König Sonne und König Wolke – Morphologische Untersuchung zu einem streitbaren Roma-Märchen

Zusammenfassung

Der Artikel untersucht das Roma-Märchen „Die Sonnenmutter“. Das Märchen beschreibt den Konflikt zwischen König Sonne und König Wolke, deren einstige Freundschaft in ewiger Feindschaft endet.

Das Märchen wird mithilfe der morphologischen Erlebensbeschreibung tiefenhermeneutisch untersucht, indem das subjektive Erleben von Leser:innen erfasst und miteinander in Austausch gebracht wird. Dabei zeigt sich, dass das Märchen starke emotionale Reaktionen hervorruft: Empörung, Trauer, Abwehr und Nachdenklichkeit. Es widerspricht der typischen Erwartung eines glücklichen Märchenendes, konfrontiert die Leser:innen mit unauflöslichen Gegensätzen und fordert so zur Akzeptanz von Polaritäten auf, die das Leben erst ermöglichen.

Im kulturübergreifenden Vergleich wird deutlich, dass das Märchen ebenso aktuell-alltagsnahe wie übergreifend spirituelle Themen anspricht und bewegt. Es erweist sich als vielschichtiges Kunstwerk, das über moralische Deutungen hinausgeht und zu einer reflexiven Auseinandersetzung mit Polarität, Ohnmacht und Erneuerung anregt.

 

Abstract

The article examines the Roma fairy tale “The Sun Mother”. The fairy tale describes the conflict between King Sun and King Cloud, whose former friendship ends in eternal enmity.

The fairy tale is examined using depth-hermeneutics with the help of morphological experience description, in which the subjective experiences of readers are recorded and exchanged with one another. It shows that the fairy tale evokes strong emotional reactions: indignation, sadness, defensiveness, and thoughtfulness. It contradicts the typical expectation of a happy fairy tale ending, confronts readers with irresolvable contradictions, and thus calls for the acceptance of polarities that make life possible in the first place.

A cross-cultural comparison clearly shows that fairy tales address and explore themes that are as relevant to everyday life as they are universally spiritual. They prove to be multi-layered works of art that go beyond moral interpretations and encourage a reflective examination of polarity, powerlessness, and renewal.

Keywords

Roma-Märchen, Morphologische Erlebensbeschreibung, Interkulturelle Märchenforschung, Rache und Versöhnung.

Roma fairy tales, morphological description of experiences, intercultural fairy tale research, Revenge and reconciliation.

 

Inhaltsverzeichnis

  1. Die Reichelsheimer Märchen- und Sagentage
  2. Zur Quelle
  3. Zur Methodik und eine Empfehlung
  4. Das Märchen
  5. Das Erleben des Märchens
  6. Nachgedanken für Morpholog:innen.
  7. Nachgedanken für Märchenforscher:innen
  8. Die vorgeschlagenen Stichworte

 

 1.     Die Reichelsheimer Märchen- und Sagentage

Am letzten Wochenende im Oktober 2025 fanden in der kleinen Gemeinde Reichelsheim die 30. Reichelsheimer Märchen- und Sagentage statt. Ein erstaunliches Phänomen: Da hat vor dreißig Jahren eine kleine Gemeinde von sechstausend Einwohnern mitten im märchenhaften Nirgendwo des Odenwaldes beschlossen, ein Märchenfestival zu veranstalten. Seither strömen jährlich, verteilt auf drei Tage, bis zu 50.000 Menschen aus der Umgebung in die Stadt, verlustieren sich auf dem Mittelaltermarkt, gehen mit den Kindern in die zahlreichen Märchenveranstaltungen, schlendern durch die kostümierte Stadt, hören Vorträge zur Märchenforschung, besuchen Konzerte und Theateraufführungen und die „Lange Nacht der Märchen“, in der Märchen für Erwachsene erzählt werden. Zum wissenschaftlich-literarischen Programm finden sich zudem Märchenfreund:innen aus ganz Deutschland, der Schweiz und anderen Ländern ein. Einer der Höhepunkte ist die jährliche Vergabe eines Literaturpreises an Personen, die sich in besonderer Weise mit dem Thema Märchen und Sagen beschäftigt haben. Er wird verliehen an Märchenforscher:innen und -erzähler:innen, Kinderbuchautoren:innen und Illustrator:innen und trägt den rätselhaften Namen Wildweibchenpreis.

Das Geheimnis des Namens lüftet sich den jeweiligen Preisträger:innen spätesten dann, wenn sie von Jochen Rietmann, dem Hauptorganisator des Spektakels, zum nahegelegenen Wildweibchenstein geführt werden, einer Felsformation, an der einst einige Wilde Weiber lebten, die etwas von Heilpflanzen verstanden, den Bräuten zu ihren Hochzeiten Geschenke machten, von Dieben geraubte Wäschestücke zurückbrachten, aber auch bösen Müttern die Kinder wegnahmen. (Es hat allerdings auch schon einmal ein Nominierter bei einem vorfühlenden Anruf gleich abgelehnt, weil er Frauendiskriminierendes vermutete). Dieses Jahr war der Preisträger der deutsch-iranische Illustrator Mehrdad Zaeri, der neben zahlreichen märchenhaft schön gestalteten Büchern, inzwischen auch riesige Wände mit seinen poetisch-zarten Bildern verschönert.

Und weil die Gastfreundschaft der Reichelsheimer so märchenhaft ist, treffen sich viele der Preisträger:innen dort immer wieder und halten Vorträge zu den jährlich neu gefundenen Themenschwerpunkten. Dieses Jahr lautete das Motto „Sonne, Mond und Sterne“, welches sich in den Erzähltraditionen der ganzen Welt in einem spannenden Zwischenfeld von Mythen und Märchen bewegt. Für diesen Anlass suchte ich für meinen Vortrag ein passendes Märchen und fand es in meinen Sammlungen der Märchen der Sinti und Roma. Das Märchen „Die Sonnenmutter“ fesselte mich, weil es mit der Auseinandersetzung zwischen Sonne und Wolke eine ungewöhnliche Gegenüberstellung wählt und mir auch sonst rätselhaft genug schien, um eine Analyse mit Hilfe einer morphologischen Erlebensbeschreibung lohnend zu machen, bei der man nie weiß, was dabei herauskommt.

