Im Zuge der Vollendung des EG-Binnenmarktes gewinnt die psychologische Kultur- und Mentalitäts-Forschung an Bedeutung. Am Beispiel einer Untersuchung kultureller Verhältnisse und Wirkungskräfte der griechischen (Alltags-)Kultur werden methodische Überlegungen und Probleme erörtert und die Leistungsfähigkeit einer morphologischen Kulturpsychologie veranschaulicht: Das Fest- bzw. Hochhalten der glorreichen Vergangenheit des klassischen Griechenland prägt noch heute die griechische Kultur. Das Entwicklungsversprechen einer Wiederkunft der alten Größe und der Beweis der immer noch bestehenden natürlichen und geschichtlichen Ressourcen Griechenlands bilden eine tragende und unverrückbare Säule der griechischen Kultur. Der festgehaltene und unerreichbare Übermaßstab „korrespondiert“ mit einer Abkehr von entschiedenen Entwicklungsausrichtungen: Eine Art Feierabend-Ideal, das selbstgefällige und ziellose Laufen-Lassen, soll Wegbereiter und Erfüllungshilfe der Wiederauferstehung sein. Die Krise traditioneller Lebensbilder und die offenbar gewordene Nicht-Einlösung des Wiederauferstehungs-Ideals bedingen in Griechenland derzeit einen kulturellen Bilderstreit und extremisierte Selbstbehandlungsversuche: Durch die Xenomania, durch demonstrative Kehrtwendungen zu neuen Lebensbildern und eine wahnwitzige Rhythmussteigerung des Alltagslebens versucht die griechische Kultur derzeit, eine Veränderung und einen Übergang zu bewerkstelligen, ohne dabei geliebte Kultursäulen zu transformieren.
Thema meines Vortrages ist die Arbeit des Psychologen als Kulturforscher. Die Kultur- und Mentalitätsforschung gewinnt an Bedeutung und wird vor allem für die Wirtschaft immer wichtiger. Anfang des kommenden Jahres soll der europäische Binnenmarkt vollendet sein. Diese Perspektive hat natürlich Auswirkungen auf das Marketing. Vor allem die großen Unternehmen planen schon seit Jahren eine Europäisierung von Marken und Werbestrategien.„Europäisierung“ heißt aber vor allem bei erfolgreichen Marken oder Konzepten, dass ein einmal bewährtes Rezept in verschiedenen kulturellen Wirkungsfeldern exportiert wird, um einen einheitlichen Auftritt zu gewährleisten. Man hofft, dass Bilder oder Botschaften, die im deutschen Markt etabliert sind, auch z. B. in der Schweiz oder in Griechenland Wirkung zeigen. Inzwischen hat schon so mancher unter diesem Kalkül geführte Werbefeldzug sein Waterloo erlebt. Die Zigaretten-Marke West hat z. B. die deutsche „Test the West“-Kampagne unverändert in ganz andere Kulturräume übertragen, nämlich in die Schweiz und in die neuen Bundesländer. Dabei zeigte sich, dass dasselbe Motiv durchaus vollkommen anders verstanden werden kann. Überarbeitete Fassung eines Vortrags, gehalten am 30. Juni 1992 am Psychologischen Institut der Universität zu Köln im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der Kölner Akademie für Markt- und Medienpsychologie (Kamm).
– In den alten Bundesländern wird z. B. das „Test the West“-Motiv mit der alten, schrägen und schwarz gekleideten Dame als Aufforderung verstanden, einmal unverbindlich und von einer sicheren Warte aus seinen grenzgängerischenBestrebungen nachzugehen und sich anderen Seiten des Lebens bzw. des eigenen Ichs zu stellen.
– In den neuen Bundesländern wird das Motiv vor dem Hintergrund der jüngst erfahrenen kulturellen Gleichschaltung gesehen und verstanden. Die alte Frau erscheint als heruntergekommene Frau aus dem Osten – der junge Mann erscheint als „Besser-Wessi“, welcher der Frau durch die vorgehaltene Packung den westlichen Standard aufdrücken will. „Test the West“ wird als Aufforderung verstanden, sich auf den Westen einzulassen. Die Marke West wird zum Sinnbild westlicher Gleichschaltungsabsichten.
– In der Schweiz wird das Motiv vor dem Hintergrund der rigiden Anti-Rauch-Stimmung aufgefasst. Die alte Frau wird für die Schweizer zum Sinnbild der schädlichen Folgen, die man in Kauf nehmen muss, wenn man die Angebote der Zigaretten-Industrie annimmt und weiterraucht: Tod und Verfall, Falten, graue Haare und Außenseitertum. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass einige Schweizer das Motiv der offiziellen Anti-Rauch-Kampagne zuschreiben.
Das Scheitern dieser unvermittelten Europäisierung von Konzepten veranlasst die Unternehmen, sich stärker mit den kulturellen Eigenarten und Besonderheiten auseinanderzusetzen, von denen die Märkte geprägt sind. H. G. Meissner von der Universität Dortmund sieht die „Europäisierung und Globalisierung als Zukunftsaufgabe der (deutschen) Marktforschung“: „Angesichts der Bedeutung, welche die ausländischen Märkte – speziell in der EG – für das Schicksal der deutschen Unternehmen haben, wird es notwendig werden, in den nächsten Jahren die international ausgerichtete empirische Marktforschung auszubauen und zu verstärken.“ (Meissner 1990, 65) Die meisten Forschungsinstitute versuchen, dieser Zukunftsaufgabe gerecht zu werden, indem sie dem Unternehmen ein „wissenschaftlich“ entwickeltes Sammelsurium von mehr oder weniger zusammenhängenden Informationen über einen kulturellen Wirkungsraum liefern. Als willkürlich gewähltes Beispiel können hier Auszüge aus einer Untersuchung des Schweizer Instituts für Marktanalysen dienen:
Sie werden spüren, dass diese Informationen, auch wenn man sie endlos erweitert, nicht als Verstehensgrundlage für z. B. die schweizerische Rezeptionslogik des West-Motivs ausreichen. Sie werden aber auch merken, dass in diesen Ausführungen ein Bild von der Schweizer Kultur durchscheint, das jedoch nicht systematisch herausgehoben und expliziert wird. Die Sache bleibt anekdotisch oder mosaikhaft, der strukturelle Zusammenhang, der diese Meinungen und Trends produziert, wird nicht kenntlich. Es fehlt ein einheitliches und stringentes psychologisches System, von dem die einzelnen Phänomene her aufgegriffen und geordnet werden können. Gefordert ist daher eine Kulturpsychologie mit System: „Ein psychologisches System bildet für die Forschung und Praxis eine unentbehrliche Grundlage: Nur dadurch können Konsequenzen gedacht, Zusammenhänge aufgesucht oder Probleme verfolgt werden“ (Salber 1969, 33). „System“ müssen auch die Befunde haben. Statt isolierte Einzeldaten zu liefern, ist es eine primäre Aufgabe der psychologischen Kulturforschung, die grundlegenden Wirkungsfaktoren und Verhältnisse herauszuheben, die das Verhalten und Erleben in einer Kultur bestimmen.
