Vermeiden dienen, in einer geselligen Runde an das sogenannte Kopfende (bzw. an die „Stirnseite“) des Tisches platziert zu werden.
Dass die Bedeutungen, die ein Ding über seine zweckrationalen Bestimmungen hinaus besitzt, zumeist eher implizit realisiert werden, schließt nicht aus, dass sie ein intentionales Moment des Umgangs mit ihm bilden. Man denke etwa an die eigentümlich heraldische Funktion der lila Latzhose, der Jute-Tasche, des allradangetriebenen Geländefahrzeugs oder ähnlicher Dinge, in denen Menschen ihrer Gesinnung oder dem, was sie als ihre Identität beanspruchen, gegenständlich(e) Realität zu geben suchen. Und schließlich kann sich die hier angesprochene Bedeutungsfunktion der Dinge auch ganz verselbständigen. – Wie etwa in den Souvenirs oder auch bei gewöhnlichen Gebrauchsdingen, die – zu Erinnerungsstücken avanciert und für Personen und Orte, Stimmungen und Zeiten stehend – nicht mehr ihre praktische, sondern nurmehr eine nostalgische oder inkarnative Funktion erfüllen. Derart zu Gerätschaften des seelischen Haushalts geworden, fungieren diese Dinge sozusagen als gegenständliche Filialen des Innenlebens. Doch nicht der Illustration solcherart psychisch-gegenständlicher Zusammenhänge gehörte hier das Interesse. Dass und wie die Dinge menschliche Verhältnisse vergegenständlichen und als Chiffren seelischer Zusammenhänge gelesen werden können, ließe sich an zahllosen Beispielen aus der Literatur belegen. Man denke etwa an den Löffel der „Mutter Courage“ bei BRECHT, das Madeleine-Gebäck bei Proust oder an eine Beschreibung, wie sie Gottfried Keller von einer Schatulle gibt, in der die alte Jungfer Züs Bünzlin ihre Erinnerungsschätze hütet, und deren Inhalt das kleine Leben dieser Frau anschaulich vergegenwärtigt, in dem alles Sehnsucht blieb. Der Anstoß zu dieser Arbeit lag vielmehr in dem, was allgemein als Erklärung dafür angeboten wird, dass sich uns in alltäglich banalen Dingen komplexe psychische Sachverhalte erschließen können. Etwas pauschal lässt sich sagen, dass die Frage nach dieser eigentümlichen Spiegelfunktion der Dinge zumeist dahingehend beantwortet wird, dass sie nicht wirklich eine der Dinge sei. Sie hänge vielmehr mit der Eigenart menschlicher Wahrnehmung zusammen, und es gehe da um Qualitäten der Dinge, die ihnen nicht „objektiv“ zukämen.
Vielmehr würden sie ihnen im Sinne bloßer Bedeutung angehängt oder auf sie projiziert. Dazu wird dann erklärungshalber bevorzugt Symboltheoretisches bemüht: Entweder macht man für diese Bedeutungszusammenhänge ein sehr spezielles menschliches Vermögen der Symbolisierung verantwortlich oder man rekurriert zu ihrer Erklärung auf eine nicht weiter begründete (aber darum nur als umso grundlegendere angenommene) allgemeine symbolische Beziehung der Menschen zu den Dingen, welche man als eine Art Atavismus aus der Zeit vor dem vernunftgeleiteten Welterfassen anzusehen habe. Egal, ob man nun derartige Gegenstandsbedeutungen als Fabrikationen eines spezifischen Vermögens oder aus einer archaischen bzw. vor-rationalen Beziehung zu den Dingen erklärt, in beiden Fällen macht man sie zu Marginalien dessen, was