2.     Zur Quelle

Das Roma-Märchen von König Sonne und König Wolke wurde 1886 von Heinrich von Wlislocki aufgezeichnet und in seiner Sammlung „Märchen und Sagen der transsilvanischen Zigeuner“ Nr. 9 unter dem Titel „Die Sonnenmutter“ in deutscher Sprache veröffentlicht. Von dort kam es in die Sammlung „Zigeunermärchen aus aller Welt“ von Heinz Mode und Milena Hübschmanová, die vermuten, dass Wlislocki das Märchen nicht nur aus dem Romani übersetzt, sondern auch sprachlich stark bearbeitet hat. Weitere Angaben zur eigentlichen Quelle lägen nicht vor.

Eine geringfügig andere Fassung des Märchens findet sich bei Jerzy Ficowski in der Sammlung „Ein Zweig vom Sonnenbaum“. Eine genauere Herkunft ist auch hier nicht angegeben, aber es ist interessant zu wissen, dass Ficowski, der schon 1944 während des Warschauer Aufstands gegen die deutschen Besatzer:innen gekämpft hatte, jahrelang bei einer Gruppe nomadisch lebender Roma untergetaucht war, um der Verfolgung durch die Staatssicherheit des stalinistischen Systems zu entgehen. Die Märchen in der deutschsprachigen Sammlung, die im Untertitel den Zusatz „Erste Sammlung“ trägt, aber nicht fortgesetzt wurde, wurden von Karin Wolf aus dem Polnischen übersetzt. Für meine Untersuchung hatte ich diese Fassung ausgewählt, weil die Fassungen Ficowskis oft sprachlich näher an den Ursprungsfassungen zu sein scheinen.

Erstaunlich fand ich angesichts der durchgeführten Erlebensbeschreibungen, dass sich das Märchen (in der Fassung von Ficowski) auch in der Sammlung „Kindermärchen der Sinti und Roma“ von Ulrike Fey-Dorn findet, versehen mit der Altersempfehlung: ab 6 Jahren. Aber die Frage der Eignung von Märchen für Kinder wird ja sowieso stets kontrovers diskutiert.

3.  Zur Methodik und eine Empfehlung

Methodisch wurde die Analyse des Märchens mit Hilfe der morphologischen Erlebensbeschreibung und deren Auswertung durchgeführt (vgl. Tüpker 2011 und 2020). Sie versteht sich als einen tiefenhermeneutischen Zugang zu Texten durch den intersubjektiven Austausch von Personen unter Einbeziehung auch unbewusster Erlebensanteile. Zur Verdeutlichung sei im Folgenden eine kurze Zusammenfassung des methodischen Vorgehens in diesem konkreten Fall skizziert:

Aufgrund eines gewissen Zeitdrucks konnte ich für die Erlebensbeschreibungen des Märchens nicht wie üblich live miteinander agierende Gruppen bilden, sondern verschickte das Märchen an insgesamt knapp 20 Personen, die es Zuhause lasen und zunächst ihr Erleben im Ganzen notierten. Dann waren sie aufgefordert noch einmal zu bestimmten Stichworten Einfälle aufzuschreiben. Da ich merkte, dass bei dieser Vorgehensweise doch die Diskussion in der Gruppe fehlte, habe ich mit einigen Personen noch einmal gesprochen und dadurch das Erleben ausführlicher und im Dialog evaluieren können. Für die zusammenfassende Darstellung hier wurden die drei Textsorten in Austausch gebracht.

Wie stets sei die Empfehlung an den Leser, die Leserin gegeben, erst einmal selbst das Märchen zu lesen und eigene Einfälle zu notieren, damit sie nicht verloren gehen. Als zweiten Schritt empfehle ich, auch zu den Stichworten, die ich am Schluss des Artikels aufgeführt habe – nach Art einer Traumanalyse – eigene Einfälle aufzuschreiben und erst dann das „Ergebnis“ der von mir erhobenen Erlebensbeschreibungen zu lesen. Auf diese Weise kann das eigene subjektive Erleben zum Mittel der Nachvollziehbarkeit wie auch zu einem Korrektiv der Analyse werden. Denn die von mir gefundene Interpretation der Märchen ist bei aller Intersubjektivität, eben immer auch durch die konkreten Beschreiber:innen geprägt sowie von der methodisch nicht weiter abgesicherten Auswahl der Stichworte durch mich beeinflusst.

Wichtig ist es mir daher noch einmal zu betonen, dass es, wie in der Analyse von Musik, auch bei Märchen nie um eine „objektive“ (Be-)Deutung eines Werks oder einer Erzählung geht. Eine solche kann es m. E. grundsätzlich nicht geben, weil Kunst immer erst im Auge des Betrachters entsteht und Märchen ihre Bedeutung im Kontext mit denen entfalten, die sie hören und sich mit ihnen auseinandersetzen. Das ist eine etwas andere Sichtweise als die Trennung zwischen dem Werk/Märchen und seiner Rezeption. Entsprechend gilt für mich, dass es für das Erleben kein richtig oder falsch gibt. Im interkulturellen Kontext sei zusätzlich betont, dass die Frage, wie ein Märchen zu seinen aktiven Erzählzeiten und im Kulturkreis seiner Entstehung erlebt wurde, sowieso nicht zu beantworten ist. Wohl aber können wir etwas darüber sagen, was ein Märchen aus einer anderen Zeit, einer anderen Kultur in uns bewegt, in Gang setzt und wohin es uns führt.

4.     Das Märchen

Die Sonnenmutter

Vor vielen, vielen Jahren als König Wolke noch sehr jung war, lebte er in enger Freundschaft mit König Sonne. Das waren Zeiten! Wenn König Sonne, von langer Wanderschaft erschöpft, ausruhte, kam König Wolke aus seinem Palast und befahl seinen Dienern, die dürstende Erde mit Regen zu tränken. Niemals geschah es in jenen Zeiten, dass die Sonne brannte, wenn die Menschen um Regen baten. Es war auch niemals so, dass Regen fiel, wenn sich die Menschen nach Sonne sehnten.