Die Morphologische Psychologie bietet für diese Aufgabe eine persönlichkeitsübergreifende Gegenstandsbildung: das Konzept der Wirkungseinheiten. Das Seelische ist kein Prozess, der eingesperrt in den jeweiligen Menschen quasiautonom arbeitet. Seelisches findet und ereignet sich in komplexen Wirkungseinheiten: in der Familie, im Freundeskreis, in der Schule oder Universität. In die Lebensweise des Seelischen ist die ganze Wirklichkeit einbezogen: Im Kochen, Putzen oder Zeitunglesen produziert sich Seelisches und Wirklichkeit. Wirkungseinheiten als Bezugssystem eröffnen ein anderes Verständnis von psychologischen Forschungsgegenständen: „Als ‚Subjekt‘, ‚Lebewesen‘ oder ‚Organismus‘ werden (…) Gestaltungs- und Entwicklungsprozesse gesehen, nicht einzelne Persönlichkeiten. Wir tun so, als ob ein Werbefeldzug, ein Unterrichtsplan oder ein bestimmter Lebensstil seelisch Kopf und Leib, Arm und Bein, Hand und Fuß gewinnen könne und dabei seelische Probleme löse.“ (Salber 1969, 29 f.) Dieses psychologische Verständnis ermöglicht die Untersuchung von persönlichkeitsübergreifenden Wirkungsfeldern: Der Mikrokosmos unserer Alltagswerke und der Makrokosmos unseres Alltags können zum Gegenstand psychologischer Forschung gemacht werden. Die Morphologische Psychologie bietet für die Umsetzung der oben skizzierten Aufgabe neben dem Konzept der Wirkungseinheiten eine psychologische Auffassung von Kultur (als übergreifender Wirkungseinheit). Die Morphologie trennt nicht zwischen „mächtiger“ Kultur und „kleinem“ Individuum. Das Seelische ist selber ein Kultivierungsprozess. Es versucht, in der Ausbildung von Formen – in der Kultivierung von Wirklichkeit – seine immanenten Notwendigkeiten und Widersprüchlichkeiten zu behandeln. Kultur ist daher aus morphologischer Sicht keine Zumutung (die eigentlich abgeschafft werden müsste, da sie Unbehagen stiftet), sondern Aufgabe und Lösung zugleich. Denn die Kultur bietet Muster, Organisationsformen, Verrechnungsmöglichkeiten und Programme für die Kultivierung des Seelischen. „Kulturen sind spezifische Lösungs-Ganzheiten für die allgemeinen Konstruktions- oder Kultivierungsprobleme des Seelischen. Sie stellen Formen, Vereinheitlichungsentwürfe dar, die bestimmte Folgen versprechen – wie Sicherheit, Ordnung, Zusammenarbeit. (…) Wie jede Regulation hat auch die jeweils produzierte Einheit ‚Kultur‘ ihre Chancen und Begrenzungen, ihre Probleme und Lösungsangebote.“ (Salber 1973, 145 f.) Von daher kann man auch Unterschiede zwischen „einem“ typischen Deutschen und „einem“ typischen Griechen beschreiben. Dabei liegt der Unterschied nicht in der seelischen Grundkonstruktion, sondern in der jeweiligen Kultivierungsrichtung mit ihrem spezifischen Lösungsangebot. Auf eine kurze Formel gebracht kann man „Kultur“ als „Behandlungssystem der Wirklichkeit“ fassen. Aufgabe kulturpsychologischer Forschung ist es daher, die Morphologie dieses Behandlungssystems herauszuheben. Von hier aus verstehen wir dann, mit welchen Wirkungen und Gegenwirkungen, mit welchen Mustern und Mechanismen eine Marke oder ein Werbefeldzug in der Schweiz (vgl. Grünewald 1991) oder in Griechenland zu rechnen hat. Das Behandlungssystem können wir als die übergreifende Wirkungseinheit ansehen, mit der bestimmte Bewegungsvorgaben und Bewegungsverweigerungen für die marktrelevanten Wirkungseinheiten – Biertrinken, Rauchen, Zeitunglesen etc. – verbunden sind.
Die morphologische Auffassung von Kultur und das Denken in Wirkungseinheiten umschreiben eine psychologische Haltung in der Kulturpsychologie. Die konkrete Durchführung kulturpsychologischer Forschungsprojekte setzt nicht die Entwicklung neuer methodischer Prinzipien voraus. Sie verlangt aber eine – der Eigenart des Untersuchungsgegenstandes angemessene – Transformation des methodischen Vorgehens. Ich habe bei mir und meinen Mitarbeitern vor allem bei den ersten kulturpsychologischen Forschungsprojekten eine Art Transformationshemmung erlebt: ein resignatives Zurückschrecken vor der Schwere der Aufgabe. Diese Transformationshemmung hängt mit einer falsch – nämlich physikalisch – verstandenen Größe der psychologischen Aufgabe zusammen: Ein Mensch erscheint als psychologische Größe gerade noch überschaubar und behandelbar, man hat sich ja auch selber zu einer solchen Größe entwickelt. Hier fühlt man sich als Psychologe quasi zu Hause. Auch eine Werbeanzeige erscheint noch als Aufgabe, die den Psychologen zumindest nicht überfordert – ein kulturelles Behandlungssystem hingegen stellt sich zunächst als kaum mehr fassbare psychologische Größe dar. Die Größe oder Schwere der psychologischen Aufgabe liegt jedoch nicht in „äußeren“ Ausmessungen begründet, sondern in der Schwierigkeit, einen psychologischen Gegenstand zu konstruieren, eine Befragungsrichtung festzulegen und eine psychologisierende Fragestellung zu entwickeln. Die methodische Haltung lässt sich bei der Untersuchung kultureller Wirkungseinheiten in Analogie zur generellen morphologisch-methodischen Haltung als Austausch in Entwicklung beschreiben: Es ist unerlässlich für die Kulturforschung, in einen Austauschprozess, in eine Art gemeinsames Werk mit der Kultur einzutreten. Das setzt voraus, dass man die notwendige Zeit für einen Entwicklungsprozess mitbringt. Tiefeninterviews und Erlebensbeschreibungen forcieren und „materialisieren“ dabei diesen Entwicklungsprozess. Ich will die spezifische methodische Haltung bei der Untersuchung kultureller Behandlungssysteme mit Hilfe von drei Verhältnissen kennzeichnen:
Psychologische Kulturforschung kann nicht vom Schreibtisch aus betrieben werden. Man muss sich dem Alltag in der Kultur aussetzen, ihn mindestens einige Wochen mitleben. In diesem Alltag erleben wir ungewohnte Maße, Wirkungen und geraten in befremdende Entwicklungen. Dabei besteht u. a. die Gefahr, dass man dem Sog eines bewegenden und erregenden Kulturwechsels erliegt: Die eigenen Kultivierungsketten feiern Karneval – endlich kann man Tendenzen ausleben, die in unserer Kultur unterdrückt werden. Nach drei Wochen kriegt man dann einen Kater und wendet sich wieder heimischen Kultivierungsformen zu. Diesem Sog kann man nur entgehen, wenn man den Mitbewegungsprozess systematisch stört und sich aus dem Kulturbetrieb herausnimmt. Erst dann setzt das Sich-Wundern, das Genauer-Hingucken, das Ausloten des Befremdlichen, das Beschreiben und das Weiterfragen ein. Häufig bringt schon das Forschungsinteresse einen solchen Agier-Stopp mit sich. Der Untersuchung einer Kultur stehen jedoch weitere kulturelle Hindernisse im Weg. Das Tiefeninterview als Form psychologischer Mitbewegung kann nur von Muttersprachlern durchgeführt werden. Für das Psychologen-Team müssen also Mitglieder des untersuchten Kulturkreises gewonnen werden. Allerdings teilen diese Mitarbeiter – und zwar ungebrochen – die kulturellen Selbstverständlichkeiten des zu untersuchenden Behandlungssystems. Sie sind „betriebsblind“. Erst in einem gemeinsamen Übersetzungs- und Supervisionsprozess können die Wirkungskräfte eines kulturellen Behandlungssystems herausgearbeitet werden. Als Beispiel für dieses Verhältnis möchte ich Ihnen einen Auszug aus meinem Erlebnisprotokoll vorstellen, das ich während einer Studie des IFM-Köln über die Kultur in Griechenland geführt habe: Zwei Tage später. Die bestimmende Qualität bei mir ist Verwirrung und Verzweiflung. Ich habe kein klares Bild, noch nicht mal einen Ansatz, und ich fürchte mehr und mehr, dass man die Kultur überhaupt nicht fassen kann. Ich sehe nur Widersprüche und Ungereimtheiten und bekomme eine panische Ordnungs- und Trennungswut. Athen ist was anderes als Saloniki oder Kos. Das jetzige Griechenland ist anders als das Griechenland vor fünf Jahren. Alles verändert sich und scheinbar nichts hat Bestand. Die Vorüberlegungen erscheinen mir auf einmal seltsam wertlos, als hätte ich da ein Griechenland-Bild aufgebaut, was heute gar nicht mehr existiert. Athen scheint für eine gigantische Dramatisierung zu stehen. Kann man sich eine Stadt vorstellen, die noch lauter und hektischer, noch verkehrsdichter, noch smogiger ist, die sich noch metastasenhafter und unkontrollierter in alle Richtungen ausbreitet? Und was hat diese geschichtslose Neustadt mit der Akropolis zu tun, die darüber thront und die klassische und unvergängliche Ordnung des Griechentums ausstrahlt. Hier oben ist alles anders. Ruhe, enge, gewachsene Gassen, Überblick. Der Kontrast zwischen der dröhnenden Hektik unten und der weihevollen ewigen Ruhe da oben ist stärker kaum denkbar.
Der Phänomenbestand darf nicht durch vorher festgelegte Fragebatterien und Kategorisierungen fixiert werden. Grundsätzlich lassen sich alle alltäglichen „Lebensäußerungen“ und Phänomene aufgreifen, die sich im Umgang mit der Kultur entwickeln. Ausgangs- und Blickpunkt der Interviews ist der komplette Alltag eines Kultur-Betriebes. Im Alltag wird die Kultur zum Ereignis: Im Essen und Trinken, in der Kleidung und den Sitten, in den Festen und im Leiden finden wir die universellen Verhältnisse und Behandlungszüge, die eine Kultur bestimmen. Die Fülle der Phänomene verleitet aber dazu, dass man vom Hundertsten ins Tausendste gerät. Deshalb sollte man sich in den Interviews auf ein Feld beschränken, einen festen Fokus wählen. Diese Fokussierung muss künstlich hergestellt bzw. bestimmt werden. Wir haben bei unseren kulturpsychologischen Studien in der Schweiz, in den neuen Bundesländern und in Griechenland die Alltagsform bzw. Wirkungseinheit Rauchen als kulturelles Fokussierungsfeld gewählt. Die Zigarette hat wie kaum ein anderes Produkt die Funktion einer alltäglichen Krisenprophylaxe. Die Zigarettenpackung wird wie ein Ausweis oder eine Visitenkarte dazu eingesetzt, sich und seinen Mitmenschen die eigene Lebenshaltung zu demonstrieren. Die Wandlung von Rauchstilen und Rauchgewohnheiten ist daher ein vorzügliches Barometer für kulturelle Entwicklungsprozesse. Bei der Wirkungseinheit „Rauchen“ kannten wir zudem die durch die Zigarette umgrenzten allgemeinen materialen Entwicklungsvorgaben, die Grundzüge und das Ausgestaltungsspektrum seelischer Formenbildungen schon aus vorhergehenden Untersuchungen. Die Variationen dieser Grundzüge, die spezifische Ausgestaltung des Rauchens in Griechenland, konnte uns deshalb etwas über die übergreifenden kulturellen Wirkungsrichtungen und -zusammenhänge verraten, in die das Rauchen in Griechenland eingebettet ist.
Auch zum zweiten Verhältnis ein Beispiel aus meinem Erlebnisprotokoll zur Griechenland-Studie:Jegliche Form von Mäßigung und Aufsparen wird hier als Verlust am Leben, als eine Art Tod aufgefasst. Es gibt eine Art Lebensgenuss-Ideal, dem man entsprechen will. Ein Motto lautet: Besser kurz als gar nicht. Der Selbstgenuss spielt eine große Rolle, und Gesundheit wird hier nicht als Selbstzweck, als hohes Ideal, das für sich steht, sondern nur als Mittel zum Zweck gesehen: Damit sie auch morgen noch genussvoll weiterrauchen können, müssen sie heute etwas zurückschrauben. Man will seine Gesundheit bewahren, um weiter genussvoll und ungesund leben zu können. Ich habe auch noch nie erlebt, dass man so nachdrücklich und stolz seine Raucherkrankheiten beklagen kann. Das Leiden am Genuss erscheint als ein Daseinsbeweis. Durch die dramatisierten Probleme mit Herz, Atemwegen und Kälte dokumentiert man ein erfülltes Genießen, Leidenschaftlichkeit, Wirksamkeit und eine individuelle Größe, die den selbst geschaffenen Bedrohungen standhält.
