Psychologische Kurzbehandlung muss nicht, wie oft behauptet, auf den „Umweg des Seelischen“ verzichten. Die Analytische Intensivberatung gewinnt Kürze gerade auf diesem Umweg – Seelisches wird von Anfang an so behandelt, wie es sich selbst behandelt, nämlich in Bildern: Die Wirklichkeit macht sich im Umweg des Seelischen Bilder von sich selber – in diesen Bildern versteht sie sich als sinnvolles Geschehen, sie behandelt sich selber im Bildermachen als etwas, dem Sinn gegeben werden kann. Die Darstellung eines konkreten Behandlungsverlaufes zeigt, wie eine Psychologie, die das „Bildermachen“ zum Gegenstand ihrer Behandlung macht, selber Bildcharakter gewinnt: Gelebtes wird hier als eine dramatische Bildbewegung sichtbar, unser „banaler“ Alltag entdeckt sich als eine phantastische Bilderwelt, die nach eigener, psychasthetischer Logik funktioniert und eine komplexe Konstruiertheit aufweist. Im Herausrücken der gelebten Bildkonstruktion wird für den Fall, dessen Bilderwelt behandelt wird, zugleich erfahrbar, welches „Selbstverständnis“ seine unlebbaren Formen produziert. Dabei kommt es zu einem spürbaren Ruck in dieser „selbstverständlichen“ Formenbildung – und diesen Ruck nutzt die psychologische Behandlung aus, um die Selbstbehandlung des Falles zur Umbildung der unlebbar gewordenen Formen anzuregen.
Nur dann, so behauptet diese Psychologie, kann eine sinnvolle Veränderung gefunden werden. Regelmäßig stellt sich da, wo es um „psychologische Behandlung“ geht – sei es in der Psychologenweiterbildung oder in Diskussionen um das neue Psychologengesetz – die Frage ein, was denn „eigentlich“ in einer solchen Behandlung gemacht wird, um an der Lage eines Menschen, der eine solche Behandlung oft als letzten Ausweg aus einem unlebbar gewordenen Leben aufsucht, etwas zu verändern. Bei Psychologen mit Berufserfahrung ist diese Frage häufig der Auftakt zu einer ganz anderen Frage: Kann die Psychologie überhaupt in der „Praxis“ etwas ausrichten, ist sie nicht eine akademische Spielerei, die sich mit dem harten Berufsleben gar nicht verträgt? Berufsbilder des „Psychologischen Dienstes“ scheinen das zu bestätigen: Der Psychologe als Facharbeiter für das Abgewöhnen besonders „fieser“ Eigenschaften unserer Mitmenschen – was soll man da mit einer Psychologie anfangen, die sich als „Wissenschaft vom Zusammenhang zwischen Verhalten und Erleben“ versteht? Dem Drängen von Institutionen und Ratsuchenden nach „schneller Besserung“ eine Psychologie mit ihrem Umweg über den „seelischen Zusammenhang“ entgegenzuhalten, das erscheint wie ein Affront: Kann man es wagen, der Lebenskatastrophe eines Menschen oder einer Familie – denn meistens wird eine psychologische Beratung ja erst gesucht, wenn es richtig brennt – mit Psychologie zu begegnen? Denn das heißt ja: Man verwendet die knappe Zeit nicht zu eiligen Löschversuchen, sondern dazu, den Zusammenhang aufzudecken, der die Katastrophe produziert. Spätestens hier enthüllt sich der Vorwurf des „Akademischen“ von Psychologie als Ausdruck eines Leidens an der Psychologie: Verlangt sie dem Psychologen nicht etwas Unmenschliches ab, wenn er im allgemeinen „Feuer! Es brennt! Hilfe!“, das um ihn herum tobt, abstinent sein „Und wie kann man das verstehen?“ durchhalten soll? Wer hat dazu die Nerven, wo gibt es Rückendeckung für den bedrängten Psychologen?Seit etwa fünfzehn Jahren wird am Psychologischen Institut der Universität Köln von W. Salber und seinen Mitarbeitern an dieser „Rückendeckung für Psychologen“ gearbeitet – nämlich an einem morphologischen Konzept für eine Kurztherapie, der sogenannten „Analytischen Intensivberatung“. Dieses Konzept sucht dem Drängen nach kurzzeitig erreichbaren Veränderungen, dem der Psychologe ausgesetzt ist, stattzugeben, ohne dass dabei die Psychologie zum bloßen Abgewöhnungsunternehmen verkommt. Vielmehr gewinnt die Intensivberatung ihre Kürze gerade dadurch, dass sie von Anfang an konsequent den „Umweg des Seelischen“ mitmacht. Seelisches selber wird von einer morphologischen Psychologie aus als Umweg verstanden, den diese Wirklichkeit gehen kann, um sich einen „Sinn“ zu bilden. Diese „Seelenbildung“ muss man als eine eigene Dimension unserer Wirklichkeit verstehen! In diesem Umweg des Seelischen macht sich die Wirklichkeit ein Bild von sich selber – von diesem Bild aus versteht sie sich als „sinnvolles“ Geschehen. Im Bildermachen behandelt sich diese Wirklichkeit selber – als etwas, das „Sinn“ hat. Bei dieser Selbstbehandlung aber können „Bildstörungen“ entstehen: Dann haben wir es mit Lebensbildern zu tun, die schwer lebbare oder unlebbare Formen entwickelt haben. Das wiederum macht sich im Alltag in unangenehmen „Ausfällen“ bemerkbar. An dieser Störstelle wird heutzutage häufig ein „Psychologischer Dienst“ in Anspruch genommen – mit der Bitte um schnelle Behebung der Störung, analog der Erfahrung mit anderen Reparaturdiensten.Kurzbehandeln ist möglich – auch in der Psychologie. Aber nicht, indem man auf den „Umweg des Seelischen“ verzichtet, sondern umgekehrt, indem man von Anfang an konsequent Bildbehandlung betreibt und keine Zeit verliert beim Rumdoktorn, was „eigentlich“ ist und was „dahinter“ steckt. Bilder sind das, was uns bewegt, und hinter den Bildern finden wir höchstens andere Bilder – die Seelenwelt ist eine komplexe Bilderwelt mit ganz eigenen, psychästhetischen Gesetzen. Die Intensivberatung sucht die Bilder, die das Leben eines Menschen oder einer Familie bestimmen, herauszuarbeiten, ihre Morphologie beschaubar zu machen. Die Behandlung ist gleichsam eine „Expedition ins Reich der Bilder“ mit dem Auftrag, die Bilder, die das Leben eines Menschen bewegen, kennenzulernen und ausfindig zu machen, an welcher Stelle die Bilder ihre unlebbaren Formen produzieren. Diese „Stelle“ im Bildgefüge gilt es so zu „reparieren“, dass wieder lebbare Formen gebildet werden können. Dabei kann nur vom jeweiligen Bildgefüge aus bestimmt werden, was lebbare und unlebbare Formen sind. Das aber kann nicht „per Diagnose“ von außen geschehen, sondern dazu muss sich die Behandlung von den Bildern mitbewegen lassen – mehr noch: Dieses Treiben wird künstlich so zugespitzt, dass es seine Konstruiertheit freilegt – nur so wird seine „Schwachstelle“ erkennbar. Wie so eine „Bilderreparatur“ aussieht, soll im Folgenden an einem konkreten Behandlungsverlauf untersucht werden. Dabei wurde das „Konkrete“ natürlich so umgewandelt, dass die Anonymität des Falles geschützt ist. Sollte der Leser dennoch glauben, diesen Fall zu kennen, so sollte er bedenken, dass eine bestimmte Kultur immer bestimmte „Typen“ von Bildern und Formen hervorbringt, die dann „normal“ verteilt sind.
