Neue Psychologie – alte Metaphysik

Was hat Psychologie als moderne Wissenschaft mit Metaphysik zu tun? Die gehört doch in die Mottenkiste der Spekulation und Esoterik! Metaphysik ist die Lehre vom „Sein des Seienden“. Damit beschäftigte sich Aristoteles im Buch „nach“ der Physik – daher der Name „Meta“-Physik. Der heutige Wissenschaftsbetrieb will von
Metaphysik und Seins-Verständnis nichts mehr wissen. Indem hektisch „neues Wissen generiert“ wird, geraten die Grundfragen aus dem Blick.

Doch Metaphysik ist keineswegs überwunden. Sie herrscht unsichtbar weiter – als ‚Betriebssystem‘ der heutigen Zeit. In Bauten, Einrichtungen und Menschen der Techno-Finanzwelt verdinglicht sich eine Metaphysik. Sie liefert den Rahmen dafür, wie Menschen denken, worauf sie hinauswollen, wozu sie zusammenwirken. Sie liefert auch der Psychologie eine Basis.

Metaphysik ist nichts Überholtes, Unwissenschaftliches – im Gegenteil. Seit Kant’s „Kritik der reinen Vernunft“ (1781) dürfte klar sein, dass Wissenschaft und „objektives Denken“ auf transzendenten, metaphysischen Voraussetzungen gründen. Es gibt keine „voraussetzungslose“ Wissenschaft. Auch die Psychologie setzt Annahmen voraus, die sie selbst nicht begründen kann. Was bedeutet Welt? Was ist der Mensch? Wie erkennen wir die Psyche? Diese Grundfragen werden als unbeantwortbar abgewiesen oder an Kollegen im Universitätsbetrieb abgeschoben: Fachrichtung Wissenschaftstheorie.

Macht um der Macht willen

Im 20. Jahrhundert untersuchte Martin Heidegger Geschichte und Gegenwart der Metaphysik. Er zeigte, dass sich die neuzeitliche Metaphysik in der modernen Welt der Technik darstellt.

Was ist das für eine Metaphysik? Die abendländische Metaphysik vollendet sich im „Willen zur Macht“, so Heidegger: im sinnlosen, inhaltsleeren Streben der Menschen nach Macht, nur um der Macht willen. Die Herrschaft des „Willens, der sich selber will“ führt zur Verwüstung von Erde und Menschenwesen. Die „Verwindung“ dieser Machenschaften und der zugrunde liegenden „Seinsvergessenheit“ war das Hauptanliegen Heideggers. Zuvor hatte Nietzsche dieselbe Gefahr unter dem Titel „Nihilismus“ beschrieben. Das Resultat der Machtsteigerung um der Steigerung willen ist „Nichts“.

Diese Metaphysik verdinglicht alles Seiende zum Objekt menschlicher Herrschaft und Berechnung – auch den Menschen selbst. Nach dem Zweiten Weltkrieg sah mein Vater, Wilhelm Salber, dieses Konzept als das größte Hindernis einer Psychologie, die das geschichtliche menschliche Dasein verstehen will. Damit war er nicht allein. Die Thesen Nietzsches und Heideggers fanden damals weite Beachtung. Heute hat sich der Wind gedreht. Salbers Psychologie, die Morphologie, muss sich gegen einen wachsenden „Mainstream“ behaupten. Was ist geschehen?

Rückfall zur Metaphysik

Im Zuge der „Globalisierung“ setzte sich die Willens-Metaphysik weltweit als einzige Möglichkeit durch. Sie erscheint heute als Geldwertsteigerung um ihrer selbst willen, als Besessenheit, alles technologisch Machbare zu machen („Ki“) oder als zwanghafte Kontrolle und Verwaltung. Die ihr dienende Psychologie sieht den Menschen als ein Objekt, das mit „Kompetenzen“ ausgerüstet ist wie Persönlichkeit, Resilienz, Selbstführung, Lernen, Denken, Emotionen usw. Das klingt „wissenschaftlich“ – ist aber Metaphysik. Ohne es zu wissen, übernimmt die Psychologie das alte
Schema von „Substanz und Akzidenz“ aus der Metaphysik des Aristoteles – und überträgt es auf den Menschen. Mit welchem Recht? Und wie hängen diese ganzen Kompetenzen oder Akzidenzien untereinander zusammen? Diese Fragen überschreiten den Horizont einer Psychologie, die ihr Maß vom technischen Vorstellen und Rechnen nimmt.

Das „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM) der American Psychiatric Association definiert eine psychische Störung als „Syndrom, welches durch klinisch signifikante Störungen in den Kognitionen, in der Emotionsregulation und im Verhalten einer Person“ charakterisiert ist (siehe Wikipedia „Psychische Störung“). Hier ist die fortschrittliche Wissenschaft
immerhin schon bei der Lehre der drei „Seelenvermögen“ aus dem  18. Jahrhundert angekommen: Denken, Fühlen, Wollen. In der Zurückführung psychischer Störungen auf eine „Kausalkette von
Körpervorgängen“ greift sie dann auf die Metaphysik Descartes‘ zurück (17. Jahrhundert) – muss aber inzwischen zugeben, dass die „Kausalkette“ größtenteils unbekannt bleibt.