Eine kulturpsychologische Studie kann nicht im Eilverfahren erledigt werden. Man muss sich auf einen lang andauernden Entwicklungsprozess einlassen, in dem sich erst allmählich eine Gestalt konturiert. Als Forscher gerät man dabei unweigerlich in die Drehungen, Verwicklungen und Entwicklungen eines Behandlungssystems. Alles, was man macht und erlebt, selbst die Ablenkungen, die man aufsucht – wie z. B. das Fernsehprogramm – sind eine Ausdrucksform des Gegenstandes, den man bearbeitet. Man kann daher aus diesem Behandlungssystem nicht aussteigen, aber man kann es beschreibend einkreisen und entwickeln. Dabei droht man aber in eine unendliche phänomenale Rotation und Beschreibungsinflation zu geraten, welche die Phänomene nicht in Erklärungen überführt. Es ist daher von Anfang an nötig, den Phänomenen einen Ruck zu geben, bestimmte Markierungen zu setzen und diese entschieden herauszurücken. Auch eine Markierung, die sich nicht dauerhaft halten lässt, hat einen heuristischen Wert, da sie einen perspektivischen Standpunkt absteckt. Von diesen Markierungen kann man dann weiterfragen. Entwickeln und Herausrücken treffen sich in der Entwicklung einer psychologisierenden Fragestellung, die unserem weiteren Vorgehen eine Richtung gibt. Auch dieses Verhältnis lässt sich anhand eines Beispiels aus den Erlebensprotokollen zur Kultur in Griechenland veranschaulichen: Schwierig wird bei der Griechenland-Studie die Psychologisierung, weil man keinen festen und verlässlichen Hintergrund hat, von dem man eine Gestalt abheben kann. Hier scheint erstmal alles anders, auch die tragenden Selbstverständlichkeiten des Alltags. Hier wird anders gegessen und gearbeitet, anders geschrieben und gesprochen, der Alltag ist phänotypisch ganz anders organisiert. Die Schweiz erlaubte einen Vergleich mit unserer Kultur, der die Eigenarten stärker heraustreten ließ – hier kann man, glaube ich, nur kontrastieren, um sich an das Eigentliche heranzutasten und erste Markierungen zu setzen. Hier ist der bestimmende Eindruck der des Chaos. Alles scheint ungeordnet, nach Maßgabe des eigenen Gusto und Weiterkommens zu laufen. In der Schweiz war hingegen alles durchreglementiert, die Ordnung konnte man quasi fühlen und überall lesen. In der Schweiz stellte sich die Ausgangsfrage, wo überhaupt das Explosive und Destruktive untergebracht ist. In der Schweiz fand man bereits ein offensichtliches System. In Griechenland stellt sich mir jetzt die Frage, wo bleibt das System, oder welches System und welche geheime Ordnung steckt in dem Chaos? An was hält man sich eigentlich, oder wie hält diese Gestalt zusammen? Gibt es etwas Festes oder Festgehaltenes in diesem ewig dramatischen Wirrwarr? Ich möchte Ihnen jetzt in geraffter Form die Ergebnisse unserer kulturpsychologischen Studie über Griechenland vorstellen.¹ Ich werde dabei in erster Linie die grundsätzlichen kulturellen Wirkungskräfte oder Behandlungszüge herausarbeiten, welche die griechische Kultur prägen. Darüber hinaus werde ich das Zusammenwirken dieser Grundzüge und ihre aktuelle Vermittlungslogik skizzieren.
Wenn man Kultur als Behandlungssystem der Wirklichkeit begreift, dann gründet sich dieses System in der Behandlung eines konstituierenden Entwicklungsproblems. Die glorreiche Vergangenheit des klassischen Griechenland prägt noch heute die griechische Kultur als fortwährendes Entwicklungsproblem und als fixiertes Entwicklungsbild. Die einstige Hochkultur ist bis heute der übergeordnete Maßstab, dem man in der weiteren Entwicklung gerecht zu werden hofft: „Wir Griechen könnten uns niemals damit abfinden, lediglich die Bedeutung von Belgien in Europa zu haben.“ Der Fortbestand dieses Übermaßstabes kommt bereits im Stadtbild von Athen zum Ausdruck: Die über der Stadt thronende Akropolis ist Sinnbild der goldenen Epoche, der klassischen Ordnung, eines „Daseins in Vollendung“. Sie „ist für die Ewigkeit gebaut worden“, und sie hat auch für die Griechen durchaus den Charakter eines ewigen Vorbildes oder Anspruches – aber auch einer ewigen Entwicklungshypothek: Man hält das Bild bzw. das Ideal einer glänzenden und perfekten Gestalt (Eidos) fest, in der alle Gegensätze – wie bei den Proportionen eines griechischen Tempels – und damit auch alle Entwicklungsnotwendigkeiten aufgehoben sind. Dieses Bild eines Daseins in Vollendung bedeutet aber auch, dass jede Entwicklung den Charakter einer zerstörerischen oder defizitären Verkehrung hat. Das ist der Fluch der perfekten Gestalt: Dasein in Vollendung impliziert einen paradiesischen, aber auch geronnenen Endzustand, und es wäre zu überlegen, ob nicht alle Hochkulturen nur durch solche Verkehrungen, durch ihren Niedergang bzw. ihre Zerstörung eine Entwicklung ihres Seins weiter ermöglichen konnten. Die griechische Kultur sah sich in ihrer Geschichte vor die Aufgabe gestellt, eine drastische Verkehrungserfahrung zu behandeln: Das Höchste kann zum Niedrigsten werden – von der Hochkultur zur jahrhundertelangen Sklaverei unter türkischem Diktat. Das griechische Behandlungssystem ist dadurch geprägt, dass diese Verkehrung, der kulturelle Niedergang zwar anerkannt wird, gleichzeitig aber das faszinierende Bild einer Hochkultur weiterhin festgehalten und behauptet wird: Die Griechen hoffen auf die Wiederkunft der alten Größe. Die griechische Kultur ist von einem Wieder-Auferstehungs-Ideal geprägt, von dem Glauben und dem Festhalten an der alten Hochkultur. Vor allem nach dem Ende der Diktatur in den 70er Jahren herrschte eine große Euphorie und Aufbruchsstimmung in Griechenland, die durch das Wort „Hellas“ verdichtet wurde – Aufbruch zu alter Größe, Rückbesinnung auf grandiose und noch heute sichtbare und vorzeigbare Anfänge: „Griechenland ist die Wiege der Kultur – ganz Europa hat hier angefangen“. Das Wieder-Auferstehungs-Ideal manifestiert sich im Alltagsleben in dem unerschütterlichen Stolz der Griechen auf die eigene Größe und dem Gefühl, als Grieche etwas Besonderes zu sein: „Jeder zweite Grieche ist ein Dichter.“
Das Entwicklungsversprechen „Wiederauferstehung in alter Größe“ wird durch eine Beweisführung gestützt, die man mit dem Begriff Ressourcismus beschreiben kann:
Man verweist, vertraut und baut auf eine bereits vorgegebene Grundausstattung, die natürlichen Ressourcen des Landes, die einen lebensnotwendigen Grundumsatz garantieren:
Gerade dieser stolz betriebene Aufweis geschichtlicher oder natürlicher Ressourcen soll dokumentieren, dass alles bereits da und vorproduziert ist – dass man sein geschichtliches Soll eigentlich bereits erfüllt hat. Der Ressourcismusbeweist auch, dass man alles im Leben überstehen kann, dass einem die Wechselfälle und Verkehrungen der Geschichte, mit denen man ständig rechnet, nichts anhaben können. Der Ressourcismus wird durch Ressentiments gegen die Nachbarn ergänzt. Durch die Mazedonienfrage und die benachbarte Türkei sieht man die eigene Kultur bedroht. Im Festhalten und extremisierenden Aufweis dieser (alten) Bedrohung der eigenen Einheit wird auch das Bild der alten Größe festgehalten: Die Bedrohung schafft die Fiktion, dass alles eigentlich noch da ist und dass die Verkehrung noch bevorsteht.