Ein vierzigjähriger Mann – ich möchte ihn im Folgenden Heinz Werthmann nennen – bittet um eine psychologische Behandlung, weil er, wie er sagt, die Perspektive in seinem Leben verloren hat, sich wie in einer Sackgasse fühlt, nicht weiß, wie er weiterleben soll, dabei aber so, wie er bisher gelebt hat, auch nicht weiterleben kann – „weil da eine Leere ist, die mich zu erdrücken droht!“ Im Verlaufe des ersten Gespräches lässt sich an diesem so nicht verstehbaren Bild ruckartig eine Gestalt herausdrehen. Das Gespräch setzt damit ein, dass Heinz Werthmann sein Verwirrtsein durch die Situation anspricht – „so habe ich mir das hier nicht vorgestellt – habe gedacht, Sie erzählen mir jetzt was über die Intensivberatung, wie das geht, was wir machen werden – aber dass ich jetzt einfach so reden soll, hm!“ Dann: das ist eine „alte Kamelle“ – oft das Gefühl haben, nicht richtig reinzukommen – früher in der Schule, in der Familie – überhaupt: am liebsten gar nicht reden, „ich bin nicht mündlich, ich bin mehr schriftlich!“ Das erweitert sich, indem ein Stück Kindheitsgeschichte ausgebreitet wird: der Jüngste von zehn Kindern sein, der nächste Bruder ist neun Jahre älter – „wenn die Großen redeten, kam ich nicht mit, das ging über mich hinweg“; er sitzt dabei und hat nichts zu sagen, wird auch nicht gefragt – „überhaupt war meine Geburt wohl ein unbedeutendes Ereignis, als ich auf die Welt kam, hatte die Familie schon Schwerwiegendes hinter sich – die ersten Kriegsjahre, die Not dieser Zeit“ und: kurz nach seiner Geburt fiel der älteste Bruder in Russland – „das war wieder ein schwerwiegendes Ereignis für die Familie!“ An diesem Tiefpunkt in der Darstellung seiner Bedeutungslosigkeit kommt es zu einer Wende, indem Werthmann anfängt zu beschreiben, wie er zum „Chronisten des Bruders“ wurde und darin seine ausweglose „Endlage“ so umdrehte, dass er aus dem Ende des Bruders seinem Leben eine Bedeutsamkeit abgewinnen konnte: Mit blitzenden Augen erzählt er – er rückt den Sessel näher und ich sehe gebannt dieser „tollen“ Verwandlung zu – wie er alles sammelte, was er packen konnte vom Leben des toten Bruders – wie er es sortierte und katalogisierte, welches Zeremoniell er um den letzten Brief des Bruders entwickelte, „hätte den am liebsten in Plexiglas gegossen“ und dabei gar von einem Museum träumte, das er seinem Bruder irgendwann einmal bauen würde. Umdrehen-Können einer „Endlage“ rückt jetzt auch woanders in den Blick: Er leitet ein Kinderheim für Flüchtlingskinder aus Vietnam – hat es sich also auch hier zum Beruf gemacht, das, was am Ende eines Krieges übriggeblieben ist – Waisenkinder – aufzusammeln und in seinem Kinderheim unterzubringen. Werthmann ist zunächst von dieser Bildanalogie verblüfft – „so habe ich das noch nie zusammen gesehen“ –, entdeckt dann aber weitere Analogien – auch hier gab es ein Träumen von Ausbaumöglichkeiten – „habe mich jahrelang bemüht, das Kinderprojekt zu einem ganzen vietnamesischen Dorf zu erweitern. Aber das hat nicht geklappt. Stattdessen ist jetzt absehbar, wann das Projekt auslaufen wird.“ Werthmann beschreibt, wie ihn seitdem eine seltsame Müdigkeit ergriffen hat – „als sei damit meine Motivation für diesen Beruf in die Brüche gegangen – habe schon überlegt, ob ich nicht ganz aus dem Sozialberuf aussteige – mich bei der Post unterbringen soll – oder Frührentner werden. Aber von diesem Bild geht Unbehagen aus – soll es das schon gewesen sein?“ Man kann sehen, wie schon im ersten Gespräch das Leben als ein dramatisches Bild dargestellt wird: Da nähert sich eine Ausgangslage von Nichtreinkommen über verschiedene Momente von Nichtszusagenhaben, Stummsein, der Letzte sein, einem Tiefpunkt, an dem sich die Bedeutung seiner Existenz in der Kontrastwirkung mit dem „Heldentod“ des Bruders ins Nichts verliert. Dieser Tiefpunkt ist aber zugleich ein Wendepunkt: Indem das Ganze umgedreht wird, kann vom „Nichtssein“ gelebt werden – als Chronist des toten Bruders, als Waisenhausleiter kann er vom Ende anderer Lebensformen leben. Das Ganze erscheint aber eigentümlich störanfällig, nämlich da, wo sich die Umkehrbarkeit als nicht weiter ausbaufähig erweist – das Waisenhaus kann er nicht für immer und ewig wie ein Museum zusammenhalten, es bleibt ein „Übergangsquartier“ mit einem absehbaren Ende. Wieder rückt eine „Endlage“ in den Blick, die aber nicht durch ein neues Umdrehen behandelbar ist – und hier kommt es zu einem „Riss“ in der Motivation für diesen Beruf. Indem die Intensivberatung schon im ersten Gespräch die Dramatik des Geschehens in den Blick nimmt und auf Analogien, Steigerungen, Wendepunkte, Verdoppelungen, Bruchstellen achtet, fängt sie schon „intensiv“ zu wirken an; das äußert sich in einer „typischen“ Aussage der Behandelten – „das kenne ich, aber das habe ich so noch nie gesehen!“ Die Intensivberatung beginnt also damit, dass der Mensch, der mit seinem Leben nicht mehr zurechtkommt, jetzt mit Erstaunen auf dieses Leben blickt als auf etwas, das er „so noch nie“ gesehen hat. Und es wird immer wieder berichtet, wie dieser „neue Blick“ sich danach weiterbewegt hat – und das drängt jetzt noch stärker in die psychologische Behandlung, denn dieser „neue Blick“ ist faszinierend und unheimlich zugleich.
Weggeschicktwerden – ein „roter Faden“
Was im ersten Gespräch wie eine Skizze entworfen wurde, wird in den folgenden Sitzungen weiterbearbeitet. Die Skizze dient als Vorentwurf für das weitere Behandlungswerk, eine erste Einheit, die dem, was sich im „freien Einfall“ einstellt, einen ersten Zusammenhang geben kann und der Weiterentwicklung eine Richtung weist – was muss ergänzt werden, damit ein bestimmtes Moment einen Sinn bekommt, wie muss der Entwurf verändert werden, damit Abweichendes passt, was passiert da, wo es sich nicht weiterbewegen lässt? In diesen Gestaltentwicklungen lässt sich allmählich das herausmodellieren, was in der Intensivberatung als „Hauptbild“ bezeichnet wird: In jeder Lebensgeschichte bildet sich ein Hauptbild heraus, von dem aus unser Leben einen Sinn erhält. In diesem Hauptbild suchen wir unser Leben einzurichten und betreiben aufwendige Unternehmungen, um es in diesem Bild zu halten; und auch die psychologische Behandlung hat es zunächst immer mit diesem Hauptbild zu tun: Seiner Entwicklung gilt auch hier der erste Aufwand, nämlich die verschiedenen Wendungen dieses Bildes herauszuarbeiten.
Im vorliegenden Fall hob sich schon im ersten Gespräch das Hauptbild in einer bestimmten Wendung ab, die in den folgenden Sitzungen weiterbehandelt wird, zunächst in Geschichten aus der Kindheit: Alle sind groß und beschäftigt, keiner kann mit dem kleinen „Fuzzy“ so recht etwas anfangen, stets wird er den Großen nach kurzer Zeit lästig, die haben Wichtigeres zu tun. Alle gemeinsamen Unternehmungen, die er probiert, enden über kurz oder lang mit der Aufforderung „hau ab!“. Das kann durch einen Tritt forciert werden oder manchmal auch durch ein Geldstück – wenn Besuch dabei ist. Beim Nachgehen dieser Wendung hat Werthmann plötzlich den Eindruck, als würde ihn dieses „Hau ab!“ sein ganzes Leben begleiten – überall sieht er es jetzt, das geht quer durch sein Leben durch: früher in der Schule, heute bei der Arbeit – „da droht das ja auch demnächst!“. Manchmal ist es auch so verdreht, dass man es zunächst nicht erkennt: Letztes Wochenende im Gespräch mit einem Besucher spielt er den „Desinteressierten“ – Zerdehnungen dieser Begegnung lassen deutlich werden, dass er damit einem gefürchteten „Hau ab!“ entgegenwirken suchte. Oder auch in der Behandlung: Bei der kleinsten Bewegung – wenn Licht angeknipst wird oder das Telefon läutet – springt er auf – um auch hier einem „Hau ab!“ entgegenzuwirken? Bilder aus der Kindheit zeigen, wie er ständig damit beschäftigt war, dem gefürchteten „Hau ab!“ etwas entgegenzusetzen – „habe mir alles Mögliche überlegt, um da eine Ecke reinzukriegen!“ Auch „Heiligwerden“ erscheint als eine solche „Eckenbildung“ – beim Mittagessen erfindet er Extragebete für Vater und Mutter – „das hatte von den Großen noch keiner gemacht!“ Und auch sonst kann er sich mit Frommsein einen besonderen Ton geben. Aber zugleich wird spürbar, dass die „frommen Wünsche“ immer etwas geschwindelt waren und so das „Hau ab!“ eher noch bedrohlicher werden ließen – wenn der Schwindel nämlich aufflog! Was es mit dem Schwindel auf sich hat, bleibt aber zunächst noch unzugänglich.
In den nächsten Sitzungen erfährt das Bild vom „armen Kerl“, der überall weggeschickt wird, eine Wendung: Was jetzt an Bewegung aufkommt, scheint getragen von der geheimen Hoffnung, dass es auch andersherum geht, dass gerade im Abhauen das Leben erhalten wird. Beschreibungen des Alltags zeigen, wie er sich – „mit viel List und Tücke“ – Tag für Tag durch das Leben rettet – „wie ein Soldat in ständiger Vorsicht vor dem Feind!“ Werthmann ist über das, was ihm da in den Blick tritt, erstaunt – und zugleich ist es ihm vertraut: „das Leben als Schlachtfeld – ich glaube, das ist mein Lieblingsbild!“ Dazu fällt ihm das Soldatenbild ein, das früher in der Küche hing und das er sich als Kind so gerne ansah: „Sammlung nach dem Sturm“ – Abhauen als Möglichkeit, den Sturm zu überleben, nicht wie der große Bruder darin unterzugehen. Das hat auch etwas Komisches, reizt zum Lachen – „wie ich mich im Turnanzug den ganzen Tag durchs Leben schleiche!“ Das hat er schon als Kind auf dem Schulhof ausprobiert – „da waren Schlägereien an der Tagesordnung, habe mich da immer geschickt durchlaviert, um da nichts abzubekommen, hatte dann tatsächlich das Gefühl, mein Leben gerettet zu haben.“ Und auch bei den immer wieder anstehenden Behördengängen versteckt er sich am liebsten hinter seiner Frau. Seine Vorliebe für Ausflüge an Stätten seiner Vergangenheit fällt ihm ein, wie er durch das alte Heimatdorf schlendert, die alte Schule besucht, den Sportplatz, den Friedhof – „kenne fast alle, die da liegen“ – oder: Ostern hat er eine Tour zu den Schlachtfeldern gemacht, wo der Vater im ersten Weltkrieg gekämpft hat und der Bruder im zweiten Weltkrieg – das bekommt jetzt einen eigenen Sinn – „hier kann ich mir mein Überlebthaben richtig vor Augen führen!“.
Er kann sein Leben bis nach der Schlacht aufsparen, bis es nicht mehr gefährlich ist – „habe so ein Gefühl, als hätte ich mein eigenes Leben noch gar nicht angefangen, habe bis jetzt nur das Leben von anderen gelebt – vom toten Bruder, von den Heimkindern, von meiner Frau.“ Das wird zum einen als Schwindel erlebt – „irgendetwas stimmt da nicht dran“ – zum anderen aber auch als „Stein der Weisen“: „Solange ich mein eigenes Leben noch nicht angebrochen habe, kann es auch nicht verbraucht werden – da ist durchaus so eine Idee, ewig leben zu können, indem ich mein eigenes Leben spare.“ Werthmann ist erstaunt über diese „tolle Theorie“, die er sich insgeheim zurechtgebastelt hat. Von ihr aus versteht er auch sein Unbehagen, wenn seine Verwandten ihm sagen: Du hast dich aber verändert! Du bist ja doch noch erwachsen geworden! – „Daran merke ich dann, dass ich mein eigenes Leben schon angefangen habe!“ Und noch mehr kann hier verstanden werden: Sein ständiges Abhauen und Aufsparen entfernt ihn vom banalen Alltagsleben – „das ist oft so ein Gefühl, nicht mehr dran zu kommen an das, was die anderen betreiben – als würde ich irgendwie zusammenschrumpfen!“ Seltsame Erlebnisweisen werden beschrieben: Obwohl er inzwischen zu einem Riesen von fast zwei Metern ausgewachsen ist, lebt er mit einem Bild, das ihn immer noch als „kleinen Fuzzy“ zeigt. Manchmal merkt er das – dann ist er überrascht, wie groß er ist, und wie klein die sind, die er als viel größer erlebt hat.