Einmal – es war gegen Nachmittag – traf König Sonne seinen Freund, König Wolke, und sagte zu ihm: „Lieber Freund, wegen der vielen Arbeit, die ich heute hatte, bin ich besonders matt. Ich bin in einem Land gewesen, wo es in der Nacht in Strömen geregnet hat; ich musste mich verdoppeln und verdreifachen, um die Erde zu trocknen. Die armen Menschen hätten sonst eine miserable Ernte gehabt. Sei so gut und störe mich nicht, wenn ich heute früher schlafen gehe.“

„Tut mir leid“, erwiderte König Wolke, „aber ich bin gerade auf dem Weg in dieses Land, wo gestern der Wolkenbruch war. Du hast dich ganz unnötig angestrengt, den Boden zu trocknen; denn ich hab‘ beschlossen, dass es in jenem Land neun Wochen lang ununterbrochen regnen soll. Die Menschen sollen mich kennenlernen!“

„Wofür willst du die armen Menschen strafen?“, fragte König Sonne.

„Das wirst du gleich erfahren“, antwortete König Wolke. „Der Herrscher jenes Landes hat eine über alle Maßen wundervolle Tochter. Ich will, dass sie meine Frau wird, doch der König, ihr Vater, widersteht meinen Absichten. Er hat gesagt, dass er keine Tochter hat für irgend so einen König Wolke. Wenn dem so ist, werd‘ ich den Menschen schon zeigen, wer ich bin. Ich nehme meine sämtlichen Diener mit – Blitze, Regen, Wind, Donner, Hagel und Schnee – und lasse Sie alle auf einmal wie eine Hundemeute los, um mein Herz mit Rache zu sättigen!“

Worauf König Sonne entgegnete: „Die armen Menschen haben dir nichts Böses getan. Durch ihren König fühlst du dich beleidigt, also räche dich an ihm!“

„Was kümmert‘s mich!“ rief König Wolke. „Wer will‘s mir verwehren?“

„Ich!“ antwortete König Sonne.

„Das möchte‘ ich sehen! Da bin ich aber sehr gespannt!“ lachte König Wolke, machte kehrt und ging seines Wegs.

Doch die Worte des guten Königs Sonne waren nicht nur Schall und Rauch gewesen. So schnell er konnte, eilte er zu jenem Land und kam dort an, noch ehe König Wolke mit seinen Dienern eintraf. Als endlich auch er erschien, konnte er nichts mehr ausrichten; denn die Sonne strahlte und wärmte so, dass die Diener:innen König Wolkes rasch das Weite suchten, um nicht zu verbrennen.

Wutschnaubend kehrte König Wolke mit seiner von der Sonnenglut angesenkten und angekohlten Diener:innenschaft in seine Heimat zurück. Von da an brach er häufig – von seinem auf den höchsten Berggipfeln der Welt gelegenen Domizil aus auf, um mit seiner Diener:innenschaft gegen jenes Land zu ziehen, dessen König er Rache geschworen hatte.

Doch stets kam ihm König Sonne zuvor und vertrieb von dort die ganze böse Bande. König Wolke wurde von Tag zu Tag, von Monat zu Monat wütender. „Wie kann man König Sonne aller Macht und Herrlichkeit berauben?“, sann er und beriet sich mit seinen Diener:innen.

Da sprach der Wind: „Ich hab‘ eine Idee! Ihr alle wisst, dass König Sonne, unser aller Feind, am frühen Morgen in die Welt hinausfliegt – da ist er noch ein winziges Kindlein! Um die Mittagsstunde ist er bereits ein reifer Mann, und des Abends, wenn er heimkehrt, ist er ein ehrwürdiger Greis, der in seiner Mutter Schoß einschläft. Täte er das nicht, würde er zum Morgen kein Kind, sondern bliebe auf immer ein kraftloser Alter. Wir müssen daher seine Mutter fassen, dann kann uns der Sohn nicht mehr schaden!“

Nachdem sie den Rat des Windes vernommen, freuten sich alle ungemein, und vor lauter Jubel begannen sie wie verrückt durcheinander zu schreien:

Schnee und Hagel riefen: „Knarr! Klirr! Das ist ein Rat!“

Der Blitz zickzackte von einem Winkel zum andern, wobei er gellte: „Kiskoß! Kis! Koß! Was für ein Spaß! Koß! Koskiß!“

Der Donner grollte: „Bumbarro, bumbarro, brumm! Das gibt was!“

Der Regen tuschelte: „Bri schint! Schint! Schint! Ein durchtriebenes Windchen unser Brüderchen!“

Und gleich darauf ließ sich König Wolke persönlich vernehmen: „Wirklich schlau, alles was recht ist. Ich werde mir die Sonnenmutter zu schnappen versuchen.“

Nach diesen Worten begab er sich zur Wohnung von König Sonne, gerade als dieser weit in der Welt draußen war.

Unterwegs verwandelte König Wolke sich in einen Schimmel. Und beim goldenen Haus König Sonnes angaloppierend, rief er der Sonnenmutter, die auf der Schwelle saß, entgegen:

„Guten Tag, liebe Dame! Ich bin das Sturmpferd! Dein Sohn, König Sonne, schickt mich, dass ich dich auf schnellstem Wege zu ihm bringe. Er befindet sich eben in einem wasserüberfluteten Landstrich und hat keine Kraft mehr, um ihn trockenzulegen. Darum möchte er gerne ein Stündchen in deinem Schoß ausruh‘n, um neue Kraft zu schöpfen!“

„Das hat mein Sohn bisher niemals von mir verlangt!“ entgegnete die Mutter. „Aber wenn er tatsächlich so geschwächt ist, will ich ihm eilends zu Hilfe kommen. Auf deinem Rücken begeb‘ ich mich zu ihm, das heißt wenn du erlaubst, dass ich mich auf deinen Rücken schwinge!“

Genau darum ging es König Wolke. Die Sonnenmutter bestieg das Pferd, und wie ein Sturmwind brauste es dahin, bis es in eine große Grube stürzte. Dort verwandelte sich das Pferd in König Wolke zurück, der die Sonnenmutter in der Felsenhöhle einschloss.

Der Abend brach an. König Sonne war bereits ein Greis. Als er heimkehrte, fand er seine Mutter nicht vor, konnte daher auch nicht in ihrem Schoße schlummern, wie er das von Anbeginn der Welt angetan hatte. Der Arme verlor ganz und gar seine Kraft und konnte sich nicht mehr bewegen.

Am anderen Tag wich die Nacht nicht. Und keine Sonne ging auf; denn die Sonne blieb in ihrem Haus. Finsternis allüberall. Und König Wolke mit seiner Diener:innenschar konnte unbeschadet auf seine Art das Regiment führen.