Der vorgegebene hohe geschichtliche Maßstab und die fixierte Verkehrungserfahrung, dass Entwicklung und Veränderung zwangsläufig Einbuße und Niedergang bedeuten, haben zur Ausbildung eines kulturellen Gestaltungsprinzips geführt, das durch eine Dehistorisierung, eine Abkehr von entschiedenen Entwicklungsausrichtungen, Eingriffen und Einwirkungen geprägt ist: Da in Griechenland alles bereits vorgegeben oder bereits dagewesen ist – und das in einer Perfektion und Güte, die jedes menschliche Maß übersteigt bzw. aufhebt –, erscheinen zielstrebige und ehrgeizige Anstrengungen und Bemühungen als sinnlos und als verhängnisvoll. Wieso sich aufreiben für ein Ideal, eine Aufgabe, die eigentlich bereits als vollendet erscheint bzw. in der vorgegebenen Perfektion nicht wiederholbar ist? Bereits die antiken Dramen haben diese Verkehrungserfahrung – das Verhängnis von Entwicklungsausrichtungen – dramatisiert: Der Entwicklungsweg führt zwangsläufig in zerstörerische Verkehrungen. Was man auch tut, wie man sich auch ausrichtet, man macht sich schuldig, man destruiert eine göttliche Ausgangslage. Mit dem Wohlgefallen der Götter kann man nur durch eine Abkehr von entschiedenen Ausrichtungen, im selbstgefälligen Tanzen und Kreiseln rechnen. Der fixierte kulturelle Übermaßstab und der Ressourcismus bedingen eine Freistellung von alltäglichen Umsatzkreisen: Nicht die entschiedene Werk- und Aufbautätigkeit, sondern eine Art „Feierabend-Ideal“, das man auch als „selbstgefälliges und zielloses Laufen-Lassen“ charakterisieren kann, soll Wegbereiter und Erfüllungshilfe der Wiederauferstehung sein. Man ist zwar nicht untätig, entwickelt aber in seinen Handlungen keine unbedingte (da schuldträchtige) Zielstrebigkeit. Das ziellose Laufen-Lassen umschreibt eine hedonistische Lebenseinstellung, die durch selbstgefällige und selbstgenüssliche Lebensfreude, eine heitere Gelassenheit gegenüber dem Wandel und den Forderungen der Welt geprägt ist: die Kunst des gleichmütigen „Leben-und-genießen-Könnens“ jenseits hektischer, strebsamer oder als zwanghaft erachteter Verwirklichungsforderungen (Gegenbild), die unbeschwerte Freude am Gegebenen und bereits Verwirklichten wird von den Griechen hochgehalten und gefeiert. „Wir können es besser im Alltag, wir können ein besseres Lebensvorbild anbieten, unsere Leistung wird am Prozess und nicht am Produkt gemessen.“ Das „Feierabend-Ideal“ bzw. das „ziellose Laufen-Lassen“ bestimmt vor allem das Bild vom entspannten Urlaubsland Griechenland und kommt in dem Film „Alexis Sorbas“ eindrucksvoll zum Ausdruck: „Für die Griechen ist die schönste Stelle in ‚Alexis Sorbas‘ die Szene, als in den Augen des Amerikaners wehmütige Verzweiflung aufleuchtet, weil er diesem Lebensideal nicht genügen kann.“ Die in unendlichen Mühen errichtete Seilbahn bricht zusammen, der Amerikaner verzweifelt, jedoch Alexis Sorbas entgegnet verzückt: „Aber sie ist doch so schön zusammengebrochen.“ Das Laufen-Lassen manifestiert sich auch darin, dass den Leidenschaften des Lebens freien Lauf gelassen wird. Nicht in den Entschiedenheiten, sondern in den Leidenschaften, in einer gesteigerten Bewegtheit und Erregtheit erleben die Griechen die Bewegungen und Amplituden des Lebens. In den Leidenschaften kann man seine Gefühle zu mächtigen Strömen aufwallen lassen, in denen man seine wahre Größe und Bedeutung ausschmecken kann. Die leidenschaftliche Lebensweise äußert sich in dem generellen Motto, dass es „immer besser ist, etwas zu tun als etwas nicht zu tun“: Rauchen, Trinken, (fett) Essen und Vergnügungen jeder Art werden als Qualifizierungen eines wirklichen und erfüllten Lebens gefeiert und akzeptiert. Die Leidenschaftslosen erregen allenfalls Mitleid, weil sie „wie eine alte Jungfrau das Wesentliche verpassen“. Als „richtiger Grieche“ gilt der aus vollen Zügen Genießende; und es ist wichtig, nach außen zu demonstrieren, dass man einen Reichtum an Lebensgenuss verwirklichen kann. Neben den Leidenschaften ist aber auch das (Er-)Leiden für die Griechen eine – reflexive – Form des Selbstgenusses, der Besonderung und der Demonstration inneren Reichtums und Größe. „Wir organisieren das Leben, um Trauer zu finden.“ Im Leiden erfährt das Leben eine Intensivierung. Im Leiden spürt und beweist man, was man alles bewirken oder aushalten kann: Ein erfülltes Genießen oder Rauchen ist eine Leidenschaft, die Leiden schafft. Im Hereinziehen des heißen, schweren Rauchs spüren sich die Griechen intensiv und erleben sich als „ganzer Mann“ oder „ganze Frau“. Vor allem im Schmerz des Trauerns wird diese Intensivierung des Lebens aufgesucht: In den das ganze Leben begleitenden Liedern der Griechen breitet sich eine wehmütige Trauer und Sehnsucht aus. Die Lieder behandeln die erlittene Verkehrungserfahrung. Sie künden vom Liebes- und Trennungsschmerz gescheiterter Einheiten. Das Vakuum zwischen Sein und verflossenem Ideal-Zustand wird hier durch einen melancholisch-inbrünstigen Gesang gefüllt. Das Leiden über den vergangenen großartigen Idealzustand wird ausgeschmeckt und aufgesogen. In diesem ausgekosteten Schmerz wehmütiger Erinnerungen fühlt man sich dann wieder groß und mächtig. Man hat das Gefühl, als sollte das Leben im Schmerz der Erinnerung bzw. der Wiederbelebung wieder ganz gemacht werden: Während man singend die vergangenen Seligkeiten heraufbeschwört, schlägt das Leid über die Unberechenbarkeit des Schicksals in unverbrüchlichen Stolz um. Aber über die Lieder hinausgehend zeigt sich im ganzen Lebensalltag: Nicht die entschiedenen Taten und Entwicklungsausrichtungen, sondern das Leiden, die Melancholie und die Wehmut der Trauer erscheinen den Griechen als Wegbereiter zur Wiederauferstehung vergangener Größe und Herrlichkeit ihres Landes. Das österliche Fest der Auferstehung ist daher das höchste Fest in Griechenland, denn hier schlägt das dreitägige Leid in Herrlichkeit um.