Versteckspielen an meiner Haustüre – „schnell klingeln, ehe andere Leute kommen, die sollen nicht sehen, wo ich hingehe, die denken dann vielleicht, ich hätte eine Macke“ – das führt in den nächsten Sitzungen zu seinen Verstecken, die er sich überall einrichtet: Beim Einwohnermeldeamt versteckt er sich wie ein kleiner Junge hinter seiner Frau, als Kind versteckte er sich im Gebüsch, in der Behandlung versteckt er sich hinter „heute fällt mir nichts ein“. Im Versteck aber wird geträumt, wie schön es einmal werden könnte – „vielleicht werden wir einmal berühmt mit unserem Flüchtlingsprojekt, das habe ich tatsächlich zu meiner Frau gesagt!“ Oder auch: Ein interessanter Fall für die Psychologen werden und an unzählige Studentengenerationen weitergegeben werden – „wäre ja auch eine Form von ewigem Leben“. Wieder ist Werthmann verblüfft von dem, was es da zu sehen gibt – zugleich ist das aber etwas Vertrautes – „habe schon als Kind viel vor mich hingeträumt. Bei uns in der Küche stand so eine Chaiselongue, da habe ich oft drauf gelegen und genossen, wie die anderen um mich rum redeten; wenn das so dahin plätscherte, das war ein großer Genuss, da fühlte ich mich so aufgehoben und mitgetragen“ – das erscheint wie der Urtraum vom Glück! Aber mitten im Beschreiben des traumhaften Glücks dreht sich das Bild – „oft gab es furchtbaren Krach, dann wurde es ganz schlimm!“ Was eben noch paradiesisch plätscherte, erscheint jetzt als Pulverfass – „ein falsches Wort reichte, dass alles explodierte – dann raste der Vater mit dem Beil durch das Haus und drohte, alles zu zerschlagen!“ Ein anderes Mal war es der Bruder, der tobte und mit den Küchenmessern um sich schmiss. Aber am meisten hat es wohl getroffen, wenn die Mutter explodierte: Werthmann erinnert sich, wie er mal „was Freches“ zur Mutter gesagt hat und die sich furchtbar aufregte und ihn rausschmiss – „Kannst gleich deinen Koffer packen und gehen.“ „Ich muss damals so fünf Jahre gewesen sein, ich weiß, dass ich noch nicht zur Schule ging. Hab dann meinen Koffer gepackt, ganz langsam, gehofft, die sagt: du kannst bleiben. Hat sie aber nicht – dann stand ich tatsächlich mit meinem Koffer vor der Tür – wusste nicht, was jetzt werden sollte – bis meine Tante zufällig vorbeikam und mich rettete!“ In diesen Explosionen musste er als Kind immer wieder erfahren, wie sich sein kleines Paradies in ein Schlachtfeld verkehrt – wo er sich eben noch aufgehoben fühlte, muss er schon im nächsten Moment vor dem Zerstörtwerden fliehen. Zugleich haben diese Explosionen aber auch etwas Berechenbares – „sobald es brenzlig wurde, bin ich abgehauen und hab mich versteckt und gewartet, bis der Sturm vorbei war!“ Und als rechnete er immer noch mit diesen Explosionen, zieht er sich auch heute immer noch zurück, sobald es brenzlig wird – bei Familientreffen, in Diskussionen, auf Tagungen, in Auseinandersetzungen mit seiner Frau, beim Einkaufen, in der Behandlung – immer ist er „auf dem Sprung“. Und heute wie früher hat dieser Rückzug eigenartige Folgen – seine Zurückgebliebenheit als Kind rückt an dieser Stelle in den Blick – eine Folge des „Lebens im Versteck“? – „Ich war wohl etwas schwer von Begriff, konnte oft nicht richtig unterscheiden, wann es ernst war und wann Theater – so wie das mit dem Koffer – die hätten mich ja nicht im Ernst weggehen lassen. Ich glaub’, die haben sich da manchmal einen Spaß draus gemacht!“ Zurückgebliebenseinauch in anderen Bereichen – „ich war ganz lange nicht aufgeklärt, wusste mit neunzehn Jahren noch nicht, wo die Kinder rauskamen, dachte: am Bauchnabel. Das hab ich erst bei der Bundeswehr gelernt, was es damit auf sich hat!“ Ein Entwicklungsmaß macht sich hierin bemerkbar: Wenn man es schärfer sehen will, muss man das Versteck verlassen und näher rangehen ans Geschehen – beim Herausarbeiten dieses Maßes aber melden sich gleich wieder Erfahrungen, die das Rangehen als riskantes Unternehmen markieren: Werthmann erinnert sich, wie er sich mit dreizehn Jahren an ein Mädchen herangetraut hat – „Lieselotte Büscher – das war meine erste große Liebe, mit der hab ich mich öfters getroffen!“ Er erinnert sich, wie sie nackte Menschen in den Sand gemalt haben – „Das waren wohl Versuche, rauszubekommen, wie es ist – die kannte sich da auch nicht besser aus als ich, hat der Frau Haare auf die Brust gemalt!“ Aber dann wurden sie bei ihren Forschungsunternehmen von der Oma des Mädchens erwischt – „ich wurde schrecklich beschimpft von der Oma, und der Lieselotte wurde der Kontakt mit mir verboten – das ist kein Umgang für dich, hat die Oma gesagt. Und die hat mich danach auch nicht mehr angeguckt!“ Tödlich gekränkt über dieses erneute Weggeschicktwerden zieht er sich danach von den Kindern zurück – und sieht vom Gebüsch aus ihren Doktorspielen zu – „wenn die sich ihre Genitalien zeigten, bin ich dann rausgesprungen und habe gerufen: Was sind denn das für Sauereien!“
Das erscheint wieder als Umkehrung: Nicht mehr er ist der Verjagte, sondern jetzt kann er die anderen verjagen, indem er als empörter „Heiliger“ auftritt – allerdings wieder um den Preis des Zurückbleibens – „war ja wohl ein richtiger Spielverderber geworden!“ Diese „Zurückgebliebenheiten“ zu betrachten, fällt sehr schwer – „kann das kaum aushalten, mich so zu sehen – wie ich auch noch stolz darauf war, dass ich all das, was die anderen machten, nicht machte, wie heilig ich mir vorkam – ist mir richtig peinlich!“
Neben dem Lieblingsbild vom „Leben als Schlachtfeld“ deutet sich im Verlauf der ersten Sitzungen ein zweites Bild an. In diesem Nebenbild wirkt das, was im Hauptbild so eher festgelegt erscheint, viel spielerischer. Wird im Hauptbild das Zusammenschrumpfen zu einem Nichts als ständig drohendes Schicksal festgehalten und mit Überlebensstrategien zu behandeln gesucht – die dann wiederum eigentümliche Preisgaben von „altersgemäßen“ Entwicklungen zur Folge haben – so wird im Nebenbild gleichsam mit dem Übergang von Sein/Nichtsein gespielt: An den Bruchstellen entsteht Spielraum zum Rumprobieren und Experimentieren – es mal so und dann mal wieder ganz anders machen können. Das zeichnet sich vor allem in der eigentümlichen Berufslaufbahn von Heinz Werthmann ab: Erst studierte er, um Pfarrer zu werden – dann gab es auch hier einen Riss – und kurzentschlossen ging er zum Militär und wurde Berufsoffizier. Und als es da brach, ging er zur Fürsorgerschule und wurde Armenhelfer und schließlich Waisenhausleiter. Und jetzt, nachdem es da auch wieder einen Riss gegeben hat, überlegt Werthmann, ob er nicht „etwas ganz Einfaches“ werden soll – „vielleicht Briefträger?“ Hier zeichnet sich eine eigentümliche Beweglichkeit ab, die das Leben mal hier, mal dort einrichtet, je nachdem, wie es sich dreht. Das hat etwas von den Bewegungen eines Vogels, der sein Nest in diesem Jahr da und im nächsten Jahr woanders hinhaut. Frühformen dieses „Sich-mal-hier-mal-da-Einrichtens“ treten hervor: Werthmann erinnert sich an seine „Schnipselsammlung“, die er als Kind besaß, die er überall, wo es gerade passte, ausbreiten konnte und mit der er dann stundenlang spielte. Und ihm fällt auf, wie er, im Gegensatz zu seiner sonstigen auf schnellen Rückzug ausgerichteten Tendenz, diese Schnipselsammlung borstig gegen den Staubsauger der Schwester verteidigte – und wieder angedrohte Einsatz seines „Organs“ die Schwester Abstand halten ließ. Die Ausgestaltung seines Kinderheims erscheint jetzt wie eine Spätform seines Spiels mit der Schnipselsammlung: Werthmann beschreibt, wie er sich mit seinem Heim eine Welt eingerichtet hat, in der er all das nachholen kann, was er als „Kind im Versteck“ verpasst hat – „hab all die alten Spiele herausgekramt, die früher nicht geklappt haben – Hockey, Fußball, Rollschuhlaufen, Basketball.“ Jetzt ist er der Älteste, jetzt kann er es am besten, hat die Verfügung über die Dinge und die Bedingungen – „Fußball spiele ich nur mit Erwachsenen“ kann er jetzt zu den Kindern sagen wie früher der Vater zu ihm – und damit auch die alte Kränkung, für den Vater zu uninteressant zu sein, umdrehen. Mit seinem „Kinderprojekt“ hat er sich eine Familie gebaut, die er nach seinen Träumen gestalten kann – wie früher seine Schnipselsammlung! Und hier kommt jetzt auch die gleiche Borstigkeit zum Vorschein: Er verteidigt sein „Kinderparadies“ wie ein Löwe – bei der Stiftung, die das Projekt trägt, ist sein „Organ“ eine Drohung, die Abstand halten lässt vor der „Höhle des Löwen“. Aber es fällt ihm seltsam schwer, die Mächtigkeit seines „Organs“ auszuhalten. Anscheinend ist es viel einfacher und auch geläufiger, sich als „kleiner Kerl“ zu sehen. Seine Offizierszeit fällt ihm ein – „hier konnte ich mit einem Wort eine ganze Kompanie marschieren lassen!“ Ist er weggegangen, weil er diese Macht nicht aushalten konnte? Auch das ist etwas „so noch nie Gesehenes!“
Und noch ein weiterer Zug des Nebenbildes arbeitet sich heraus: Es kann experimentiert werden mit Einwirkungsmöglichkeiten – Werthmann fällt ein, wie er als Kind ständig damit beschäftigt war, etwas zu erfinden, mit dem er etwas Eigenes werden könnte – „habe mir Tricks ausgedacht, um meine Überlegenheit zu beweisen – hatte immer so ein Gefühl, dass ich den Großen überlegen wäre, konnte das aber nie an etwas Konkretem, das ich besser konnte, beweisen!“ Er machte seltsame Erfindungen – „habe als Kind meinen Käse versteckt – das gab mir ein gutes Gefühl, hatte damit, dass ich etwas hatte, von dem die anderen nichts wussten, etwas Eigenes.“ Eine ganze Reihe solcher „schrägen“ Erfindungen fallen ihm ein – auch die Extragebete erscheinen als Erfindung von „Eigenem“. Das passt zu dem Bild, das sich hier einstellt – „ich glaube, die anderen haben mich schon für etwas eigen betrachtet – einmal bin ich auf meinem Sofa eingeschlafen – hab von Bällen geträumt, die immer größer wurden – hab das erzählt – da hat der Vater zur Mutter gesagt: Du, jetzt spinnt der richtig, ich glaub, jetzt müssen wir mit ihm zum Arzt!“