Doch nicht für lange. Aus einer Wolke schoss ein scharfer, greller Blitz und schlug in die Höhle ein, wobei ein Stück Felsen barst. Die Sonnenmutter packte das scharfe Blitzende und brach es ab. Mit diesem messerscharfen Blitzenden schabte sie eine Öffnung in die Höhlenwand und gelangte durch sie hinaus in die Freiheit. Sogleich eilte sie zu ihrem Sohn und bettete seinen todesmatten Goldkopf in ihrem Schoß. König Sonne schlief ein, und als er erwachte, war er ein ganz kleines Kind.

Er flog zum Fenster hinaus und erhellte die Welt. In allen Städten, Dörfern und Wäldern freuten sich die Menschen, sangen und tanzten vor Freude. Und sie dankten der Sonne, dass sie strahlte; denn die Finsternis hatte den halben Tag gedauert, und alle hatten sie längst schon die Hoffnung aufgegeben, dass noch einmal der helle Tag anbräche.

Und König Sonne verscheuchte den bösen König Wolke.

Seit dieser Zeit gibt es zwischen König Sonne und König Wolke weder Eintracht noch Freundschaft mehr, nur Feindschaft und ewigen Hader wie zwischen Hund und Katze oder Feuer und Wasser.

5.     Das Erleben des Märchens

Zum Gesamten

Das Märchen löst bei vielen eine heftige Abwehr aus, entspricht es doch so gar nicht den Erwartungen an ein Märchen. Vor allem nicht der, dass es gut ausgehe: Am Schluss sei nur Feindschaft und ewiger Hader, eine Freundschaft sei zerbrochen. Was vorher doch ganz gut miteinander konnte, sei nun zerstört und das auch noch für ewig. Dieses Machtgerangel, die Rachegelüste, die Ungerechtigkeit, dass Menschen unter etwas leiden müssten, was andere verursacht haben, das macht traurig, hoffnungslos oder ärgerlich und ist auf befremdliche Art doch hoch aktuell: Man denkt an Putin, Trump und einige andere, die zurzeit die ganze Welt schädigen, alles wieder kaputt machen, was doch schon einmal viel besser geworden war. Und leiden müssten die einfachen Leute, die da nichts dafürkönnen. Nun kommt einem das auch noch in einem Märchen entgegen, empören sich die Beschreibenden.

Einige werden auch an Fehden und Streit in der eigenen Familie oder in Freundschaften erinnert. Da macht der Schluss ganz schön zu schaffen und erinnert an die eigene Hilflosigkeit in solchen Streits. Man konnte danach nicht einschlafen und das Märchen und die eigenen Assoziationen dazu, belasteten so sehr, dass man gut überlegt, ob man die ältere Dame, die man noch ansprechen wollte, nicht doch besser damit verschont. Zumindest will man es ihr nicht am Abend vorlesen.

All das bewirkt als emotionale Reaktion auf das Märchen Abneigung und Empörung. Im Gegenzug aber auch Anerkennung, dass ein altes Märchen so etwas auch schon kenne und thematisiere. Man will das nicht, diesen ewigen Streit, diese Feindschaft, die eigentlich nicht sein müsste, aber als erwachsener Mensch und durch persönliche Erfahrungen und vor allem die weltpolitischen Verwerfungen der letzten Jahre weiß man, dass das leider so ist. Irgendwie sei das Märchen so gesehen nichts für Kinder, aber das seien die Märchen ja oft nicht.

Das Ganze macht sehr traurig. Oder man grenzt sich ganz klar ab: Das will ich nicht. Das brauchen wir gar nicht. Man wünscht sich einen anderen Schluss für das Märchen. „Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende“, wäre besser. Die Frage nach Versöhnung wird mehrfach gestellt, mal klingt das alltagsnah mit dem Ruf nach einem Vermittler, mal politisch mit dem positiven Einfall der Wiedervereinigung, an die ja auch niemand mehr geglaubt habe, mal religiös mit Christus als dem Mittler zwischen Gott und den Menschen.

Zu einzelnen Symbolen und Motiven

Im Hinblick auf die Symbolik wird beschrieben, dass Sonne und Wolke in dem Märchen personifizierte Naturkräfte seien. Es seien die elementaren Gegensätze, um die es hier gehe. Das muss man quasi zähneknirschend akzeptieren: Licht und Finsternis, Leben und Zerstörung, Feuer und Wasser, Wärme und Kälte, Nässe und Trockenheit.

Bei dem Zuviel an Regen am Anfang müssen fast alle an Klimawandel denken und einige an die Überschwemmungen im Ahrtal. Die schöne Ausgewogenheit des Anfangs sei futsch. Das mache hilflos.

In der emotionalen Zuwendung bekommt die Sonne ganz klar die Priorität, schon, weil wir mit schönem Wetter immer mehr die Sonne verbinden und kein Regenwetter. Dem steht aber natürlich das Wissen gegenüber, dass es auch zu trocken sein kann.

Eine erste Wendestelle des Märchens zentriert um diesen Absatz:

„Der Herrscher jenes Landes hat eine über alle Maßen wundervolle Tochter. Ich will, dass sie meine Frau wird, doch der König, ihr Vater, widersteht meinen Absichten. Er hat gesagt, dass er keine Tochter hat für irgend so einen König Wolke. Wenn dem so ist, werd‘ ich den Menschen schon zeigen, wer ich bin. Ich nehme meine sämtlichen Diener mit – Blitze, Regen, Wind, Donner, Hagel und Schnee – und lasse Sie alle auf einmal wie eine Hundemeute los, um mein Herz mit Rache zu sättigen!“

Gerätselt wird darüber, ob es das frustrierte Begehren von König Wolke sei, was ihn so wütend mache oder eine Kränkung. Die Redewendung von „irgend so einen“ klinge doch sehr deutlich nach Verachtung, nach Diskriminierung aufgrund einer Zugehörigkeit: Also das, was Ausländer oft in einem Land erlebten, und „Zigeuner“ vermutlich auch in jenen Zeiten schon kannten. Man fragt sich, ob es um unerfüllte Liebe, um Sexualität gehe oder um Narzissmus, einen narzisstisch Verletzten?

