Dieser Artikel bezieht sich auf R. Tüpkers Märchenanalyse „Die Sonnenmutter“ – hier zu lesen.
Vorbemerkung:
In der therapeutischen Arbeit erlebe ich regelmäßig, wie Konfliktgespräche zwischen Partnern aus einem Moment heraus explosiv eskalieren können. Bei der Rekonstruktion des Verlaufs der Auseinandersetzung mit den Beteiligten kommt es nicht nur darauf an, die inhaltliche Verwicklung zu verstehen, sondern auch aufzuzeigen und einzuüben, wie Konfliktkommunikation anders verlaufen kann.
Beim Lesen der Studie von Rosemarie Tüpker zum Märchen Die Sonnenmutter kam mir die verbale Auseinandersetzung zwischen König Wolke und König Sonne wie eine Spiegelung meiner Erfahrungen mit vielen Paaren vor. Die kritische Aufarbeitung der Kommunikation der beiden soll keine Kritik am Märchen bedeuten, sondern sie dient hier dem Aufweis, wie Verhärtungen oder vielmehr konstruktive Richtungswechsel in Streitgesprächen entstehen können.
In seinem erkenntnistheoretischen Grundlagenwerk Der psychische Gegenstand stellt Salber die These auf, dass jede psychologische Theorie drei Fragen beantworten muss:
Mit welchen psychologischen Einheiten arbeitet sie? Wie erklärt sie, wie sich seelische Zusammenhänge herstellen? Und nicht zuletzt, wie kommt es zu Richtungswechseln in den psychischen Prozessen? (1959)
Das Deprimierende am Märchen von der Sonnenmutter ist, dass aus einer Freundschaft zwischen zwei Männern eine ewige Feindschaft wird. Der Prozess einer Auseinandersetzung kannte ab einem bestimmten Punkt nur eine Richtung: Verhärtung, sich verbeißen, im Sich-Bekämpfen, unversöhnlich bleiben, in seinen Positionen erstarren.
In ihrer Wirkungsanalyse berichtet Tüpker, dass die Leser mit Gefühlen der Ohnmacht und Hilflosigkeit reagieren. Sie werden traurig, fühlen sich überfordert. Manche gehen in eine Abwehr, wollen sich mit solch einem Stoff nicht auseinandersetzen; andere suchen nach Auswegen, indem sie sich Bilder für Versöhnung, Vermittlung und Überwindung der verhärteten Positionen herbeifantasieren. Aber die Realität des Märchens ist unerbittlich. Es spiegelt Konfliktpositionen, wie wir sie im Augenblick schmerzlich überall auf der Welt erleben (zwischen Republikanern und Demokraten in den USA, Israelis und Palästinensern im Nahen Osten, Russen und Ukrainern in Europa). Diese gegenseitige Spiegelung von literarischem Text und gelebte Wirklichkeit verstärkt die Irritationen, die Gefühle von Ausgeliefert-Sein und Hilflosigkeit bei den Lesern.
Was ist passiert?
König Wolke begehrt die wunderschöne Tochter eines Königs-Kollegen und möchte diese ehelichen. Der Vater-König verweigert sich diesem Wunsch. Er überbringt diese Ablehnung, indem er den Verehrer seines Kindes abwertet. Dieser sei „irgend so ein König Wolke“, für den er keine Tochter habe.
König Wolke gerät angesichts dieser Versagung seiner Liebeswünsche und der Herabsetzung seiner Person in eine rasende Wut und will mit einem Ver-nichtungsfeldzug gegen das Land und Volk dieses Königs sein verletztes „Herz mit Rache sättigen“.
Der Freund von König Wolke, nämlich König Sonne, tritt auf den Plan. Er fragt seinen Kameraden, was diesen umtreibt. König Wolke erklärt, was vorgefallen ist und wie er sich Genugtuung verschaffen will. König Sonne positioniert sich sofort: „Die armen Menschen haben Dir nichts Böses getan. Durch ihren König fühlst Du dich beleidigt, also räche Dich an ihm!“
Doch König Wolke lässt sich nicht von seinem Vorhaben abbringen, an Land und Volk des verhassten Königs Vergeltung zu üben: „Was kümmert`s mich!“, entgegnet er. „Wer will`s mir verwehren?“ König Sonne stellt sich seinem Freund gleichsam in einem unmittelbaren Reflex entgegen und ruft: „Ich!“
Von diesem Moment an werden aus den beiden Gefährten Feinde. Das Unglück nimmt seinen Lauf. Aus dem Kampf zwischen den beiden erwächst ewige Feindschaft.
Unsere Fragestellung lautet: Hätte die folgenreiche Begegnung der beiden Freunde auch eine andere, konstruktivere Richtung nehmen können?
Im weiteren Verlauf des Märchens wird König Sonne erst mal ein Opfer der Machenschaften seines ehemaligen Gefährten. Sodass die Aufmerksamkeit des Lesers auf den Befreiungskampf um König Sonne gelenkt wird. Der am Ende ja auch erfolgreich ist.
In unserem Zusammenhang jedoch interessiert etwas anderes: Der Ablauf der Konfliktkommunikation zwischen beiden.
Und dabei wird deutlich, dass König Sonne einen gehörigen Beitrag zur Verhärtung der Standpunkte und der sich Schlag auf Schlag entwickelnden Gegnerschaft geleistet hat.