Seine Versuche, es zu etwas „Eigenem“ zu bringen, lassen seinen Alltag noch genauer in den Blick treten – wie hat sein heutiger Tag ausgesehen? Die Beschreibung des Tageslaufes zeigt eine seltsame Mischung aus Betriebsamkeit und Leere – bis die Kinder morgens in ihren Schulen sind, herrscht Hochbetrieb – und wenn sie nachmittags zurückkommen, wird es auch wieder hektisch. Aber dazwischen macht sich Leere breit – es gibt nicht viel zu tun für ihn – die Frau und die Haushälterin besorgen das Haus, er erledigt die Verwaltungsarbeit, macht kleinere Reparaturen im Haus – „und liege viel auf dem Sofa – blättere in der Heimatzeitung, die habe ich abonniert, studiere die Todesanzeigen – wen ich überlebt habe – gucke aus dem Fenster, rede mit den Nachbarn – wie ein Rentner komme ich mir da manchmal vor. Als würde ich immer noch in der alten Küche sitzen und mir den Sturm vom Fenster aus ansehen!“ Dabei steht er ständig unter Druck, etwas „Eigenes“ zu verpassen. Tagträume vom abgeschiedenen Häuschen, in das er sich zurückzieht und Kinderbücher schreibt, erscheinen wie ein Bild für das, was ihn drängt: Etwas produzieren, was seine Handschrift trägt, das er mit seinem Namen unterschreibt, das offenlegt, wer er ist. „Man muss sagen, wer man ist“ – das tritt als ein eigenes Maß heraus, an dem er schuldig wird Tag für Tag, wenn er seine Zeit nicht „für sich“ ausnutzt, sondern rumhängt und wartet, dass an ihn herangetreten wird mit irgendeiner Bitte um Hilfe.Sagen, wer er ist – dann müsste er auch bei der gemeinsamen Urlaubsplanung sagen, dass er keine Lust hat, mit dem ganzen Heim seinen Urlaub zu verbringen – „dann stände ich ja als Spielverderber da!“ Er spielt den Gutmütigen, der alles mitmacht – um sich im letzten Moment doch noch abzuseilen – „die anderen haben das wohl inzwischen durchschaut, haben mich letztes Mal aufgefordert, gleich zu sagen, wenn ich nicht mit will, statt im letzten Moment allen den Spaß zu verderben!“ Seine Gedichte, die er zu Familienfeiern schreibt, kommen in den Blick – „die haben etwas Provozierendes – da sage ich dann oft was, was ich mir sonst verkneife – die machen es dann auch ein bisschen ungemütlich!“ Ist das sein „Eigenes“, was er nicht zeigen will – „dass ich ein Spielverderber bin?“ – oder wird gerade dadurch, dass er nicht sagt, wer er ist, das Spielverderben seine Eigenheit?
Seine Versuche, sich ein sicheres Versteck zum Überleben herzustellen, bekommen von der letzten Drehung aus noch einen anderen Sinn – jetzt sieht es so aus, als müsse da etwas versteckt werden, etwas, vor dem man sich in Acht nehmen muss. Vom Nebenbild, das mit dem „Sagen, wer man ist“ ein eigenes, wirksames Maß herausstellte, erfährt das Hauptbild jetzt eine weitere Drehung. Der Blick fällt zunächst auf ausgefeilte Prozeduren, sich „parat zu machen“, wenn er draußen etwas zu erledigen hat; wie er schon im Vorgriff das, was sich einstellen könnte, zu packen sucht, indem er sich sein Auftreten genau zurechtlegt – „damit es gut läuft“. Aber da gibt es immer wieder Situationen, wo das „Paratmachen“ nichts hilft und der „gute Anzug“ eher zum Problem wird – „bei irgendwelchen Feierlichkeiten, zum Beispiel bei der letzten Beerdigung einer alten Tante – das ist fast wie ein schlechtes Gewissen, als wäre ich nicht würdig, einen schwarzen Anzug zu tragen. Auch das Tragen der Offiziersuniform hat mir manchmal Probleme gemacht, vor allem, wenn ich mit den anderen Offizieren zusammen war – da kam ich mir auch irgendwie unwürdig vor.“ Als müsse gegen diese Ausbreitung von Unwürdigem gleich etwas gemacht werden, kommt er hier auf seine „guten Vorsätze“ zu sprechen – wie er nach Brasilien gehen will und dort ein Kinderheim gründen will – indem er das anfängt zu beschreiben, kommt ihm das wie ein „Größenwahn“ vor – „völlig unrealisierbar, nur zum Träumen“ – oder zum Verstecken? Das Bild vom „guten Kerl“ bekommt allmählich erste Risse, die dehnen sich weiter aus: Zuerst sind es nur kleine Alltagskräche zuhause, die zum Vorschein kommen – „als ich heute nach Hause kam, stand das ganze Haus Kopf – die Frauen hatten aus heiterem Himmel den großen Jahreshausputz angefangen. Ich konnte noch nicht mal in mein Zimmer – die Treppe war völlig verstopft mit Teppichen und Schubladen und Büchern!“ Nachbohren bringt zur Sprache, wie ihn solche „Überfälle“ völlig aus der Fassung bringen – „spüre eine unbändige Wut in mir hochkommen – könnte dann platzen vor Wut!“ Aber schon im nächsten Moment ist die Wut wie weggeblasen – im Nachgehen, wie es sich weiterentwickelte, findet man Stillgelegtes: „habe mir fluchend einen Weg durch das Getümmel gebahnt und mich in mein Bett verkrochen!“ Wütendseinerlebt der Fall als etwas ihm Fremdes – „das passt nicht zu mir!“ Zugleich kommt sein verstärktes Gespanntsein, dass etwas passiert, zur Sprache – „hab meinen Koffer schon gepackt, warte jetzt nur noch auf den Wind, der mich davonträgt“ – ist vielleicht die begrabene Wut der Wind, auf den er vergeblich wartet? Schon diese kleinen Risse im „guten Bild“ sind für Werthmann kaum aushaltbar – er springt auf – „die Stunde ist doch wohl um?“ – und demonstriert damit die bewegende Kraft seiner Wut. An vielen Stellen bricht jetzt das „gute Bild“ auf – Werthmann erinnert sich wieder, was er als Student mit den Kommilitoninnen angestellt hat, mit welchen „fiesen Tricks“ er sie verführt hat, wie er sich danach „verdünnisiert“ hat – „hab denen meine Hilfe angeboten und die dann damit erpresst – danach hab ich das oft gar nicht zu Ende gemacht!“ Sein „Verdünnisieren“ erscheint dabei auch als ein Weglaufen vor dem „Fiesen“ solch erpresster Liebesdienste – „hatte meistens was Verklemmtes, war nicht schön, kam mir selber wie ein Schwein vor!“ Das lässt die Frage aufkommen, ob sein derzeitiges Wegwollen aus dem „sozialen“ Beruf auch ein Weglaufen vor „Fiesem“ ist? Hier fängt sich das, was bis jetzt als „Kinderparadies“ dargestellt wurde, an zu drehen und lässt eine durchaus „fiese“ Seite hervortreten: Werthmann beschreibt, wie die Kinder aus den Gemeinschaften, die sich in den Flüchtlingsauffanglagern gebildet haben, rausgerissen werden und dann sein „Kinderparadies“ erst einmal lange Zeit als fremde Welt fürchten – „Oft fragen mich die Kinder am Anfang: Warum hast du mich von der Tante weggeholt? Warum konnte ich denn nicht bei der bleiben? Warum hast du das gemacht?“ Auch hier gibt es dann statt Auseinandersetzungen nur „Verdünnisieren“ – „Versuche, solchen Gesprächen möglichst aus dem Weg zu gehen!“„Fieses“ wird jetzt auch im alltäglichen Eheleben beschreibbar – „ist mir früher nie aufgefallen, dass meine Frau oft mit erhobener Hand vor mir steht – als wolle sie mir drohen!“ Aber ihm fällt auch auf, wie oft seine Frau weint. Die Geschichte ihrer Eheschließung rückt in den Blick – auch diese Frau hatte er zunächst mit seinen „Tricks“ ins Bett gelockt, aber als er sich diesmal „verdünnisieren“ wollte, hat die Frau ihn gepackt – „so, jetzt sind wir Mann und Frau, hat die gesagt – so war das gar nicht gemeint gewesen, aber irgendwie konnte ich mich dagegen nicht wehren!“ Ehe er sich versieht, ist er verheiratet. Das anschließende Eheleben setzt dieses Gerangel, wer wen packt, weiter fort: Er lässt sich immer wieder packen, um sich dann aber zu verdünnisieren – dann tobt die Frau rum, und er steht daneben als „der Ruhige“. Je mehr sich das Bild vom „guten Kerl“ dreht, umso verblüffter ist Werthmann über dieses Bild – „wie habe ich es bloß geschafft, das die ganze Zeit nicht zu sehen – bin mir ja immer wie ein halber Heiliger vorgekommen!“ Das sieht aus, als habe er einen dicken Panzer um sich gelegt, durch den all das „Fiese“ des Lebens nicht durchdringen kann – „und als habe ich mich immer nur von innen gesehen und diese andere Seite gar nicht als etwas von mir erlebt!“ Dennoch bleibt sie spürbar – „mein Bruder hat mal gesagt: Du warst doch früher rechtsradikal – da war ich ganz entsetzt, wie kommt der denn auf sowas?“ „Sowas“ wird jetzt verstehbar – und mehr noch: „Rechtsradikales“ erscheint wie ein Bild für die „fiesen“ Formen seiner Einwirkungsversuche – „heimlich Bomben in Papierkörbe schmeißen und dann weglaufen!“ Das sieht so aus, als würde gerade das Verstecken der Bestimmungsversuche diese „fiesen“ Formen entstehen lassen. Dagegen tauchen sehnsuchtsvoll anmutende Bilder vom „offenen Angriff“ auf – immer am Ball bleiben, an vorderster Front kämpfen, mitten drin im Gebrodel – aber das scheint begrenzt zu sein aufs Fußballspielen. Ansonsten hat er wohl seine Sehnsucht nach „offenen Angriffen“ versteckt – in seinen ständigen Erwartungen von Angriffen, Überfällen, Gepacktwerden? Werthmann fängt an, überall in seinem Alltag diese versteckten Wünsche zu beobachten, und zugleich sein Zurückschrecken davor, selber gepackt zu werden. Das Gepacktwerden aber erweist sich als ambivalente Angelegenheit: „manchmal packte mich mein Vater und nahm mich auf den Schoß – das war dann wie Weihnachten und Ostern zusammen – weil es so selten geschah – das war toll!“ Dieses „tolle“ Gepacktwerden kann aber schon im nächsten Moment verkehrt werden – „wenn der Vater tobte, musste man sich vor seinem Zugriff in Sicherheit bringen.“ Gepacktwerden erscheint als Sehnsucht und Bedrohung in einem, als Herbeigeführtes und im gleichen Moment Abgewehrtes. Das lässt sich jetzt überall beobachten – „biete mich als der geeignete Mann an, und wenn die dann nach mir greifen, ziehe ich mich schnell zurück.“ Dieses Doppelte tritt heraus als das, was es so „fies“ macht – Gepacktwerden ist Liebe und Zerstörung in einer Form! Das Verstecken von „Eigenem“ erscheint von hier aus wie ein Versuch, aus diesem Dilemma doch noch „heil“ rauszukommen.Dagegen zeichnet sich in der Behandlung allmählich ab, dass diese Verhinderungsversuche das Ganze umgekehrt noch zuspitzen.