Das Laufen-Lassen birgt für die Griechen ständig die Gefahr, dass man sich im Leben – im Genießen und Leiden – verausgabt: Lässt man es zu lange laufen, läuft am Ende gar nichts mehr. Auch das ziellose Laufen-Lassen birgt daher ungeliebte Konsequenzen, Entwicklungsausrichtungen und Zwänge, wenn es sich extremisiert. Der sichernde Entwicklungsspielraum des Behandlungssystems, der eine erneute Verkehrungserfahrung verhindern soll, droht durch die Eigenlogik des Laufen-Lassens überschritten zu werden. Um diesen Gefahren und Konsequenzen vorzubeugen, sichert eine reversible Umorientierung einen verengten Entwicklungsspielraum: Die reversible Umorientierung funktioniert nach dem Sanduhr-Prinzip: Einmal eingeschlagene Entwicklungsrichtungen, die man eine Zeitlang hat laufen lassen, werden stets wieder zurückgenommen, damit die Entwicklung konsequenzlos bleibt. Die reversible Umorientierung kommt z. B. im Genießen zum Ausdruck. Phasen von opulentem Prassen und Schwelgen folgen Phasen von Fasten und Maßhalten. Die reversible Umorientierung manifestiert sich aber auch in einer Patt-Konstruktion der griechischen Politik: Im Fünf-Jahres-Rhythmus wechseln sich die beiden großen Parteien ab, wobei jede Regierung sofort wieder alle Maßnahmen zurücknimmt, welche die vorige Regierung verabschiedet hatte. Die reversible Umorientierung ist sicherlich auch ein kulturgeschichtliches Erbe Griechenlands. Sie gab den Griechen die Möglichkeit, sich schnell mit den wechselnden Zwangsherrschaften zu arrangieren, ohne sie wirklich dauerhaft zu adaptieren. Die Griechen verstehen es auch heute – z. B. als Gastarbeiter in fremden Ländern –, sich kurzfristig umzuorientieren und eine neue Lebensordnung zumindest äußerlich auszufüllen.
Laufen-Lassen und reversible Umorientierung werfen die Frage auf, wie überhaupt ein geordnetes und strukturiertes Alltagsleben in Griechenland möglich ist. Der griechische Alltag ist nicht wie z. B. in der Schweiz durch eine Vielzahl von feststehenden und oft sogar schriftlich fixierten Gesetzen, Verordnungen, Geboten und Verboten reglementiert, sondern durch traditionelle Bilder im Sinne von Rollenklischees und Standesbildern. Sie geben dem Laufen-Lassen und dem durch die Reversibilität umgrenzten Entwicklungsspielraum eine tragfähige Ordnung und Binnenregulierung. Die staatlichen Regeln und Normen haben dagegen keinen starken Anspruch auf Befolgung. Sie gelten sogar oft als „unsinnig und unpraktikabel“, und es stört fast niemanden, wenn man sich nicht an diese Regeln hält. Konsequenzen hat allerdings die Verletzung von unausgesprochenen Regeln, eben der traditionellen Bilder, die jedem Einzelnen bestimmte Verhaltensweisen und Haltungen auferlegen oder verbieten. In Griechenland existiert eine ganze Palette von Bildern, die das Alltagsleben prägen und durchstrukturieren und die dem Einzelnen eine feste und verbindliche Orientierung im Leben geben. Zum Bild der Mutter gehören z. B. Leiden und Aufopferung für das Kind, sowie eine robuste Häuslichkeit, die der bloßen Schönheit vorzuziehen ist. Zum Bild des Mannes gehört, dass man sich vor der Ehe eine Zeitlang austoben darf und soll, um danach solide und verantwortungsbewusst zu werden. Daneben gibt es Bilder, wie man als Vater, als Sohn oder Tochter, als Arzt, Richter oder Handwerker usw. zu leben hat.
Diese Bilder sind für die Griechen sehr verbindlich. Sie implizieren eine Vielzahl von Regeln und Regulationsformen. Das persönliche Ansehen, die Ehre und der Stolz auf die eigene Person hängen letztlich davon ab, ob man diesen Bildern genügt: „Man will seine Stirn freihalten“, d. h. man will weiter erhobenen Hauptes durch die Straße gehen können.
Das kulturelle Behandlungssystem Griechenlands, das hier in einigen Grundzügen skizziert worden ist, gerät mehr und mehr unter einen Belastungs-Druck. Die griechische Kultur befindet sich derzeit in einem krisenhaften Übergangsstadium, das durch das Scheitern wichtiger „Säulen“ und Beweisführungen der bisherigen Lebensauffassung hervorgerufen wurde:
Die nach dem Ende der Diktatur ersehnte „Wiederauferstehung“ in alter Größe hat sich bisher nicht bewahrheitet. Stattdessen erfährt sich Griechenland immer stärker in der Rolle des „kleinen und problematischen (Entwicklungs-)Landes“, als „Sorgenkind der EG“. Die Beweiskrise manifestiert sich vor allem in dem kaum noch haltbaren Ressourcismus: Die Griechen haben das Gefühl, der Welt derzeit nur wenig anbieten zu können. Die Ansprüche Griechenlands auf Mazedonien erweisen sich als uneinlösbar. Als eine niederschmetternde kollektive Kränkung wurde 1991 erlebt, als es nicht gelang, die Olympiade im 100-jährigen Jubiläumsjahr nach Athen zu holen – die Coca-Cola-Stadt Atlanta erhielt entgegen allen Erwartungen den olympischen Zuschlag. Die Wiederholung der ursprünglichen Verkehrungserfahrung führt nun zu Verlagerungen und Dynamisierungen des griechischen Behandlungssystems. Händeringend suchen die Griechen in dieser kränkenden Situation nach Gründen und Erklärungen für dieses Scheitern und finden die Schuld in der Unangemessenheit der traditionellen Bilder: „Unsere alte Lebensauffassung hat uns nicht weitergebracht und wir müssen davon weg.“ Die traditionellen Bilder und z. T. auch das Laufen-Lassen werden dafür verantwortlich gemacht, dass sich das Wiederauferstehungs-Ideal bislang noch nicht erfüllt hat.
Das Hinterfragen der traditionellen Bilder ist berechtigt, denn sie entsprechen den gewandelten Lebensumständen in Griechenland nicht mehr. Es sind „Dorf“-Bilder, mit sehr umrissenen Rollenzuweisungen, die sich in den kleinen Gemeinschaften bewährt haben. Sie sind daher nicht mehr den Erfordernissen des großstädtischen Alltags angemessen. Denn in Athen, wo fast die Hälfte der Griechen lebt, sind ihre ursprünglichen Funktionsbedingungen – Überschaubarkeit, gegenseitige Hilfe und Kontrolle – nicht mehr gewährleistet.