König Sonne geht nicht auf die Enttäuschung und Verletztheit seines Freundes ein. Er zeigt kein Mitgefühl dafür, dass dessen Liebeswünsche unerfüllt bleiben und er durch eine Herabwürdigung seiner Person gekränkt worden ist. König Sonne akzeptiert zwar sofort das Rachebedürfnis seines Gefährten als ein berechtigtes Bestreben, sich Ausgleich für die erlittene Demütigung zu ver-schaffen (König Wolke soll sich am Vater-König rächen, nicht am unbescholtenen Volk.). Auch wird an diesem Vorschlag erkennbar, dass König Sonne seinen Kameraden besänftigen will. Doch diese Positionierung von König Sonne ist ein zu kurz greifender zweiter Schritt vor dem ersten: Verständnis und Anerkennung zu zeigen für die Gefühlslage seines Freundes. Es ist eine Gegen-Positionierung, und so wird sie auch von König Wolke aufgefasst.
Es ist offensichtlich, dass König Wolke im Gefängnis seiner Affekt-Besessenheit in seinem Wunsch nach Bestrafung völlig maßlos reagiert. Jedoch kann man solch einem Eingeschlossen-Sein in der brennenden Zerstörungswut wohl kaum bei-kommen, indem man als erste Reaktion darauf eine Gegenposition wählt. Anstatt anzuerkennen (Okay, Du bist zurecht enttäuscht und Du fühlst Dich zurecht ver-letzt!), solidarisiert sich König Sonne mit den zukünftigen unschuldigen Opfern der malträtierten Bevölkerung, die unter Dauerregen, Blitz, Hagel, Schnee und Sturm von König Wolke leiden wird.
In jedem Konfliktverlauf gibt es fast immer mehrere Zeitpunkte und Stell-schrauben, um zu deeskalieren, und zwar für beide Seiten.
König Sonne verpasst auch seine zweite Chance zur Deeskalation. Er geht in eine Konkurrenz-Gegnerschaft. König Wolke plustert sich auf, indem er behauptet, dass niemand in der Lage sei, ihn an seinem Rachefeldzug zu hindern. Davon lässt sich König Sonne provozieren. Mit dem Brustton der Überzeugung ruft er: „Ich!“
Auch hier hätte König Sonne die Möglichkeit gehabt, Respekt zu zeigen, Respekt für die gewaltigen Kräfte, über die König Wolke verfügt. Stattdessen konkurriert er mit ihm und zwar auf dem regressiv affektiven Niveau von ‚Ich bin stärker als Du.‘
Erst indem man die Ressourcen und Fähigkeiten des Gegenübers anerkennt, schafft man einen Raum, in dem es möglich wird, nach anderen Lösungen zu suchen.
Seit Heraklit wissen wir, dass die Entzweiung ein notwendiges Strukturelement des Lebendigen ist. Standpunkte stehen einander gegenüber.
Wie kommen diese Setzungen zu einem, sagen wir erträglichen Miteinander, das eine Dauerfeindschaft und eine mögliche gegenseitige Vernichtung verhindert?
Voraussetzung dafür ist, dass jeder Beteiligte erst einmal von seiner Position absieht. Er muss sie für eine Zeit lang zurückstellen und verstehen wollen, was den anderen umtreibt und bewegt.
Der Vater-König lässt es am notwendigen Respekt gegenüber dem Begehren und dem Status von König Wolke fehlen. König Sonne geht nur verkürzt auf die Enttäuschung und seelische Verletzung seines Freundes ein und wird letztlich ebenfalls Opfer seiner Eitelkeit. Indem er mit seinem Gefährten darum konkurriert, wer über die größeren Ressourcen und Kräfte verfügt, stürzt er sich unreflektiert in einen Kampf um Vernichtung.
Sein Gegenüber in seinen Beweggründen und Fähigkeiten verstehen und respek-tieren zu wollen, ist selbstverständlich keine Garantie dafür, dass Konflikte konstruktiv gelöst werden. Aber es ist eine unabdingbare Voraussetzung dafür, einen Möglichkeitsraum für einen Richtungswechsel innerhalb der Auseinander-setzung zu erschaffen.
Titelbild: Foto von Samwel Nsyuka auf Unsplash
Gutknecht, Thomas, (2021), Mut und Maß statt Wut und Hass – Ressentiments angemessen begegnen und Verantwortung übernehmen. Springer
Salber, Wilhelm, (1959), Der psychische Gegenstand – Untersuchungen zur Frage des psychologischen Erfassens und Klassifizierens. Bonn
Wirth, Hans-Jürgen, (2022), Gefühle machen Politik: Populismus, Ressentiments und die Chancen der Verletzlichkeit. Psychosozial-Verlag

Diplom-Psychologe Ralf Debus arbeitet als niedergelassener Psychotherapeut in eigener Praxis in Köln. Er war 18 Jahre lang Paar- und Sexualberater/Therapeut in einer PRO FAMILIA Beratungsstelle. Zwischen 1978 und 1986 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter von Wilhelm Salber, dem Begründer der Morphologischen Psychologie an der Universität zu Köln. Neben seiner Tätigkeit als Psychotherapeut ist die Wirkungspsychologie der Kunst ein weiterer Arbeitsschwerpunkt. Aktuelle Veröffentlichung: Die Gestaltpsychologie der Kunstbetrachtung: Eine Einführung anhand der Werkbeschreibungen von Werner Schmalenbach, Verlag Bücken & Sulzer, 2025.