In den herausgearbeiteten Zügen des Hauptbildes – Weggeschicktwerden als ewiges Schicksal / Weggehen als Rettung vor der Vernichtung / Warten im Versteck auf Wende / fiese Ambivalenzen von Liebe und Zerstörung im Gepacktwerden – tritt allmählich eine bedrückende Festgefügtheit des Lebens heraus: Alles, was an Wirklichkeitsbewegungen aufkommt, alle Begegnungen, Ereignisse, Situationen, Wendungen werden darin festgemacht und gipfeln dort in einem dramatischen Wechsel von Packen und Gepacktwerden. Dabei wird dieser Wechsel von der Ambivalenz des Gepacktwerdens bestimmt: Als „tollesGlück“ wird es gesucht und zugleich als „vernichtendes Tollwerden“ auszuklammern gesucht! Das erscheint jetzt als ein sehr starres Verwandlungsmuster, das alles und alle – die Frau, die Kinder, die Behandlung, Familienfeiern, Beerdigungen, Amtshandlungen, Hausputz und Sonntagsausflüge – eben den ganzen Alltag – in seine Dramatik reinzudrehen versucht, egal, welchen „Eigendreh“ das hat. Diese starre Ausrichtung der Verwandlung erscheint jetzt als eine ganz eigene Form der Gewalttätigkeit, dem der Alltag von Heinz Werthmann Tag für Tag unterliegt wie einem bösen Zwang. Das Heraustreten dieses Verwandlungszwanges löst große Betroffenheit aus; an dieser Stelle kann das Nebenbild wieder heraustreten – es lässt ein anderes Verwandlungsmaß sichtbar werden: Alles unterliegt dem Wechsel von Packen in Gepacktwerden – bei diesem Wechsel geht die Verfügung verloren: Was wir hatten, das hat uns, aus Macht wird Ohnmacht, aus Reichtum Armut, aus dem „guten Kerl“ ein „fieser Kerl“. Aber auch das dreht sich wieder, nichts bleibt „für sich“ bestehen, alles wird ständig von anderem wieder aufgegriffen und verwandelt. Wer mitmachen will in dieser Welt, muss „vorbehaltlos“ dabei sein, sich mit „Haut und Haaren“ einlassen und den Wechsel riskieren. Versuche, den Wechsel stillzulegen, um „ungeschoren“ dabei wegzukommen, können keineswegs das „Gute“ für ewige Zeiten festhalten, sondern führen ins „Aus“. Auch dem „Fieswerden“ kann man manchmal nicht entgehen – aber auch da geht es wieder raus, es bleibt genauso wenig für ewige Zeiten „fies“.
Je weiter die Behandlung fortschreitet, umso komplizierter werden die Verhältnisse: Da gibt es ein Hauptbild, das in seinem „viereckigen“ Gefüge den Wechsel der Wirklichkeit einzugrenzen sucht; demgegenüber hat sich ein Nebenbild abgezeichnet, das den Festlegungen die Bewegbarkeiten dieses Wechsels entgegenhält. Weiter wurde deutlich, wie eine erfahrene extreme Verkehrbarkeit von Bindung in Zerstörung als dramatische Vorgabe für diesen Wechsel festgehalten wird und alle Aktivität darauf gerichtet ist, diese Verkehrung auszuschalten. Das wiederum bringt folgenschwere Preisgaben mit sich: Entwicklungen können nie so weit zugelassen werden, dass sie ihren eigenen „Dreh“ finden, sondern werden in einem ständigen Kippen von Angezogen- und Abgeschrecktwerden gehalten. Es sind komplizierte Verhältnisse, die sich im Verlauf der Behandlung als Konstruktion dieser Bilderwelt herausgearbeitet haben – so kompliziert, dass es schwierig geworden ist, das so noch weiter zu bewegen – sowohl in der Behandlung als auch im Alltagsleben des Falles: Der Wunsch nach Vereinfachung des Komplizierten, der den Fall in die Behandlung führte, taucht an dieser Stelle auch in der Behandlung auf – und vielleicht hat ja auch der Leser diesen Wunsch verspürt. Wir stoßen hier auf ein besonderes Kennzeichen psychologischer Behandlung: Es wird immer das aufgegriffen und bewegt, was beim Fall „der Fall“ ist – aber im Unterschied zum Alltag wird es hier als „Fall“ extra herausgestellt und beschaubar gemacht. Das impliziert, dass die Alltagsprobleme in entsprechender Abwandlung sich auch in der Behandlung bemerkbar machen müssen! Und was wir bei diesem Fall beobachten können, haben wir bisher bei allen von uns behandelten „Fällen“ beobachtet: Es ist kein „Mangel“, der im Alltagsleben zum Problem wird, sondern eher ein „Zuviel“: Die Konstruierbarkeit und Kombinierbarkeit unserer Lebensbilder hat eben nicht nur Reichtum an Entwicklungsmöglichkeiten zur Folge; vielmehr kann es sich so verkomplizieren, dass es „einfach“ nicht mehr lebbar ist. Dann wird heutzutage häufig eine psychologische Behandlung aufgesucht, um es wieder „einfacher“ lebbar zu machen. In jeder psychologischen Behandlung, die bis an diesen Entwicklungspunkt vorgedrungen ist, stellt sich die Frage: Wie kann man diese hochkomplizierte Konstruktion, die sich im Verlauf der Behandlung herausgedreht hat, so vereinfachen, dass sie „auf einen Blick“ erfasst werden kann? Die Intensivberatung hat in den Märchen solche vereinfachenden Figuren gefunden; unsere komplizierten Lebensverhältnisse sind in den Märchen so kunstvoll verdichtet, dass sie tatsächlich „auf einen Blick“ gezeigt werden können. Ihre surreal anmutenden Darstellungen hängen mit diesen komplexen Ganzheiten, die im Märchen zur Anschauung gebracht werden, zusammen: Wenn Vorder- und Hintergründiges, Verwandtes und Entgegenwirkendes, Vorformen und Spätformen mit allen Spannungen, Explosivitäten, Entwicklungsformen und Variierbarkeiten zu einem einzigen Märchenbild verdichtet sind, dann wird das so surreal wie unsere Träume, die uns auch immer wieder das Ganze auf einen Blick in ihren Bildern herausrücken.
Das kann hier nur angedeutet werden: Konsequentes Bildhaftmachen aller Spannungen, Bewegungen, Verhältnisse ist ein Moment dieser Entwicklung, Verdichten der vielfältigen Ausformungen zu einer zentralen Grundfigur ist ein weiteres Moment. Weiter kommt es zu einem eigentümlichen Übereinanderlegen von Lebensbildern und Märchenbildern – man löst hier quasi ein Bildrätsel, indem man anfängt, es mit einem anderen Bildrätsel auszutauschen. Das entspricht dem Prinzip der Traumbildung: Etwas in anderen Bildern in seiner Bildhaftigkeit zum Ausdruck bringen.
Sehen wir uns das im vorliegenden Fall an – zunächst hebe ich an dem, was wir haben, das „Bildhafte“ noch einmal heraus:
Es gibt eine ganze Reihe von Teufelsmärchen – eine Sorte führt dieses „mit Haut und Haar verschreiben“ so aus, dass der „gute Mensch“ verdreckt wird – indem er eine schmutzige Bärenhaut vom Teufel übergezogen bekommt. Oder es wird ihm verboten, sich zu waschen, zu kämmen, zu schnäuzen, sich die Haare zu schneiden und das „Wasser aus den Augen“ zu trocknen – damit wird der Verschriebene allmählich zum „fiesen Ungeheuer“. Hier kann man jetzt noch ein weiteres Moment in der Märchenfindung abheben – die verdichtete Figur fängt an, sich in irgendeine „Geste“ des Märchens hineinzustülpen und damit zu verschmelzen – in diesem Fall war es das „Packen und Gepacktwerden“, das sich in das Märchen „Des Teufels rußiger Bruder“ stülpte, und zwar in den Spruch des Soldaten, als er den Deckel hochhebt und seinen General im Suppentopf findet: „Vogel, treff ich dich hier – du hast mich gehabt, jetzt hab ich dich!“ Das schließt sich in diesem Bild richtig zusammen, und damit ist die Märchenwahl entschieden.