man für das Ansich und allgemein Gegebene hält. Und so ist man sich denn auch weitgehend einig darin, dass uns (wie etwa in den angeführten literarischen Beispielen) an Dingen psychische Sachverhalte evident werden können, lediglich den Effekt eines spezifisch dichterischen Kunstgriffes oder eine allenfalls intuitive Erkenntnis am Werke zu sehen. – Wenn dieses Phänomen nicht gleich einer obskuren „Einfühlung“ zugeschrieben und damit ins Jenseits des Intelligiblen abgeschoben wird. Diese verbreitete Anschauung war dem Autor schon vor jeder wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema ein stetes und gründliches Ärgernis, und gegen sie eine andere Erklärungsposition aufzubauen, bildet das Motiv, aus dem die vorliegende Arbeit entstand. Es geht ihr um den Nachweis, dass es sich bei den angesprochenen (hier der Kürze halber „symbolische“ zu nennenden) Zusammenhängen zwischen Gegenständlichem und Psychischem weder um eine Beiwerk-Produktion seitens eines disparaten, speziellen symbolischen Vermögens handelt, noch um einen Atavismus der allgemeinen Denkentwicklung. Vielmehr soll hier gezeigt werden, dass sich in diesen Zusammenhängen eine notwendige Beziehung manifestiert. Mit anderen Worten: Die Arbeit sucht dafür, dass uns an ganz banalen Dingen komplexe psychische Situationen und Konstellationen evident werden können, eine Begründung aus allgemeinen und grundlegenden Bedingungen des Psychischen zu liefern. – Derart, dass diese Evidenzen aus dem Bereich sogenannter Einfühlung oder bloß intuitiver Erkenntnis herausrücken und wissenschaftlich rekonstruierbar werden. Diese Begründung wird hier im Rahmen einer entwicklungspsychologischen Betrachtung gegeben. In ihrem Zentrum steht die ontogenetische Interdependenz, die zwischen der Organisation der individuellen Psyche und dem Aufbau dessen besteht, was – zunehmend kulturkonform handelnd und wahrnehmend – als die „objektive“ Welt realisiert wird. Aus der Tatsache, dass die Ordnungen dessen, was sich da schließlich rationaliter gegenübersteht und als „Subjekt“ und als „Objekt“ figuriert, Produkte einer gemeinsamen, polarisierenden Entwicklung bilden, wird hier die folgende Konsequenz abgeleitet: Wenn die individuelle Organisation des Psychischen und die individuelle Organisation der („objektiven“) Gegenständlichkeit des Gegenständlichen in denselben allgemeinen ontogenetischen Bedingungen determiniert sind, dann sind „Subjekt“ und „Objekt“ als Signifikanten dieser für sie gleicherweise konstitutiven Bedingungen austauschbar. So gesehen, sind dann das Psychische und das Gegenständliche als Konfigurationen einer ihnen gemeinsamen und für sie grundlegenden Bedingungsstruktur zu verstehen und ist also in der Ordnung des einen stets auch die des anderen – bewirkt oder bewirkend – gegenwärtig und zu explizieren. Das Gegenständliche repräsentiert ebenso notwendig Bedingungen des Psychischen, wie umgekehrt im Psychischen das Gegenständliche repräsentiert ist, – als Bedingung. Diese Argumentation, die hier nur sehr verkürzt wiederzugeben war, bildet den Angelpunkt aller im folgenden angestellten Überlegungen.