Die Formulierung „Sättigung mit Rache“ wird eher letzterem zugeordnet. Sie ruft bei allen vehementen Widerspruch hervor: Rache mache doch nicht satt. Was soll denn das für ein Herz sein, das von Rache satt werde. Ein total paradoxer Satz sei das. Das Herz werde davon nur hart, ein so gesättigtes Herz könne eigentlich nicht mehr schlagen, es käme zum Herzinfarkt, es zerbreche daran. „Satt“ hieße ja eigentlich auch gestillt, also still werden. Aber wenn man Rachegefühle habe, so wühlten die einen auf und hielten einen wach. Rache dann auszuüben, sei nur eine vordergründige Genugtuung. Auch das mache dann nicht satt, sei nie genug, finde kein Ende.

Hier wird klar Position bezogen: Es wird gefragt, wo denn diese Wut herkomme, sei das Eitelkeit, Machtdenken, Narzissmus? Wie dem auch sei, schreibt eine Person: „Wer Hass sät, wird Hass ernten.“ Wer sich so verhält sei unfähig, die weitreichenden Folgen des Handelns aus Rache richtig einzuschätzen. Das mache nur einsam und unbeliebt. „Rache ist Blutwurst“, erinnert jemand aus der Astrid Lindgren-Geschichte „Madita“ als Gegenstück. Das sei ein armes Herz. „Wo sind Mitgefühl, Liebe, Weisheit?“, wird gefragt. Das sei doch eigentlich das, was wir mit der Metapher vom Herzen verbänden. Und einem Beschreiber fällt zu dieser Stelle scheinbar unzusammenhängend die Frage ein: „Wo ist eigentlich die Mutter des Königs Wolke?“

Um einmal kurz die Ebene zu wechseln: Es ist ein Zeichen dafür, wie stark uns dieses Märchen aus einer anderen Kultur und einer anderen Zeit packt, wenn wir so emotional einsteigen und so entschieden Stellung beziehen. „König Wolke“ wird kritisiert, als wäre er ein Nachbar, ein Verwandter, ein Zeitgenosse. Dass wir uns so heftig distanzieren, zeigt zugleich, wie nah uns das Märchen gekommen ist, wie sehr es uns berührt und verwickelt.

Zu den Protagonisten

Gehen wir ein wenig näher auf die Protagonisten des Märchens ein: Obwohl der Titel des Märchens die Sonnenmutter ist, werden doch König Wolke und König Sonne als die beiden gegenläufigen Protagonisten erlebt. Man möchte sich bei der Übersetzerin bedanken, dass es ihr durch die Beifügung „König“ gelungen ist, dass „die Sonne“ und „die Wolke“ (im Deutschen) zu männlichen Figuren werden, wie es in vielen Sprachen üblich ist, so auch im Romani und Sintitikes. (Wolke ist in Romani grammatisch mal männlich, mal weiblich.) Das wird auch als passend zu dem Streit hier erlebt: Das seien eindeutig zwei Männer. Alle anderen Figuren sind diesen beiden zugeordnet: König Wolke hat seine wilde Dienerschaft: Wind und Regen, Blitz und Donner, Hagel und Schnee und König Sonne seine Mutter, mit der er eine Einheit bildet.

König Sonne

… „am frühen Morgen in die Welt hinausfliegt – da ist er noch ein winziges Kindlein! Um die Mittagsstunde ist er bereits ein reifer Mann, und des Abends, wenn er heimkehrt, ist er ein ehrwürdiger Greis, der in seiner Mutter Schoß einschläft. Täte er das nicht, würde er zum Morgen kein Kind, sondern bliebe auf immer ein kraftloser Alter.“

Dieser Teil der Erzählung löst Verblüffung und viele Einfälle aus.

Die Mutter sei die eigentliche Kraftquelle der Sonne, heißt es, ohne sie sei er nichts! Vernichtet man sie, so ist auch er vernichtet. Die Einfälle zu diesem Bild führen nun in ganz andere Gefilde: Vom Lebenskreis, Lebenszyklus ist hier die Rede, von einer Lebensreise, einem Leben im Zeitraffer. Das sei ja ein Jungbrunnen. Einige Beschreibende haben christliche Assoziationen, Jesu Geburt, Licht über dem Stall, Krippenspiel, aber auch die Pieta von Michelangelo taucht auf. Da sei eine ganz neue Parallele in den Sinn gekommen: das Jesuskind und der Gekreuzigte im Schoß der Mutter, so habe sie das noch nie gesehen.

Andere landen mit ihren Einfällen eher östlich: Wiedergeburt, als ob das größte Licht der Welt nichts wäre ohne den Schoß, in den es heimkehren darf. Erst das immer wieder erneuernde Geborenwerden rette die Menschheit.

Wieder andere müssen an das Rätsel der Sphinx aus der Ödipussage denken. Wie war das noch?

„Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein mit der Zahl seiner Füße; aber eben, wenn es die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder ihm am geringsten.“

Ödipus rät richtig: „Du meinst den Menschen, der am Morgen seines Lebens, solange er ein Kind ist, auf zwei Füßen und zwei Händen kriecht. Ist er stark geworden, geht er am Mittag seines Lebens auf zwei Füßen, am Lebensabend, als Greis, bedarf er der Stütze und nimmt den Stab als dritten Fuß zu Hilfe.“

Weil er dies erraten hat, entgeht Ödipus dem Ungeheuer und befreit Theben. Und mit diesem großen Glück beginnt zugleich sein großes Unglück. Er bekommt Iokaste, die Witwe des Königs Laios, zur Gemahlin, die aber zugleich seine Mutter ist.

Auch er kehrt also in den Schoß der Mutter zurück. Auch das sei eine kuriose neue Sichtweise auf die Ödipus Sage.

Insgesamt wird immer wieder spürbar, dass die Sonne in dem Märchen im Sinne der Personifikation zwar auf den menschlichen Bereich heruntergebrochen, zugleich aber auch transzendent angebunden sei.