Das Märchen erzählt, wie ein abgedankter Soldat sich dem Teufel auf sieben Jahre Dienst in der Hölle verschreibt – in dieser Zeit darf er sich nicht waschen, kämmen, nicht Nägel noch Haare schneiden, sich nicht schnäuzen und nicht das Wasser aus den Augen wischen. Dafür soll er danach Geld für sein Lebtag genug haben. Außerdem ist ihm bei strengster Strafe verboten, in die Kessel mit den Höllenbraten zu sehen. Zunächst hält sich der Soldat an das Verbot, aber dann hebt er doch den Deckel hoch. Im ersten Kessel sitzt sein ehemaliger Unteroffizier, im zweiten sein alter Fähnrich und im dritten Kessel schließlich der alte General. Jedes Mal begrüßt er sie mit dem gleichen Spruch: „Aha, Vogel, treff ich dich hier? Du hast mich gehabt, jetzt habich dich!“ Und jedes Mal schürt er das Feuer heftiger an. Nach sieben Jahren entlässt ihn der Teufel; er hat seinen Ungehorsam zwar bemerkt, aber weil er das Feuer nicht gelöscht, sondern sogar noch einen Scheit zugelegt hat, sieht der Teufel es ihm nach und belohnt ihn mit einem Tornister voll Kehricht, der sich draußen vor der Hölle in Gold verwandelt. Er schickt ihn so auf den Weg, wie er in der Hölle geworden ist: ungewaschen und ungekämmt, mit langen Haaren an Kopf und Bart, mit ungeschnittenen Nägeln und trüben Augen. Und wenn man ihn nach seinem Namen fragt, soll er antworten: „Des Teufels rußiger Bruder und mein König auch!“ In einer Herberge will der Wirt ihn nicht reinlassen, aber das Gold öffnet ihm die Türe zur besten Stube. Das Gold sticht dem Wirt so in die Augen, dass er es stiehlt. Der Soldat kehrt zum Teufel zurück und klagt ihm seine Not. Der Teufel säubert ihn diesmal, füllt ihm noch einmal den Tornister mit Höllendreck. Er soll vom räuberischen Wirt das Gold zurückverlangen – „sonst kommst du in die Hölle an meinen Platz und sollst aussehen greulich wie ich!“ Der Wirt gibt ihm sein Gold zurück und noch mehr dazu – „und Hans war ein reicher Mann!“ Er kauft sich aber einen schlechten Kittel und zieht musikmachend durchs Land – das hatte er beim Teufel in der Hölle gelernt, heißt es dazu. Ein König ist davon so angetan, dass er ihm seine älteste Tochter zur Frau geben will. Die will aber lieber ins Wasser gehen, als so einen „gemeinen Kerl“ zu heiraten. Daraufhin heiratet ihn die jüngste Tochter und der Soldat wird König.
Ein günstiger Augenblick, um das Märchen einzubringen, ergibt sich, als es wieder darum geht, dass nichts als „die gute Haut“ gerettet wurde, das aber zu wenig ist. Muss man die „gute Haut“ riskieren, wenn es sich weiterentwickeln soll? Das Märchen wird vorgelesen, es löst Verblüffung aus – „der Soldat macht ja genau das, was ich nicht kann: Er verschreibt sich mit Haut und Haar – und: Er macht den Deckel auf, das hätte ich mich nicht getraut!“ Dann tritt Ähnliches in den Blick: „Ich führe ja auch im Moment eine Art Teufelsküche; denke manchmal: wenn das vorbei ist und ich halte durch und komme dann damit raus, könnte da noch Gold draus werden.“ Dabei treten wieder Unterschiede heraus: „Statt noch einen Scheit draufzulegen und das Feuer anzuschüren, versuche ich im Moment abzuhauen. Am Anfang war das anders, da war ich kämpferischer, da habe ich es auch geschürt – aber das hat ganz nachgelassen!“ Was ihm am besten gefällt an diesem Märchen: „Diese Umkehrung – Vogel, treffich dich hier – sowas gefällt mir auch, wenn das gelingt!“ Dann treten die Bedingungen heraus, damit der Wechsel von Dreck in Gold gelingt: Man muss sich furchtlos dem Wechsel anheimgeben – dem Teufel furchtlos in die Hölle folgen, furchtlos seiner Arbeit nachgehen und furchtlos als „Teufelsbruder“ in die Welt ziehen – dann kann man sein Gold gewinnen. Hier fällt der seltsame Doppelname auf – das klingt wie eine Anleitung: König kann nur werden, wer ertragen kann, als Teufelsbruder dazustehen – das versteht der Fall sofort: „solange ich mich immer nur verstecke, um nicht fies dazustehen, kann ich auch nicht mein eigener Herr werden!“ Gleichsam ermutigt durch das Märchen, fängt er vorsichtig an, einen anderen Umgang zu erproben: Statt sich wie bisher zu „verdünnisieren“, wenn es brenzlig wird, bleibt er jetzt stehen und lässt es zu Auseinandersetzungen kommen – sowohl im Heim als auch in der Familie. Dabei geht es „handfest zur Sache“. Statt dass dabei aber alles auseinanderplatzt, wie er immer befürchtet hat – „habe immer so ein Bild gehabt, dass meine Worte Bomben sein können“ – ist die Stimmung nach dem Krach gelöst – „ganz anders, als wenn das unter den Teppich gekehrt wird und da wochenlang weiterschwelt – am nächsten Morgen war eine ganz lockere Stimmung bei uns.“ Dabei musste er allerdings aushalten, für eine gewisse Zeit als „Teufel“ dazustehen, zu dem Frau und Kinder „fies“ waren. Gegen dieses Riskieren, in der offenen Auseinandersetzung zum „Teufel“ zu werden und als „Teufel“ behandelt zu werden, tritt das Verhalten des „räuberischen Wirtes“: Einer, der abwartet, dass angeklopft wird und ihm etwas gebracht wird, der neidisch das Gold der anderen raubt, es aber nicht halten kann, weil er Angst hat, ein „Teufelsbruder“ zu werden. Das erscheint dem Fall wie ein zugespitztes Bild für sein Dilemma: „Wenn man mit aller Gewalt seine gute Haut retten will, wird man zum Räuber im Versteck.“ Hier kommt ein weiteres Moment des Märchens zur Sprache und enthüllt sein Rätsel – Werthmann beschreibt, wie er bei den Auseinandersetzungen, die er in letzter Zeit eingegangen ist, ein Gefühl von „da ist Musik drin“ hatte – als wäre da ein ganz neuer Ton ans Klingen gekommen. „Musikmachen“ erscheint als ein eigenes Bild – nämlich für das Maß, das Entwicklung in sich selber trägt, und die Entfaltung dieses Maßes wird in diesem Bild als eine eigene Kunst dargestellt, die es zu lernen gilt – dann kann man sich in der Welt bewegen, sagt das Märchen. Aber warum lernt man diese Kunst ausgerechnet beim Teufel?
Der Austausch der Fallentwicklung mit dem Märchen vom Teufelsbruder führt zu einer spürbaren Veränderung: War die Behandlung bis dahin vor allem durch die Zähigkeit des Hauptbildes bestimmt, das alle aufkommenden Entwicklungen im eintönigen Wechsel von „guter Kerl“ / „fieser Kerl“ festzuhalten suchte, so kann im weiteren Behandlungsverlauf das Nebenbild seine Bewegungsmöglichkeiten entfalten. Es kommt zu Umwertungen festgehaltener Bedeutungen, bisher eingehaltene Richtungen werden bis ins Gegenteil umgedreht, es wird experimentiert mit anderen Gestaltungsmöglichkeiten. In diesen Bewegungen kann sich die ganze Reihe des Verwandlungsspektrums enthüllen, die im Hauptbild eingeengt ist auf das Bild vom „guten Menschen“, der sich ständig gegen sein „Fieswerden“ behaupten muss. Die Analogie zur Teufelsbehandlung fällt auf: Erst muss das „Fiese“ auswachsen und zum Vorschein kommen – das braucht seine Zeit! – um dann davon befreit zu werden. Erst über diese „Teufelsbehandlung“ kann die ganze Verwandlungsreihe fortgesetzt werden: Soldat – Teufelsbruder – Musikant – Bräutigam – König – das ist die ganze Reihe! Diese Entfaltungen wirken wie ein „Mutigwerden“ – Werthmann traut sich jetzt Enthüllungen zu, die bis dahin versteckt gehalten wurden. So enthüllt sich am Bild des „Generals im Suppentopf“, das dem Fall so besonders gut gefällt, der ungeheure Kitzel, der in dieser Wendung von Packen und Gepacktwerden steckt – wie diese „kitzelige“ Wendung überall im Alltagsleben aufgesucht wird, und wie zugleich ein „vererbtes“ Repertoire an Methoden eingesetzt wird, um diese Wende in den Griff zu kriegen, sie zugleich geschehen und ungeschehen zu machen. Das erscheint wie ein altes Familienspiel – „die Männer hatten alle sowas Draufgängerisches – aber im letzten Moment wurde dann der Schwanz eingezogen. So raste der Vater zwar ab und zu mit dem Beil durch die Gegend und drohte alles und alle zu zerschlagen, oder der Bruder, der tobte auch schon mal rum – aber herrschen taten bei uns eigentlich die Weiber – meine Mutter und die sieben Schwestern.“ Werthmann beschreibt, wie er als „kleinster Mann“ dazwischenhing und mitzumischen versuchte in der „Weiberwirtschaft“, mit seinen seltsamen Erfindungen sich einen Platz zu erobern versuchte. Und auch in den Auseinandersetzungen, die er in letzter Zeit eingegangen ist, geht es wieder darum, sich gegen die „Macht der Weiber“ in Heim und Familie zu behaupten, sich da seinen Platz nicht wegnehmen zu lassen. Das erscheint jetzt wie ein „ewiges in der Hölle bleiben“ – „wie komme ich da bloß mal raus?“ Diese Frage wird immer drängender – kann man es vielleicht wie im Märchen machen, kann aus Dreck denn Gold werden? Werthmann fängt an, mit Umkehrbarkeiten zu experimentieren – „was ich ja anscheinend kann, ist in Höllenhaushalten mitmischen – aber was kann man mit diesem Können werden?“ Stellenangebote werden durchgegangen – Leiter der Adoptionsvermittlungsstelle könnte er werden – das hatte er zunächst mit „das kann ich nicht“ abgetan. Könnte er hier nicht zum „Oberteufel“ werden – „welcher Teufelsbraten für welchen Topf?“ Werthmann ist zunächst entsetzt von der „Drastik“ dieser Übersetzung, setzt das Edle dieses Tuns dagegen, merkt dann aber selber: „das ist alles nicht so edel, wie immer getan wird, hat tatsächlich schon eher was mit Höllengeschäften zu tun.“ Die Frau vom Jugendamt fällt ihm ein – „die macht auch nicht so ein edles Gedöns um ihre Arbeit – die ist auch rothaarig – eine attraktive Teufelin!“ Diese Umwertungen aber haben es „in sich“: Die Frage nach dem Maß des Ganzen stellt sich ein – von wo leitet sich denn eine Moral ab, wenn nicht von der „edlen Caritas“? Gibt es dann überhaupt keine Moral? Was dann? Bricht dann alles völlig chaotisch zusammen? Man kann das „Weltbild“ richtig krachen hören – das ist ungeheuer beunruhigend und führt zur hektischen Suche nach Haltepunkten: Werthmann reist in die alte Heimat, besucht seine Geschwister, geht zu Andachten in die Kirche, ohne da einen Halt zu finden – „fühle mich da heute nicht anders als früher, als ich da weggegangen bin, weil mich da nichts mehr gehalten hat.“ Hier rückt wieder das Märchen in den Blick und wird zum neuen Haltepunkt: Schritt für Schritt kann an seinen Bildern ein neues Maß herausgearbeitet werden: Die Wirklichkeit wird nicht dadurch zusammengehalten, dass das Gute das Böse besiegt. Vielmehr weist das Märchen auf die beweglichen Verhältnisse hin, die sich diese Wirklichkeit selberausbildet: Soldat – Teufel – Ungetüm – Musikant – König – Prinzessin – Wirt – das ist ein ganzes Spektrum an Tönen, in denen sich die Wirklichkeit ausgestaltet und zwischen denen sie sich halten kann! Und hier gibt es auch ein Maß – das fordert auf, sich auf die ganze Reihe einzulassen, statt sich wie der ängstliche Wirt abzugrenzen von dem „Bösen“ und dabei zugleich zum „Räuber“ zu werden an dem, was sich zu verwandeln sucht. Dabei erscheint das Spektrum selber als haltgebende Garantie, dass man nicht steckenbleiben muss in einer „Figur“ dieser Verwandlungsreihe. Vielmehr scheint es herauszustellen: Wenn man zupackt, dann kann man auch selber gepackt werden – das ist so! Manchmal hilft dann nur noch umdrehen ins Gegenteil – das kann auch in die Hölle führen – das ist so! Aber: Auch das kann wieder umgedreht werden, dann kann aus dem Teufelsbruder ein Musikant werden – oder ein König. Nur eins geht nicht: Man kann nicht „ungeschoren“ bleiben in dieser Welt – das „Ungeschoren-davon-kommen-Wollen“ erscheint hier gleichsam wie die „Ursünde“ wider den Geist der Verwandlung.