Weil die traditionellen Bilder mit dem Scheitern des Wiederauferstehungs-Ideals verknüpft werden, erfolgt derzeit eine fast manische Suche nach alternativen, neuen und „ungriechischen“ Bildern – man wendet sich dem bisherigen kulturellen Gegenbild zu: Die Xenomania hat die griechische Kultur erfasst – die Manie nach dem Neuen, die fieberhafte Suche nach neuen Lebensbildern. Die neuen Bilder werden vor allem aus dem westlichen Ausland importiert. Man lehnt sich an westliche Moden und Stilformen an, man emanzipiert sich von griechischen Rollenklischees und will dem Klischee-Bild eines eleganten westlichen Mannes oder einer selbständigen westlichen Frau entsprechen und ändert daher seine Rauch-, Kleidungs- oder Konsumgewohnheiten. Die Xenomania manifestiert sich vor allem auf den Märkten: Westliche Produkte werden verstärkt gekauft – einheimische Produkte bleiben liegen. Mit diesen neuen Bildern ist – wie das ähnlich auch in Ostdeutschland vor der Wiedervereinigung zu beobachten war – der Glaube an einen Umschwung der Lebensverhältnisse, an ein reicheres und erfüllteres Leben verknüpft. „Durch das Neue wird mit einem Schlag alles anders, besser und leichter.“ Die Xenomania hat problematische Konsequenzen für den Lebensalltag der Griechen. Die neuen Bilder werden zwar aufgesucht und importiert, aber sie erweisen sich als nicht alltagstauglich. Das liegt daran, dass sie kurzfristig adaptiert, aber nicht wirklich erprobt und auf die Erfordernisse des griechischen Alltags hin umgeformt worden sind. Die modernen Bilder sind zwar attraktiv, sie lassen einen aber auch im Stich, denn sie verraten einem nicht, wie man seine Rolle als Vater oder Mutter konkret ausgestalten soll. Das Aufgreifen moderner Bilder stürzt daher viele Griechen in ständige Unsicherheiten und Irritationen über die eigenen Verhaltensnormen. Häufig werden die modernen Bilder auch nur für geschützte Übergangsphasen z. B. während des Studiums aufgegriffen. Sobald man eine Familie gründet, greift man wieder auf die traditionellen Bilder zurück. „Während des Studiums kleiden und verhalten sich die griechischen Frauen wie die Frauen im Westen. Wenn sie dann heiraten, wissen sie nicht, womit sie sich identifizieren sollen und machen letztendlich das, was die Mutter gemacht hat.“
Die heutige Kultur in Griechenland ist durch einen Bilder-Streit geprägt: Die vertrauten und halbspendenden traditionellen Bilder, die sich als nicht mehr angemessen erwiesen haben, konkurrieren mit den modernen, neuen Bildern, die sich aber noch nicht als angemessen erwiesen haben. Forciert wurde dieser Bilderstreit durch die Wiederholung der alten Verkehrungserfahrung. Ähnlich wie wir in Untersuchungen in der ehemaligen DDR festgestellt haben, zeigt sich auch in Griechenland, dass ein Bildwechsel oder Bilderstreit sich auch in den Einzelschicksalen der meisten interviewten Griechen manifestiert. Als drastisches Beispiel sei hier eine junge Mutter mit einem Kind erwähnt, die einerseits dem Bild der modernen, attraktiven Frau nachhängt, sich andererseits aber dem traditionellen Mutterbild verpflichtet fühlt. Vor allem ihrem Mann und den mit ihr im Haus lebenden Schwiegereltern will sie beweisen, dass sie eine vorbildliche Mutter ist. Jede Schwangerschaft dramatisiert ihren Bilderstreit, sie droht sich von dem attraktiven Bild wegzubewegen, das sie auch demonstrieren will. Diese Dramatisierung findet ihren symptomatischen Ausdruck in sieben Fehlgeburten, welche die Frau in den letzten Jahren hatte. Das Beispiel verweist darauf, dass wir immer mit allgemeinen Kultivierungsproblemen zu tun haben, die alle angehen und die den Einzelnen wie die Kultur im Ganzen behandeln. Die aktuelle Kulturlage in Griechenland ist nur zu verstehen, wenn man berücksichtigt, dass die Austragung des Bilderstreites der Logik und den Bedingungen des griechischen Behandlungssystems gehorcht. Eine Bedingung des Systems ist, dass sich ein Wechsel zu neuen Bildern – gemäß dem Gestaltungsprinzip – ohne entschiedene Entwicklungsausrichtungen und Konsequenzen vollziehen soll. Es soll also etwas anders werden, ohne dass dabei wirkliche Übergänge und konsequente Veränderungen in Gang kommen. Denn eine wirkliche Wandlung und Umbildung von alltäglichen Bildern und Umsatzkreisen würde das gesamte Kulturgefüge mitsamt dem fixierten Größenideal umbrechen. Der Anspruch auf Wiederauferstehung soll aber gerade nicht preisgegeben werden, und darum muss eine grundsätzliche Veränderung und Revision verhindert werden. Das „kulturpsychologische Kunststück“, das in Griechenland vollbracht werden soll, kann man folglich auf die Formel bringen: Anders werden und sich auf Entwicklung einlassen, aber dabei eine liebgewonnene Kultursäule – das Idealbild der eigenen Größe und Vollendung – aus Drehung und Umbildung heraushalten.
Das Kunststück „gelingt“, indem der Übergang zu neuen Bildern zwar demonstriert, aber nicht wirklich vollzogen und durchlitten wird. Man trägt sein Haar anders, raucht demonstrativ Westmarken, trägt Westmode oder hört westliche Musik, aber diese demonstrierte Verwandlung gewinnt keine entschiedene Gestalt. Die Bilder werden nicht zu eigen gemacht und die Maße, die mit den Bildern einhergehen, werden nicht auf den eigenen Lebensalltag verrechnet, um den abgespaltenen Übermaßstab unrelativiert zu erhalten. Man trifft letztendlich keine verbindliche Entscheidung für ein Bild. Mitunter versucht man, nach dem Prinzip der reversiblen Umorientierung, beiden Bildern gleichzeitig gerecht zu werden: Die alten Bilder werden zwar äußerlich abgelegt, aber dennoch nicht ganz aufgegeben, die neuen Bilder werden zwar demonstriert, aber nicht wirklich gelebt. Die demonstrierten Kehrtwendungen finden sich als Demonstrationsmechanismus auch in Einzelschicksalen wieder: In einem Interview mit einem jungen Griechen wird deutlich, dass er unbedingt anders sein will als die anderen Jugendlichen, er will zu einem unverwechselbaren eigenen Gesicht finden, ohne dabei in eine gesichtslose Übergangsphase zu geraten. Er wacht eines Morgens mit einer Explosionsakne auf, die ihm als medizinischem Ausnahmefall in vielen Städten die Aufmerksamkeit westlicher Koryphäen einbringt. Eine interessante Variation der demonstrierten Kehrtwendung ist der inzestuöse Bildwechsel. Hier wird ein Bildwechsel demonstriert, ohne – wie bei der Xenomania – auf Bildimporte jenseits des traditionellen kulturellen Bildbestandes zurückzugreifen. Man vertauscht einfach bestehende Bilder – Frauen greifen demonstrativ männliche Bilder auf. Männer orientieren sich an weiblichen Bildern. Das lässt sich besonders gut beim Rauchen verfolgen. Der feminin anmutende junge Mann mit langen Haaren, der mit der „Slim Line“ eine typische Frauenzigarette raucht, während die motorradfahrende Freundin „Camel“ ohne Filter raucht, mag hier als typisches Beispiel genügen. In einem griechischen Modemagazin entdeckten wir eine neue Kollektion, bei der auf die männlichen Kleidungsstücke die weiblichen Genitalien aufgemalt waren und auf die Kleider für Frauen die männlichen.