König Wolke

Die spirituelle Anbindung trifft nämlich verblüffenderweise auch auf König Wolke zu, auch wenn dieser weniger sympathisch ist. Denn sein Zuhause ist ein „auf den höchsten Berggipfeln der Welt gelegenes Domizil.“

Auch zu diesem Bild, welches allen auch schon vor der Bearbeitung der Stichworte auffiel, gab es viele Einfälle, die religiös, transzendent anmuten:

Man sieht Tibet, klare Luft, da habe man einen weiten Blick, man denkt an Offenheit, aber auch an die Nester der Geier, die es dort gibt. Ein anderer erinnert sich ganz konkret an Tshurphu in Tibet, wo auf fast 5000 Meter Höhe das Kloster des Karmapa (Titel des höchsten Lamas der Karma-Kagyü-Schule im tibetischen Buddhismus) stehe. Andere denken an Lhasa oder Dharamsala und an den Dalai Lama. Wieder andere an Dörfer aus Natursteinen in Nepal, unten im Tal rausche dort ein Fluss durch und alles rieche ein bisschen verbrannt, weil alle mit offenem Feuer kochten. Auch wer nicht so weit gereist ist, beschreibt Vergleichbares: Dem Himmel so nah, Wolke Sieben, Götterwohnung, der Welt entrückt, Überblick gewährend, dem täglichen Tun entzogen, weit ab von der niedrigen Plackerei, die Aussicht muss wunderschön sein auf alles und jeden. Auch wenn das durchaus nicht jedem liegt: „ist mir zu hoch“, weltfremd, unerreichbar. Oder es wird kritisch angemerkt: „Wer so weit oben wohnt, sollte eigentlich einen wunderbaren Überblick haben.“ „hat eine gehobene Position, aber trotzdem nicht alles im Blick, keine Allmacht.“

Eine Drehfigur, …

Mit den transzendenten Assoziationen zu den beiden Protagonisten, gerät die schlichte Aufteilung in ein klares Gut und Böse ins Wanken und es entsteht eine Drehfigur mit wechselnden Positionen. Der rationale Anteil besteht in der „Einsicht“, dass wir ja Sonne und Regen (Wolken) gleichermaßen bräuchten. Emotional aber wird der Schluss dadurch umso unbefriedigender und trauriger.

Intermezzo: In einer Kindergeschichte, die stark an das Märchen angelehnt ist, findet sich die Versuchung umgesetzt, diese Trauer zu vermeiden und dem eigenen Harmoniewunsch zu folgen. Auch hier streiten Sonne und Wolke um die Alleinherrschaft, aber schnell einigen sie sich, zunächst auf ein abwechselndes Erscheinen, dann auf einen „Wolkensonnentag“, an dem die Wolke sich in viele kleine Wölkchen teilt und die Sonne zwischen ihnen hindurchscheinen kann. Wie im erwähnten rationalen Anteil heißt es in der pädagogischen Einleitung zu dieser Geschichte, dass Kinder mit ihr lernten, warum beides wichtig sei: die strahlende Wärme der Sonne und der erfrischende Regen der Wolken. [s. „Der kleine Sonnenstrahl und die Wolke“ Elkes Bräunlings Kindergeschichten.]

Das unbefriedigende Märchen hingegen führt die Leser:innen auf eine andere Ebene. Anstelle der Wunschfantasie vom Sich-Vertragen aller kommt es „zähneknirschend“ zu einer Akzeptanz der Existenz der ewigen Gegensätze. So sei es nun mal. Ohne die Gegensätze gäbe es diese Welt nicht. Sie sei nun einmal gekennzeichnet von Polaritäten, Unvereinbarkeiten. Nur dadurch entfalte sie sich zur Welt: Nur in der Transzendenz, hier märchenhaft markiert durch „vor vielen, vielen Jahren als König Wolke noch sehr jung war“, „von Anbeginn der Welt“, „auf den höchsten Gipfeln der Welt“, seien die Gegensätze vielleicht aufgehoben. Als Lesende können wir mit dem Anfang des Märchens sehnsuchtsvoll seufzen: „Das waren Zeiten!“

…die nicht ruht

Aber auch das bleibt instabil. Was auf der philosophierenden Ebene noch ganz gut gelingt, sperrt sich dem Gefühl, wenn man an die Unvereinbarkeiten in den eigenen Beziehungen denkt oder noch mehr, an die aktuellen Kriege und Weltkonflikte.

Das zeigt sich auch in Assoziationen, die an anderen Stellen des Märchens aufkommen, etwa im Hinblick auf die Szene, in der die Sonnenmutter in der Höhle eingeschlossen ist: Wie soll man das ertragen? Wo ist das Licht? Das wird beschrieben als ausweglos, kalt, lebenswidrig, entmachtet, man bekomme dort Panik. So müsse sich Verzweiflung anfühlen. Da sei keine Lösung in Sicht, kein Schlüssel, man sei aller Entfaltung beraubt, orientierungslos: Das lässt sich auf das Märchen beziehen aber mehr noch auf die Situation der Menschen, die man derzeit in den Nachrichten oder bei Instagram sieht, wie sie durch ihre zerstörten Städte irren, von einem Ort zum anderen getrieben werden, in Zelten leben. Ein schwarzes Tuch liege über der Welt „Finsternis allüberall“

In Bezug auf das Märchen kommt aber auch bei dieser düsteren Figur wieder eine Drehung: Kann eine Höhle nicht auch ein Schutz sein?, wird fragend angemerkt. Bienen verschlössen ihre Waben, um den kostbaren Honig darin zu schützen. Ein Schatz. Die Höhle könne auch ein Ort sein, um sich zu sammeln, ein Wandlungsort. Wie in den (eigenen) düsteren Zeiten, gebe es nach einer Weile auch im Märchen plötzlich Hilfe von außen. Die müsse man ergreifen, wie die Sonnenmutter dies tue. Solche Blitze seien eine Fügung von oben, man dürfe dazu die Hoffnung nicht aufgeben.[1]

Hier dreht es sich nun noch einmal ineinander: Die Sonnenmutter ergreift ein Stück von dem, was eigentlich zu König Wolke gehört: Sie packt das messerscharf Blitzende, schabt damit eine Öffnung und gelangt in die Freiheit. Wie König Wolke mit seinem Domizil in den Bergen etwas vom Pol der Sonne innewohne, gelingt die Befreiung, Erlösung nur mit einem Teil des Pols der Wolke. Das erinnert an die Darstellung von Yin und Yang mit dem jeweils innewohnenden Gegenpol.

Zusammenfassung

Wie auch in anderen Märchen der Roma bleiben die beiden gegensätzlichen Protagonisten nicht säuberlich in „Gut“ und „Böse“ getrennt. Das „Gute“ siegt zwar, aber dazu bedarf es sozusagen ein Stück von der Gegenseite. Im Grunde ist das in vielen Grimmschen Märchen ja auch nicht anders, wenn wir bedenken, wie grausam die „Guten“ in der Vernichtung der „Bösen“ sind.