Als habe das Herausarbeiten des Maßes das Ganze stabilisiert, kann das Enthüllen danach verstärkt fortgesetzt werden – nach anfänglichem Zögern, ob es damit jetzt nicht „genug“ sei. „Möchte mal wissen, warum ich so oft rot werde, wenn ich Frauen begegne.“ Der Kett wird umgedreht und dabei enthüllt sich eine ganze Palette an unterdrückten Lustbarkeiten: Die hübschen Frauen gestern im Wartezimmer des Kinderarztes, die er so gerne „näher“ betrachtet hätte – aber bei diesem Gedanken geniert er sich und wird rot. Oder: „Lolita von nebenan“, die sich beim Fußballspielen immer so verführerisch an ihn drückt – „das lässt mich auch nicht kalt“. Derartige Regungen aber als „fies“ erleben – „schäme ich mich wegen“. Werthmann erinnert sich, wie er als Junge mit den Mädchen im Schwimmbad rumgehüpft ist – „und dann kam mein Freund dazu und hat noch ganz andere Sachen mit denen gemacht als hüpfen und springen – da hab ich mich geniert – das hat der Freund gemerkt – guckt mal, hat der zu den anderen gesagt, der schämt sich deswegen – alle haben gelacht – ich hab mich furchtbar geschämt, wäre am liebsten in den Erdboden versunken – dabei hätte ich doch eigentlich auch gerne mitgemacht!“ Noch immer geniert er sich für das, was er gerne machen würde – das enthüllt sich als seltsam harmlos: Den „netten Mädchen“ einen „kessen Spruch“ zuwerfen oder hinterherpfeifen – wie einer in den Flegeljahren. Indem er sich das so verklemmt, hält er es zugleich an dieser Stelle ständig am Kochen und wird bei jedem Mädchen so rot wie ein Fünfzehnjähriger. Gefürchtete Schlimmheiten enthüllen sich unter dem Blick der Behandlung als pubertäre Phantasiegebilde – nicht schlimm, aber verklemmt und zurückgeblieben, Unausgegorenes. Diese Enthüllungen werden als „befreiend“ erlebt. Die Befreiung aber löst ambivalente Regungen aus – einerseits ist Werthmann froh darüber, dass es raus ist – „seit Jahren habe ich nicht mehr so offen darüber geredet“ – andererseits geniert er sich, mit einer Frau „über sowas“ gesprochen zu haben. Was so ambivalent ist: Dass das genauso verhandelt wurde wie alles andere auch, dass da ganz offen drüber gesprochen wurde und das gedreht und gewendet wurde, „nichts sei da gar nichts dabei – gar nichts Unfeines!“
Die Doppelbödigkeit dieser „Befreiung“ wird deutlich: Das Enthüllen banaler „Männerlüste“ erlöst zwar vom Ruch verborgener Verworfenheiten, zerstört aber zugleich auch das Edle asketischer Enthaltsamkeit, indem das jetzt als banale Verklemmtheiterscheint. Auch sein asketischer Umgang mit Essen enthüllt sich als verklemmte „Schmeckleckerei“ – „hab das wohl auf Puddingteilchen verschoben, die gönne ich mir überall, an jeder Bäckerei, wo ich dran vorbeikomme, muss ich die probieren, die kenne ich in tausend Variationen!“ Und auch im Kleiderschrank hängt nicht nur der „graue Kittel“ – zu jeder Sitzung hat er über ein halbes Jahr lang dasselbe an – auch hier Verklemmtes: „Ziehe mich eigentlich gerne gut an, aber irgendwie traue ich mich das nicht oft!“ „Asketisches“ erscheint jetzt als Verklemmen von dem, was gut gefällt – als würde es hier besonders verderblich! Die „Männerschicksale“ in seiner Familie rücken wieder in den Blick – der zweitälteste Bruder, den hat er als Kind als „Bild von einem Mann“ bewundert – „ein Draufgänger – lässig, mit vielen Freundinnen, hatte immer Klimpergeld in der Tasche – jetzt hängt er in den Fängen seiner Frau und hat mit seinem Geschäft Pleite gemacht!“
Die eigene Soldateska kommt zur Sprache und unterstreicht das Verderbliche, in das „Männer“ schnell reingeraten: „Abends wurde gesoffen – dabei ging es wild zu – da wurde oft richtig rumgetobt – ging auch einiges dabei zu Bruch – einen Abend ist das so eskaliert, dass wir total durchgedreht sind und die Möbel zum Fenster rausgeschmissen haben.“ Erst der Blick in die gezückten Gewehrläufe der herbeieilenden Wachen ernüchtert – „das war hart – damals hab ich den Entschluss gefasst, selberOffizier zu werden, damit mich nie mehr ein anderer Mann so bedrohen kann!“ Er wird Offizier – aber diese „einfache“ Umdrehung ist gar nicht einfach lebbar für ihn: Jetzt ist er zwar „König“ der Soldaten, aber damit zugleich auch ihr „Teufel“ – „das hat mich erschreckt, konnte ich nicht gut aushalten, obwohl mir das auch gefallen hat, wie die auf mein Kommando losmarschierten!“ Musste er sich hier auch wieder das, was ihm gefallen hat, verklemmen? Werthmann fällt wieder der älteste Bruder ein – „der letzte Brief – da hat er von den Nahkämpfen berichtet, dass er dafür ausgezeichnet worden ist – wie der darüber schrieb, da konnte man spüren: das hat ihm gefallen. Kurz darauf muss er dann dabei gefallen sein!“ Dann wieder Rumprobieren – was soll er demnächst machen, wenn das Flüchtlingsprojekt ausgelaufen ist? Was würde ihm gefallen? Wo kann er seine „sieben Jahre Dienst in der Hölle“ zu Gold werden lassen? In einem städtischen Kinderheim wird ihm eine Stelle als Heimleiter angeboten – schnell weg damit – „das kann ich nicht!“ Dann: Das würde ihm auch gefallen – aber ist das nicht wieder zu gefährlich? Wird da nicht zu viel von mir gefordert? Und wenn ich es doch nicht kann?“ Dagegen rücken die neuen Erfahrungen, die er in den „Nahkämpfen“ mit den Jugendlichen in seinem Heim gemacht hat – „so ein Kräftemessen, das brauchen die, und ich auch, habe ich mich aber früher nie drauf eingelassen, aus lauter Angst, dass dann alles explodieren würde!“ Während das noch den neuen Erfahrungen nachhängt – „das hat was von Kampfmusik“ – schieben sich wie zufällig einige Mädchen seines Heims in den Blick und bringen das „Flotte“ wieder zum Kippen – „die weinen“. Und hier fängt jetzt der versteckteste Ton des Spektrums zu klingen an – „wir sind eigentlich ein Trauerhaus, jeder von den Kindern hat ein trauriges Schicksal, aber jeder weint für sich allein, wenn es keiner sieht; die Tränen sind nichts Gemeinsames, die werden versteckt.“Dabei enthüllt dieser am besten versteckte Klang zugleich auch die höchste Zuspitzung der festgehaltenen Verkehrbarkeit: Von der „Trauer gepackt und völlig aufgelöst werden“ ist höchste Bedrohung und höchste Verlockung zugleich! Werthmann sieht plötzlich, wie sein Alltag mit Ritualen wie verklammert ist – sie dienen zum einen dem Vorbeugen des Gepacktwerdens von Traurigem, zum anderen ermöglichen sie zugleich ein Schwelgen darin „im Versteck“ – „gestern bekam die Chou einen Brief von ihrer Tante, da hat sie sehr geweint – da hab ich mich schnell in mein Zimmer verzogen. Das ist bei uns ein Abkommen: Wenn einer weint, dann ist es das Beste, den in Ruhe zu lassen.“ In seinem Zimmer hat er dann eine traurige Musik laufen lassen – „mache dann auch manchmal Gedichte – mache überhaupt nur traurige Gedichte.“
Das Deutlichwerden dieses Kitzels von „Traurigem“ löst die allergrößte Betroffenheit aus – noch einmal, und noch vehementer, springt Werthmann von der Couch auf und will weg. Zugleich ist jedes Aufspringen wie ein schmerzhaftes Aufspringen seines Panzers – ein verstärktes Berührtwerden von dem, was um ihn herum passiert, geht mit diesem Aufspringen einher; er fängt an zu probieren, ob er mit dem Traurigen nicht auch anders umgehen kann und ist überrascht, dass es nicht noch schlimmer wird, wenn man das Traurige anfasst und bewegt. Sein Weglaufen vor dem Gepacktwerden erscheint ihm am Ende der Behandlung wie ein lebendiges Einmauern – „von den Tönen, die mich umgeben, nicht angerührt werden, keine Trauer, keine Wut, keine Erotik, keinen Ekel, keinen Appetit aufkommen lassen.“
Erst hier kann Werthmann die Leere verstehen, die er zu Anfang der Behandlung so beklagt hat – und auch die fehlende Perspektive: Es ist nicht die fehlende „Berufsperspektive“, die sein Leben so leer gemacht hat, vielmehr raubt der Panzer, den er in seinem Beruf „professionalisiert“ hat, jeder anlaufenden Entwicklung die Perspektive und lässt sie ins Leere laufen.Dagegen das erste Bild des Märchens: Der Soldat hat seinen Abschied erhalten und alle können seinen „Trübsinn“ sehen – und da kommt der Teufel und gibt seinem Leben wieder eine Perspektive! Werthmann beschreibt, wie es ihn gepackt hat, sich die ganzen Töne um die Ohren pfeifen zu lassen – genauer hinzuhören und hinzusehen als bisher und wie er angefangen hat, zuzupacken, wenn es ihn drängt. Noch einmal rückt das Märchenbild vom Musikmachen heraus: Nur mit verschiedenen Tönen kann man Musik machen, und im Musikmachen wird die Entwicklung von Verschiedenheit zu einer eigenen Lustbarkeit. Im Bild vom „Musikmachen“ hat am Ende der Behandlung die Vielfalt der Verwandlungsmöglichkeiten in dieser Welt eine eigene, verlockende Figur gefunden. Aber auch die Schutzbedürftigkeit des Lebens in dieser „wechselhaften“ Welt greift nach dem Märchen und kann es als Halt benutzen – „als Kind hatte ich immer ein Bild von meinem Schutzengel, das half mir, wenn ich nicht mehr weiterwusste – ein bisschen ist das jetzt das Märchen geworden: Es kann das, was früher oft so beziehungslos nebeneinander stand – Traurigsein, Bösesein, Angreifenwollen, Unterkriechenwollen, Zurückschrecken, Großrauskommenwollen – miteinander verbinden, vernetzen, und in diesem Netz kann ich mich dann orientieren!“