Das Kunststück, anders zu werden, ohne sich dabei auf wirkliche Übergänge, Verwandlungen und Maßstabsrevisionen einzulassen, funktioniert letztendlich jedoch nur durch eine wahnwitzige Steigerung des alltäglichen Grundumsatzes, durch eine irrsinnige Dynamisierung des beschriebenen kulturellen Gestaltungsprinzips. Das ziellose Laufen-Lassen extremisiert sich zu einem chaotischen Durchdrehen: Die Griechen versuchen, den neuen Verhältnissen gerecht zu werden und ein Anders-Werden zu erwirken, indem sie zwar ihren alten Lebensrhythmus beibehalten, ihn aber bis zur Raserei steigern. Durch ein schnelleres „Mehr desselben“, durch eine Steigerung der gewohnten Betriebsamkeit und des ziellosen Laufen-Lassens versucht man, doch noch die Wiederauferstehung alter Größe – ohne eine grundsätzliche Veränderung – zu erwirken. Eine Entsprechung dieses Prinzips findet sich im griechischen Sirtaki-Tanz: Der Rhythmus wird beibehalten, aber bis zum Exzess gesteigert. Die gesteigerte Betriebsamkeit, die sich zuweilen in ein chaotisches Durchdrehen extremisiert, zeigt sich am eindringlichsten in Athen. Athen verkörpert eine gigantische Extremisierung. Man kann sich kaum eine Stadt vorstellen, die noch hektischer und lauter, noch verkehrsdichter und smogiger ist, die sich noch metastasenhafter und unkontrollierter in alle Richtungen ausbreitet. Der Tag-Nacht-Rhythmus scheint in Athen weitgehend aufgehoben. Der Verkehr und das hektische Leben pulsieren pausenlos, ohne wirklich abzuebben. Im chaotischen Durchdrehen findet die Stadt keine Ruhe und keinen Schlaf. Die gesteigerte Betriebsamkeit manifestiert sich auch bei den Athenern. Sie betreiben einen ungeheuren, unablässigen und ruhelosen Aufwand (Arbeit rund um die Uhr, bis zu zwei Nebenjobs etc.), um weiterhin einen reichen und erfüllten Lebensstil demonstrieren zu können. Auch der normale Alltagsablauf der Menschen gehorcht also dieser dramatisierten und alles erschöpfenden Rhythmussteigerung. Das chaotische Durchdrehen zeigt sich schließlich auch in horrenden individuellen Konsumsteigerungen beim Rauchen, die derzeit bei vielen Griechen zu beobachten sind und die nur durch den Wechsel zur Leichtzigarette verkraftbar sind.
Ich komme zu einem Fazit: Durch die Extremisierung kultureller Behandlungszüge – durch die demonstrativen Kehrtwendungen und das chaotische Durchdrehen – versucht die griechische Kultur derzeit eine Veränderung und einen Übergang zu demonstrieren, ohne ihn tatsächlich verwirklichen zu müssen. In der gerafften Form der Ergebnisdarstellung konnte nur angedeutet werden, dass kulturelle Behandlungssysteme ebenso wie individuelle Systeme Formen eines Verkehrt-Haltens entwickeln können, die den Entwicklungs- und Verwandlungsspielraum zugunsten festgehaltener und liebgewonnener Bilder verengen. In der griechischen Kultur wird eine gigantische Dramatisierung von Erleiden- und Umkehren-Können bis zur Selbstzerstörung betrieben, um ein ewig geliebtes Bild, eine als alleinig tragend fixierte Säule der Kultur aus den Drehungen und Umbildungen der Entwicklung herauszuhalten: den Ressourcismus und das Wiederauferstehungs-Ideal.
¹ Die kulturpsychologische Studie in Griechenland wurde durchgeführt von Frau stud. cand. Anatoli Pimenidu, Frau stud. cand. Fotini Tilkeridou, Dipl.-Psych. Stephan Urlings und Dipl.-Psych. Stephan Grünewald.
*1 Daniel Schwartz (1984): Photography – Writing With Light. Self-portrait with the Parthenon, Athens. Aus: Schwartz, D. (1986): Metamorphoses. Greek Photographs. London.
8/9: Foto von MT Walters/Paul Walters (1991). Aus: APA Pocket Guides (Athen). Berlin.
11: Foto von MT Walters/Paul Walters (1991). Aus: APA Pocket Guides (Athen). Berlin.
13: Reiseprospekt Sounion.
19: Daniel Schwartz (1984): European Encounter II – Myron Meets Michelangelo, Illioupolis/Athens. Aus: Schwartz, D. (1986): Metamorphoses. Greek Photographs. London.
Grünewald, S. (1991): 700 Jahre Schweiz. Kulturpsychologische Anmerkungen zur Schweiz. Zwischenschritte, (10) 2, 96–100.
Meissner, H.-G. (1989): Europäisierung und Globalisierung als Zukunftsaufgabe der deutschen Marktforschung. Vorträge zur Markt- und Sozialforschung, Schriftenreihe 17/18, 1990.
Salber, W. (1969): Wirkungseinheiten. Psychologie von Werbung und Erziehung. Wuppertal.
Salber, W. (1973): Das Unvollkommene als Kulturprinzip. In: Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, (21) 2.
Dipl.-Psych. Stephan Grünewald
Geschäftsführender Gesellschafter IFM-Köln
Kaiser-Wilhelm-Ring 30–32
W-5000 Köln 1 Tel.: 0221 / 12 12 44 Fax: 0221 / 13 15 16
Arbeitsschwerpunkte: Kulturpsychologie, Qualitative Markt- und Wirkungsforschung, Klinische Psychologie.
Veröffentlichungen u. a. zur Psychologie der Zeitungslektüre, zur seelischen Verarbeitung von Atom- und Aids-Ängsten, zur Funktion der Werbung für die Kultivierung des Alltags, zum Golfkrieg und zur Kultur der Schweiz.
Hinweis: Dieser Artikel ist eine Neuauflage und wurde per Hand ins Digitale übertragen sowie an die neue Rechtschreibung angepasst. Wir bitten um Nachsicht für eventuelle Fehler.

Der Diplom-Psychologe aus Köln ist Gründer des Markt- und Medienforschungsinstituts rheingold. Grünewald ist ein gefragter Speaker und Bestseller-Autor, u.a. mit den Büchern „Deutschland auf der Couch“ (2006) und „Die erschöpfte Gesellschaft“ (2013) sowie „Wie tickt Deutschland“ (2019).