Eine andere Psychologie

Zum menschlichen Dasein gehört das „In-der-Welt-Sein“, beschrieb Heidegger in „Sein und Zeit“ (1927). Im Gegensatz zu allem dinglich Vorhandenen existiert der Mensch in einer Welt. Dieses „Welten von Welt“ ist nicht aus Ursachen erklärbar, schon gar nicht aus innerweltlich vorhandenen Objekten (Gehirn, Gene, Seelenvermögen, Kompetenzen…). Der Mensch ist absolut verschieden von allen Gegenständen, die in der Welt angetroffen werden: der Mensch existiert, er ist nicht bloß vorhanden wie ein Weihnachtsbaum – und das erfordert eine ganz andere Psychologie.

Das war Anfang der 1960er Jahre noch klar, als Wilhelm Salber begann, eine neue Grundlegung der Psychologie zu suchen, jenseits der Metaphysik. Wie Heidegger begann er mit Beschreibungen,
phänomenologisch. Dabei zeigte sich, dass „Bildung-Umbildung“ von Formen ein pragmatischer Ansatz ist, um das menschliche Existieren in seiner Geschichtlichkeit und Dramatik zu verstehen.
Menschen erleben und handeln nicht in starren Gestalten, sondern sie existieren im Übergang zwischen Formen. Das (Um)Bilden gibt ihrem Leben „Sinn“. Diese „Formenbildung“ ist jedoch
keine Leistung eines Subjekts, sondern das „Weben“ oder „Wirken“ eines umfassenden „Wirkungszusammenhangs“ in uns und durch uns hindurch.

Die Morphologie ist ein Versuch, auf diese Seherfahrung (oder Seinserfahrung) eine systematische Psychologie zu gründen. Das erfordert ungewohnte Kategorien wie Umwandlung, Übergang,
Zweieinheit, Verkehrung, Paradox. Leider bergen Kategorien wie „Wirkung“ heute Missverständnisse: damit ist gerade nicht Effizienz, Kraft oder durchschlagendes Handeln gemeint (wie im technischen Verständnis), sondern wie im ursprünglichen Wortsinn „Weben“ oder „Walten“. Ähnlich sieht Heidegger, dass Menschen existieren, indem sie „bauen“ (die Erde
bebauen und Werke errichten).

Metaphysik der Kriege und Führer

In seinem Aufsatz „Überwindung der Metaphysik“ (1936 – 1946) warnt Heidegger vor den zerstörerischen Konsequenzen der Metaphysik des „Willens zum Willen“:

„Die Weltkriege und ihre ‚Totalität‘ sind bereits Folgen der Seinsverlassenheit. Sie drängen auf die Bestandsicherung einer ständigen Form der Vernutzung. In diesen Prozess ist auch der Mensch einbezogen, der seinen Charakter, der wichtigste Rohstoff zu sein, nicht länger verbirgt.“ (S. 88)

Die permanente Vernutzung des Seienden für die menschlichen „Machenschaften“ lässt den Unterschied zwischen Krieg und Frieden verschwimmen: „Der Krieg ist zu einer Abart der Vernutzung des Seienden geworden, die im Frieden fortgesetzt wird.“ (S. 89)

So wird der gegenwärtige Ausbruch eines europäischen Krieges mitsamt seiner „hybriden“ Übergänge verständlich als eine Notwendigkeit zur Aufrechterhaltung des ziellosen „Willens zum
Willen“ – dazu gehören dann auch Täuschungen, Rechtfertigungen, Manipulationen. Die unbedingte Durchsetzung von Herrschaft um der Herrschaft willen, die Sicherung jeglicher Planung
angesichts des wachsenden Chaos, erfordern in zunehmendem Maße „Führung“. Dazu dienen heute Putin, Trump, Xi und andere Angestellte der Techno-Finanzherrschaft.

„Man meint, die Führer hätten von sich aus, in der blinden Raserei einer selbstischen Eigensucht, alles sich angemaßt und nach ihrem Eigensinn sich eingerichtet. In Wahrheit sind sie die notwendigen Folgen dessen, dass das Seiende in die Irrnis übergegangen ist, in der sich die Leere ausbreitet, die eine einzige Ordnung und Sicherung des Seienden verlangt.“ (Heidegger, a.a.O.)

Die Verödung der Psychologie zu einer Rechenübung auf metaphysischer Basis und die damit einhergehende Verkehrung von Psychotherapie zum effizienten Reparaturbetrieb des menschlichen Rohstoffs: das sind Anzeichen einer bedenklichen geschichtlichen Entwicklung. Rund 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges zeichnet sich keine „Überwindung der Metaphysik“ ab, sondern ihre Rückkehr in extremer Zuspitzung.

Martin Heidegger, Überwindung der Metaphysik. In: Vorträge und Aufsätze, S. 67 ff. Stuttgart 1954.

Ders., Bauen Wohnen Denken. In: Vorträge und Aufsätze, S. 139 ff. Stuttgart 1954.

Wilhelm Salber, Wie der Mensch sich selbst begreift. Vorlesungen zur Entstehung der Psychologie. Hrsg. Daniel Salber. Gießen 2025.

Daniel Salber, Desaster. Vom Elend der Globalisierung zur Wiederbelebung Europas – eine Streitschrift. Schwerin 2025.

Autor:in

Daniel Salber

Daniel Salber

Nach philosophischen Studien und Wanderjahren in Medien und Industrie arbeitet Dr. Daniel Salber, Jahrgang 1956, heute mit der Morphologischen Psychologie in Forschung, Beratung und Unterricht. Damit setzt er die von seinem Vater, Wilhelm Salber, an der Universität Köln entwickelte Lehre fort.

info@danielsalber.de

https://www.danielsalber.de/