Die Psychologie deckt ein „tolles Ding“ auf: Unsere banale Alltagswelt entdeckt sich unter ihrer Behandlung als eine phantastische Bilderwelt – wir leben in dramatischen Bildern – diese Bilder „bedeuten“ unser Leben. Nicht „Vernunft“, „Machtstreben“, „Liebe“ regieren unsere Lebenswelt, sondern die „Psychologik“ der gelebten Bilder. Von ihnen aus bestimmt sich, was vernünftig ist – in einem Leben, das als „Pulverfass“ gehandhabt wird, ist anderes vernünftig als in einem Leben, das sich im „freien Vogelflug“ einzurichten sucht. Gleichwohl zerfällt die Wirklichkeit nicht in eine Unzahl an Einzelbildern, die jedes Leben hermetisch abschließen – vielmehr haben wir ja am untersuchten Fall gesehen, dass die Bilder durchlässig sind, dass sie miteinander in Verbindung stehen, sich als Haupt- und Nebenbild organisieren. Es herrschen Konkurrenzverhältnisse – welche Bildlogik kann sich durchsetzen, welche Normen bestimmen die Formen des Alltags, welche Wendungen gelten und welche gelten nicht? Aber die Bilder ergänzen sich auch: Wird das Leben in einem Bild zu fest – wenn es so explosiv wird, dass sich nichts mehr rühren darf – dann kann umgeschaltet werden auf „Vogelflug“. Die verschiedenen Bilder unterhalten Verbindungen miteinander, es gibt ein reges Hin und Her zwischen ihnen, es gibt deutlich erkennbare Übergänge, an denen das Geschehen vom Hauptbild ins Nebenbild wechselt und umgekehrt. Wir finden feste Gestalten, und zugleich erweisen sich diese festen Gestalten als ständig im Übergang zu anderen Gestalten begriffen – als „Gestalten in Verwandlung“. Das „Tollste“ an diesem „tollen Leben“: Solange diese Übergänge einigermaßen beweglich sind, läuft es ganz selbsttätig ab, ohne unsere „bewusste“ Aufmerksamkeit und unser „bewusstes“ Eingreifen – unsere Bilderwelt lebt sich selber und versteht sich selberjenseits eines „bewussten“ Wissens um das, was da geschieht. Mehr noch: in den psychologischen Untersuchungen von Fällen, aber auch von alltäglichen Handlungen wie Essen, Putzen, Tanzen wird immer wieder sichtbar, dass wir eigentümlich „blind“ sind für die Bilder, die wir leben, und oft gewinnt man den Eindruck, als seien hier „unheimliche“ Verstellungskünste am Werk, um uns „blind“ zu halten. „Das habe ich noch nie gesehen, aber ich mache es ständig!“ – dieses Erstaunen über unbemerkt Alltägliches ist typisch für den, der sich einer „psychologischen Behandlung“ unterzieht und sich seine Lebensbilder anfängt zu betrachten. Und noch etwas ist „typisch“: Eine psychologische Behandlung wird immer erst dann aufgesucht, wenn die Selbstbehandlung unserer Bilder untereinander nicht mehr richtig funktioniert, genauer: Wenn die Übergänge blockiert sind und das Leben festgehalten wird von einem übermächtig gewordenen Bild, das wie im vorliegenden Fall das Leben als „Pulverfass“ einzurichten sucht, das im Moment des Zupackens explodiert und vernichtet wird. Hier war nur noch eine Übergangsmöglichkeit zum Nebenbild geblieben, nämlich da, wo sich das Explosive so zugespitzt hatte, dass nichts mehr bewegt werden durfte. Wenn es so verengt ist, dann macht sich unser „Seelenleben“ bemerkbar! Als „blockiert“, „erstickend“, „gelähmt“, „eingeklemmt“, „stillstehend“ wird es dann erlebt und schreit nach Verwandlungshilfe. Um die gestörten Übergänge wieder „flott“ zu machen, muss die psychologische Behandlung unsere Bilderwelt herausheben aus ihrem „unbemerkten“ Leben, ihr Eigenleben beschaubar machen, Hauptbilder von Nebenbildern sondern, die Konstruktion ihrer Gefügtheit freilegen, die blockierten Übergänge dazwischen aufspüren und wieder „in Gang“ bringen. Ist das geschehen, dann kann das Leben der eigenen Selbstbehandlung wieder übergeben werden. Über einen bestimmten Zeitraum hinweg wird kontrolliert, ob es wieder von selbst läuft. Manchmal sind Nachbehandlungen erforderlich. Aber gleichgültig, ob nachbehandelt wird oder nicht – die psychologische Behandlung ist auch nur eine „Gestalt im Übergang“ – mit der Besonderheit, dass hier die Übergangsstörungen behandelt werden. (Auch hier gibt es Verkehrungsmöglichkeiten: Das kann auch zur übermächtigen Gestalt werden, die alles Leben an sich reißen und allein regieren will. Dieser Anfälligkeit seiner Behandlung muss der Psychologe Rechnung tragen, das geschieht u.a. durch die zeitliche Begrenzung der Behandlungsdauer.) Mit der Psychologie hat sich diese Wirklichkeit gleichsam eine Werkstätte für ihre Bildstörungen eingerichtet – hier werden die gestörten Bildübergänge zur Reparatur gebracht. Wie es nach einer solchen „Reparatur“ weitergeht, können wir uns am konkreten Fall ansehen. Nach einem halben Jahr kommt Werthmann zur Katamnese – schon „äußerlich“ wirkt er verändert: Den grauen, wattierten Mantel, in dem er immer wie in einem dicken Fell steckte, hat er gegen eine flotte Windjacke eingetauscht und anstelle der Soldatenstiefel trägt er „Adidas“. Sein ganzes Auftreten wirkt „flotter“, „Flottwerden“ ist auch das, was Werthmann berichtet:
Vor allem beim Betrachten seiner Berufspläne wird dieses spannungsvolle Hin und Her zwischen Sehnsucht nach einer festen Einheit, einem „entweder/oder“ und den Verlockungen einer Vielfalt an Verwandlungsmöglichkeiten dazwischen deutlich: So wird zum einen beschrieben, wie es beruflich sehr viel bewegter geworden ist – ganz neue Wege haben sich aufgetan: für die Heimverwaltung, im Umgang mit den Behörden, im Regulieren des Zusammenlebens, im Umgang mit spezifischen Heimproblemen. Dabei ist das drängende Festlegenwollen, was „danach“ kommt, zurückgetreten – „da wird sich schon was finden.“ In diesem „wird sich schon was finden“ nährt sich aber auch der alte Traum vom „einfachen Leben“, und der deckt sich von hier aus als ständig wirksamer Pol der Spannung von Gestalteinheit und Gestaltverwandlung auf – „nur eins sein, ein guter Mensch!“ Hier rückt die Spannung selber in den Blick: „Das habe ich kapiert, dass ich mich mit diesen beiden Seiten immer wieder auseinandersetzen muss, dass diese Spannung wohl nie weggeht, dass die dazugehört.“ Die Spannung als etwas, das zieht, lockt, reizt, anregt, es „flott“ macht, aber auch als etwas, das aufgehoben werden will – in diesem Spannungsfeld leben, sich von dieser Spannung bewegen, verwandeln, leben lassen – dass das wieder geht, erscheint am Ende als Behandlungserfolg, als „geglückte Reparatur“. Das Märchen rückt noch einmal in den Blick – Werthmann beschreibt, wie „präsent“ es ist, wie es selbsttätig weiterwirkt – „ohne dass ich da bewusst dran drehe, bewegt sich das, und dann sehe ich plötzlich etwas, das mir vorher nie aufgefallen war, und das beschäftigt mich dann auch eine Zeitlang, das passiert immer wieder, an den seltsamsten Stellen. Das habe ich quasi implantiert!“
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Titelbild: wiki-sinaloa-raJrSL-LfVg-unsplash.jpg(OpenAI)
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Dr. Gisela Rascher ist Psychologische Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt Morphologische Intensivberatung. Seit 1980 erarbeitete sie am Psychologische Institut 2 in Köln mit Professor Salber den Ausbildungsgang für Analytische Intensivberatung. Unter ihrer Leitung wurde dieser von anfänglich zwei Semestern zu einem sechsemestrigen Studium ausgebaut. In dieser Zeit hat sie immer wieder Aufsätze über verschiedene Aspekte der IB veröffentlicht, die bis heute zu den Basics der Ausbildung gehören. Seit 1979 arbeitet sie in eigener Praxis in Köln. Klinische Psychologie, aber auch Beratungen von Markt-Medien- und Kunstprojekten bilden die Schwerpunkte ihrer Arbeit.