Die kosmischen Kräfte von Sonne und Wolken sind in diesem Märchen einerseits personifiziert und auf den menschlichen Bereich heruntergebrochen, auf der anderen Seite bewegt das Märchen existenzielle Themen: Naturgewalten, menschliche Uremotionen, Kreisläufe von Leben und Tod, das unlösbare Miteinander und Ineinander der Gegensätze. Die sprachliche Fassung „König Sonne/König Wolke“ hat etwas Kindliches, Formulierungen wie „von Anbeginn der Welt an“, „Finsternis all überall“ und „ewiger Hader“ hingegen lassen spirituelle Themen von „Es werde Licht“ , ewiger Finsternis und Erlösung aufkommen und verbinden sich zur Sehnsucht nach Rettung, auch aus unserer weltpolitischen Situation. Und zugleich bestätigt das Märchen, was wir alltäglich erfahren und zu ertragen haben.

Es ist diese Spannung, durch die das Märchen als ausgesprochen gehaltvoll und hochwertig bezeichnet werden kann. Was zunächst etwas kindlich daherkommt, dann empört, verwirrt, traurig macht und frustriert, erweist sich als eine Parabel auf höchstem Niveau. Es zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht so schnell weggelegt werden kann, weil es etwas in uns berührt und uns mit Paradoxien konfrontiert, die nicht so glatt aufgehen.

Das macht das Märchen zeitlos und kulturübergreifend: Über den ursprünglichen kulturellen Kontext hinausgehend bewegt es uns und berührt Themen, die uns nah, alltäglich, aktuell sind und führt uns zugleich zu spirituell-philosophischen Fragen über die Kreisläufe von Leben und Tod, Licht, Dunkelheit und Erlösung.

So wie es am Anfang heißt: Das waren Zeiten! ging mir wohl deshalb am Ende der Auswertung durch den Kopf: Das ist ein Kunstwerk!

6.     Nachgedanken für Morpholog:innen

Das Märchen scheint uns eine Aneignung zunächst leicht zu machen, zieht es uns doch unvermittelt in seine Story hinein und verbindet sich schon von Anfang an mit eigenen Erfahrungen und erstaunlicherweise mit Problemen unserer Zeit. Die Antipathie gegenüber dem rachsüchtigen König Wolke hilft mit der einfachen Anordnung in ein Gut und Böse, die klaren Worte und die Wirkmächtigkeit König Sonnes folgt unserem Wunsch nach einer machtvollen Einwirkung, mit dem das Ganze schnell zu Ende gebracht werden könnte. Dann aber breitet sich eine andere Macht aus, der wir mit einer so einfachen seelischen Ausrüstung nicht gewachsen sind. Diese andere Macht besteht nun – morphologisch betrachtet – durchaus nicht in den bösen Taten König Wolkes und seiner Gesellen, sondern darin, dass wir merken, dass es genau dieser Impuls ist, der mit einem end-gültigen Getrennthalten (Hund und Katze), mit ewigem Hader, endet. Genau gegen dieses Ende aber sträubt sich das Seelische vehement. Während wir uns also das Märchen doch nicht so leicht aneignen können, weil es sperrig und unbefriedigend ist, eignet es sich in den ausgelösten Drehfiguren uns an und bildet uns auf eine Weise um, die uns nicht gefällt, die wir als „unmärchenhaft“ erleben und dann doch zähneknirschend als gekonnt anerkennen müssen. (Oder auch nicht, denn es ist ja nur ein Märchen.)

7.     Nachgedanken für Märchenforscher:innen

Die elementare Bedeutung der Sonne spiegelt sich im Erzählgut nahezu aller Völker wider. Häufig sind es Schöpfungsmythen, die von der Sonne erzählen, oft wird die Sonne als eine Gottheit aufgefasst. Die Mythen beschäftigen sich mit der Erfahrung, die die Menschen mit der Sonne machen: Sie geht auf und unter, im Sommer anders als im Winter, sie wechselt sich ab mit der Dunkelheit der Nacht, in der Mond und Sterne erscheinen. Ihr regelmäßiges Auftauchen und Verschwinden ist tief im Erleben der Menschen verwurzelt und eine kulturübergreifende Erfahrung.

In den Veden des Hinduismus entsteht der Sonnengott Surya aus Purusha, der sowohl Ursache für die Dinge in der Welt als auch Träger des Unwandelbaren ist. In Ägypten ist die Sonne ein sich selbst erzeugende Urgott. In anderen Mythen wird die Sonne von der Mutter Erde geboren, oft entsteht sie aus einem Urei, im Sinne der Einheit von Sein und Werden. So entsteht sie in der jüdischen Kabbala aus einem goldenen Ei. Zusammen mit dem Mond steht sie für das kosmische Gleichgewicht, wobei der Sonne die männliche Kraft symbolisiert und die Mond, die weibliche intuitive Seite des Lebens.

In der christlichen Schöpfungsgeschichte werden Sonne, Mond und Sterne am vierten Schöpfungstag erschaffen. Licht und Erde sind bereits da, Sonne und Mond werden geschaffen, um Tag und Nacht voneinander zu trennen, und die Jahreszeiten entstehen zu lassen. Mit den anderen Sternen zusammen dienen sie der Orientierung der Menschen in der Welt, in Raum und Zeit.

In der nordischen Mythologie ist Sol die Tochter einer Riesengestalt, (Mundifari) und einer Göttin (Eir), der Mond ist ihre Schwester. Wie der griechische Sonnengott Helios fährt Sol Tag für Tag den Sonnenwagen über den Himmel, verfolgt von einem Wolf, der sie am Tag des Weltuntergangs verschlingen wird.

Mythen von der Sonne sind entweder mit dem Licht verbunden, Sonnenlicht als das reine Erleuchtete und Transzendente. Ihr Licht vertreibt die Dunkelheit, das lässt sich real erfahren und als Metapher verstehen. Odes sie steht für die Wärme: Dann ist die Sonne mit dem Feuer verbunden und damit, wie die Menschen sich das Feuer auf die Erde geholt haben.