Denn mit ihr ist der theoretische Zusammenhang gestiftet, von dem aus das als ein Notwendiges denkbar und zugleich systematisch rekonstruierbar wird, was dem die Arbeit leitenden Interesse immer schon gewiss war: die gegenständliche Wirklichkeit des Psychischen in den Dingen. Im dritten und letzten Teil der Arbeit¹ werden verschiedene, zum Teil auf empirische Untersuchungen gestützte Studien zur psychologischen Realität der Dinge vorgestellt. Sie stehen nicht unter dem Anspruch, die vorgelegte Theorie der psycho-logischen Gegenständlichkeit der Dinge empirisch zu beweisen. Sie sollen lediglich einige der im Horizont dieser Theorie möglichen empirischen Fragestellungen illustrieren und den theoretisch abgeleiteten Zusammenhängen eine gewisse, punktuelle Anschauungsnähe vermitteln. Gegen die Objekte dieser Untersuchungen – Resopalmöbel, Flipper-Automaten, Kontaktanzeigen und anderes – ist der Einwand erhoben worden, sie seien doch recht trivial und einer wissenschaftlichen Beschäftigung kaum würdig; auch sei ihre Bearbeitung eher literarisch ausgefallen. Möglicherweise ist den Untersuchungen ein gewisser Unterhaltungswert nicht abzusprechen; aber diejenigen, die meinen, es einer Erkenntnis vorwerfen zu müssen, dass sie amüsiert, verwechseln doch wohl die Wissenschaft mit der Kirche. Zudem dürfte die Psychologie kaum einen ärgeren Feind haben als jenen apostolischen Ernst, mit dem innerhalb dieser Disziplin allzu oft plattes Sinnstiften und Moralisieren oder dünnste experimentelle und statistische Pfiffigkeiten als Wissenschaft verkündet werden. Und was die wissenschaftliche Unwürdigkeit der untersuchten Phänomene angeht, so ist dazu nur zu bemerken, dass das Niveau einer wissenschaftlichen Arbeit nicht durch ihre empirischen Sujets bestimmt wird, sondern eine Frage ihres methodisch-theoretischen Horizontes ist. Doch realistischerweise muss man einräumen, dass natürlich eine Rede von der „Sozialisation“ – um nur ein Genre des gängigen Erklärens zu nennen – natürlich ein höheres wissenschaftliches Prestige verleiht, als eine Untersuchung von Resopal-Möbeln auf das ihnen implizite Sinnlichkeitsdesign hin. Nur ist leider mit „Sozialisation“ gar nichts erklärt, ist sie doch selbst bloße Resultante – streng genommen, die nur gedachte Totalität – der konkreten, alltäglichen Modellierungen des Verhaltens und Erlebens, wie sie sich u. a. etwa in einer Resopal-Küche abspielen. Da die hier dargestellten Untersuchungen den Anspruch erheben, etwas Licht in eben diese, im Umgang mit alltäglichen Dingen erfolgende Modellierung des Psychischen zu bringen, sahen sie sich notwendig mit eher trivialen Sujets befasst. Immerhin leisten sie auf diese Weise einen Beitrag zu einer Psychologie des Alltags, die von der akademischen Psychologie bislang sorgfältig vernachlässigt wurde. – Nicht zuletzt deshalb, weil mit ihr zur unbequemen Aufgabe würde, was man als die „Pathologie des Normalen“ bezeichnen könnte. (…) ⁰
Hinweis: Dieser Artikel ist eine Neuauflage und wurde per Hand ins Digitale übertragen sowie an die neue Rechtschreibung angepasst. Wir bitten um Nachsicht für eventuelle Fehler.
1 Die Verweise beziehen sich auf das im Fink-Verlag erscheinende Buch.
2 Vgl. Ziehe, T., Hösing, H., Stubenrauch, H. (1980): Narziss – ein neuer Sozialisationstyp, Frankfurt – und Ziehe, T. (1975): Pubertät und Narzissmus, Frankfurt.
3 Vgl. dazu (u. a.) Piaget, J. (1972): Psychologie der Intelligenz, Olten – und Piaget, J. (1975): Der Aufbau der Wirklichkeit beim Kinde, in: Gesammelte Werke, Bd. 2, Stuttgart.
4 Der psychische Niederschlag dieser Veränderungen der gegenständlichen Welt im 19. Jahrhundert, über den etwa Lukács oder Simmel allgemeinere Aussagen gemacht haben, ist natürlich im Einzelnen und konkret nur sehr schwierig zu fassen. In Benjamins Werk, namentlich im Umfeld seines sogenannten Passagen-Werkes, finden sich zahlreiche Ansätze dazu (Benjamin, W. (1982): Das Passagen-Werk, Frankfurt). Einen zusammenhängenderen und als Beispiel instruktiven Versuch, die mit einer gegenständlichen Neuerung der damaligen Zeit verbundenen Veränderungen im menschlichen Psychismus zu rekonstruieren, hat vor einiger Zeit Schivelbusch in seiner Geschichte der Eisenbahnreise unternommen (München 1977).
Bachelard, G. (1975). Die Poetik des Raumes. Frankfurt.
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