Mit der Personifikation, wie sie auch in dem ausgewählten Märchen zu finden ist, bringen Märchen, im Unterschied zu den Mythen, das kosmische Geschehen in den menschlichen Bereich. Bei den Aborigines in Australien z.B. sind Sonne und Mond ein Paar, ihr jeweiliges Verschwinden bei Nacht bzw. bei Tag lässt sich da gut damit begründen, dass sie sich in der Betreuung der Kinder abwechseln.

Anders als in dem vorgestellten Märchen, sind häufiger Sonne und Mond als Gegensatzpaar aufeinander bezogen: Sie lösen einander ab oder sie verfolgen einander. Ihre Feindschaft zeigt sich darin, dass die Sonne am Tag und der Mond bei Nacht erscheint. In den Märchen ist die Sonne meist positiv konnotiert: mit Frohsinn, Glück, Gesundheit, Wärme und Geborgenheit. Manchmal hilft sie bei der Lösung schwieriger Aufgaben, verschenkt Zaubergegenstände oder weist den richtigen Weg.

Das Erleben von Sonnenfinsternissen, wie es indirekt auch in dem hier behandelten Märchen vorkommt, löste vermutlich häufig Weltuntergangsfantasien aus. Sie ließen spürbar werden, wie abhängig alles auf Erden von der Sonne ist: von ihrem Licht, ihrer Wärme. Das Wachsen der Pflanzen ist davon ebenso abhängig wie das Sehen und Erkennen der Welt im Tierbereich wie beim Menschen. Ihr Ende wäre daher zugleich das eigene Ende und das Ende der Welt. Mythen und Märchen setzen das darin um, dass die Sonne von ihrem Weg abkommt, gefressen oder – wie in der Sonnenmutter – gefangen genommen wird. Die Bedeutung der Sonne für Wahrnehmung und Erkenntnis spiegelt sich auch in der Redewendung „Die klare Sonne bringt es an den Tag“, welche zugleich der Titel eines Märchens der Brüder Grimm ist, in der die Sonne, wie von dem erschlagenen Juden prophezeit, indirekt zur Zeugin des Mordes wird und den Schneider für seine Tat vor Gericht bringt.

Die Enzyklopädie des Märchens bietet einen umfangreichen Hauptartikel zur Sonne. Auch im internationalen Typenkatalog Aarne-Thompson-Uther-Index findet sich die Sonne mehrfach erwähnt (s. Lüdecke, in EM, Band 12, Spalte 873-881).

Daneben finden sich in der Enzyklopädie weitere Stichworte zur Sonne, die sich teilweise auf einzelne Märchentypen beziehen:

  • Die Sonne bringt es an den Tag (ATU 960) (Jurjen van der Kooi, ebd. 881-884)
  • Sonnenaufgang zuerst sehen (ATU 120) (Carme Oriol, ebd. 885-888)
  • Sonnenlicht im Sack (ATU 1245) (Siegfried Neumann, ebd. 888-892)
  • Sonnenmythologie (Werner Bis, ebd. 892-897)
  • Sonnenstrahl: Kleider am S. aufhängen (Anita Unterholzner, ebd. 897-900)
  • Sonnentochter (ATU 898) (Marilena Papachristophorou, ebd. 900-902.

Zur Gegenfigur des Märchens, der Wolke, finden sich hingegen keine Artikel, lediglich zu den Gehilfen, etwa Regen, Blitz und Donner.

8.     Die vorgeschlagenen Stichworte

  • neun Wochen Regen
  • das Herz mit Rache sättigen
  • ein auf den höchsten Berggipfeln der Welt gelegenes Domizil
  • ein winziges Kindlein, ein reifer Mann, ein ehrwürdiger Greis
  • in eine Felsenhöhle eingeschlossen
  • von Anbeginn der Welt an
  • Finsternis allüberall
  • ewiger Hader

[1] Die Erfahrung, dass Wandlung als „von außen“ oder „von innen“ kommend erlebt werden kann, zeigt sich vielleicht darin, dass in der Fassung von Wlislocki etwas Eigenes die Rettung bringt. Dort lässt sich die Sonnenmutter ihre Fingernägel lang wachs und schabt sich damit nach außen.

 


Fey-Dorn, Ulrike: Kindermärchen der Sinti und Roma. Mit Gestaltungs- und Spielanregungen. Güthersloher Verlagshaus, Güthersloh 1994, S. 20-24.

Ficowski, Jerzy: Ein Zweig vom Sonnenbaum. Märchen polnischer Zigeuner. Aufgezeichnet und erzählt von Jerzy Ficowski. Erste Sammlung, S. 30-34.

Mode, Heinz; Hübschmanová, Milena: Zigeunermärchen aus aller Welt. Band 3, Insel-Verlag Leipzig, 1984, S. 189-193.

Ranke, Kurt; Brednich, Rolf Wilhelm u. a.: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. 15 Bände. De Gruyter, Berlin 2005-2017, Band 12, Spalte 873-902.

Tüpker, Rosemarie: Musik im Märchen. Reichert Verlag, Wiesbaden 2011.

Tüpker, Rosemarie: Märchen von nah und fern. Einfach erzählt für die Arbeit in sozialen Kontexten. Waxmann, Münster 2020.

Wlislocki, Heinrich von: Märchen und Sagen der transsilvanischen Zigeuner. Berlin 1886, Nr. 9, S. 13-16

Autor:in

Rosemarie Tüpker

Rosemarie Tüpker

Musiktherapeutin, Morphologin, Märchenforscherin

Prof. Dr. phil. Rosemarie Tüpker, Jahrgang 1952, studierte zunächst Musik an der Musikhochschule Köln und anschließend Musikwissenschaft, Psychologie und Philosophie an der Universität zu Köln. Dort lernte sie Wilhelm Salber und seine Morphologie kennen. Fasziniert von der Kunstnähe dieser Psychologie brachte sie die Morphologie in die Musiktherapieausbildung ein, die sie parallel im Mentorenkurs Musiktherapie in Herdecke absolvierte. Mit musiktherapeutischen Kollegen gründete sie die Forschungsgruppe und das Institut zur Morphologie der Musiktherapie, welches die Morphologie in Musik und Therapie erforschte und lehrte. Nach einer Zeit als Musiktherapeutin in einer psychosomatischen Klinik leitete sie von1990 bis 2017 die Studiengänge Musiktherapie an der Universität Münster. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Schnittfeld von Morphologie, Psychoanalyse, Künstlerischen Therapien, Wissenschaftstheorie und Märchenforschung.

Website: https://www.rosemarietuepker.de